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Kopfwelten Zu schön für den Job

Wartet hinter der Tür eine nicht ganz so hübsche Chefin? Dann haben die beiden Schönheiten schlechte Karten
Wartet hinter der Tür eine nicht ganz so hübsche Chefin? Dann haben die beiden Schönheiten schlechte Karten
© Colourbox
Attraktiven Menschen steht die Welt offen. Von allen werden sie bewundert und bevorzugt - es sei denn, ihr anziehendes Äußeres bedroht das Ego eines anderen.
Von Frank Ochmann

Auch wenn in den USA gerade wieder der Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung gefeiert wurde, muss einem ihrer zentralen Bekenntnisse energisch widersprochen werden: Wir sind offenkundig nicht alle gleich geschaffen worden! Am augenfälligsten unterscheiden sich Menschen wohl durch ihre Attraktivität. Selbst Babys schauen schon danach und fühlen sich zur Schönheit hingezogen, ohne dass ihnen jemand beibringen musste oder auch nur konnte, worauf sie dabei achten sollen.

Offenbar empfinden wir von Geburt an eine Symmetrie der Züge als anziehend, die sich durch das Mittel aller möglichen Gesichtstypen einstellt. Genau genommen ist es also der Fleisch gewordene optische Durchschnitt, der dem Betrachter Glanz in die Augen treibt. Und das wohl vor allem, wie vor einigen Jahren herauskam, weil es für unseren Kopf überaus bequem ist, mit Prototypen umzugehen: "Hast du einen gesehen, hast du alle gesehen …" Das macht im menschlichen Umgang wenig Mühe und wird von unserem ziemlich faulen Gehirn zum Dank mit Bewunderung bedacht.

Andererseits wissen Sie natürlich: Es kommt bei einem Menschen auf die inneren Werte an! Allerdings haben die äußeren Merkmale auf die Einschätzung der intellektuellen und charakterlichen Eigenschaften durchaus einen Einfluss. Und das ahnen wir mindestens auch. Erinnern Sie sich noch an ihre letzte Bewerbung? Wie lange haben Sie gesucht, ausgewählt und wieder verworfen, um das imponierendste Foto zu finden? Strahlend schön wollten Sie selbstverständlich erscheinen - und sind vielleicht genau deshalb nicht einmal bis zu einem Vorstellungsgespräch gekommen.

Trotz Vernunft der Schönheit verfallen

Jetzt publizierte Studienergebnisse der Psychologin Maria Agthe von der Ludwig-Maximilians-Universität München legen das jedenfalls nahe. Im Prinzip ist es natürlich kein Nachteil, fürs Auge der anderen angenehm hervorzustechen. Sogar bei der moralischen Beurteilung profitiert man davon. Die Schönen seien auch die Guten, glaubte vor über zweieinhalb Jahrtausenden schon die griechische Dichterin Sappho. Und Anfang der 1970er Jahre bewiesen Psychologen, dass auch wir modernen Vernunftmenschen der Schönheit verfallen sind und ein attraktives Äußeres oft ganz automatisch als Zeichen einer makellosen Seele werten. Allerdings warnt die Volksweisheit auch vor dem schönen, verführerischen Schein und bündelt so im Sprichwort negative Lebenserfahrungen, die aus dem allzu leichtfertigen Umgang mit den Schönen erwachsen sein müssen. Äußere Attraktivität ist also zwar beliebt, aber nicht zwangsläufig bei allen anderen auch willkommen.

Das wird sofort klar, wenn wir an die klassische Eifersucht denken. Weltliteratur und Filmdrehbücher sind voll davon: Ob Mann oder Frau, ist der tatsächliche oder auch nur vermutete Nebenbuhler begehrenswerter als der Partner und lässt nicht ab, droht heftiges Ungemach. Und sonst vielleicht auch. Doch was wird aus solchen problematischen Beziehungen, wenn wir sie nicht im aufgeheizten romantischen Rahmen betrachten, sondern inmitten einer eher kühlen, auf Effizienz gerichteten Situation? Bei Bewerbungen zum Beispiel.

Hässlich? Dann gibt's kein Stipendium

Über 2600 Freiwillige im Studentenalter (rund 60 Prozent davon weiblich) sollten aus Porträtfotos von jeweils drei männlichen und drei weiblichen Kandidaten die Vergabe eines Stipendiums entscheiden. Aus rund 1000 Fotos waren von einer unabhängigen Jury zuvor die Klassifizierungen vorgenommen worden: ein bis zehn Schönheitspunkte konnten jedem Gesicht zugeordnet werden. Nach der Wahrscheinlichkeit hätte unter den fiktiven Stipendiaten am Ende je ein Drittel aus den drei zuvor eingegrenzten Attraktivitätsgruppen stammen müssen.

Tatsächlich aber erhielten die sehr Attraktiven in knapp der Hälfte aller Fälle den Zuschlag. Die "hässlichen Entlein" dagegen kamen gerade mal auf etwa 16 Prozent der Stipendienzusagen. Der Rest ging an die durchschnittlich Schönen unter den Bewerbern. Zumindest galten diese Resultate, solange die Juroren über das jeweils andere Geschlecht zu entscheiden hatten. War der Bewerber auch ein Mann zeigten Männer keine Abweichung von der Wahrscheinlichkeit. Frauen ließen nur eine leichte Abneigung gegen gar zu hübsche Geschlechtsgenossinnen erkennen. Wurden die etwa insgeheim als Nebenbuhlerinnen gesehen, obwohl es doch in diesem Test um reine Verwaltungsakte ging?

Hässliche Chefs bevorzugen hässliche Bewerber

Die Psychologin Maria Agthe wollte darum in einem weiteren Experiment herausfinden, welchen Einfluss die Attraktivität der Juroren auf die Auswahl hatte. Diesmal sollte fiktiv ein Job vergeben werden. Die fachlichen und persönlichen Qualitäten der Bewerber wurden den diesmal über 600 angeblichen Personalchefs im Detail dargestellt, dazu gab es wieder die Porträts. Die Beschreibungen wurden so gestaltet, dass alle Kandidaten für den Job gleich gut geeignet waren. Nur ihr Aussehen war also verschieden. Bei der Auswertung der Ergebnisse wurde dann - anders als im ersten Experiment - auch danach unterschieden, wie attraktiv die Entscheider selbst waren.

Gehörten sie selbst zur Gruppe der sehr attraktiven Menschen, war ihrer Auswahl unter den Bewerbern nicht anzumerken, dass Schönheit eine besondere Rolle gespielt hatte. Anders aber bei den optisch nicht so herausragenden Chefs und Chefinnen: Beim anderen Geschlecht bevorzugten sie klar die besonders Attraktiven. Nicht so beim eigenen. Da fielen die Schönen nämlich glatt durch. Wer setzt sich schon gern einen Konkurrenten ins Nachbarbüro, der zur Gefahr für den eigenen Sozialstatus werden kann? Und da fällt dann eben die Gerechtigkeit auch mal dem Schutz des eigenen Egos zum Opfer.

Maria Agthe regt an, bei Bewerbungen künftig wie in den USA auch hierzulande auf das meist noch obligatorische Foto zu verzichten, damit solche Ungerechtigkeiten aufgrund des Aussehens - in beiden Richtungen - möglichst vermieden werden. Bis dahin sollte man sich als Bewerberin oder Bewerber vermutlich besser überlegen, mit wem man es zu tun bekommt und was das fürs eigene Styling bedeuten könnte. Manchmal wäre dann weniger sicher mehr. Und sollte es Sie dennoch erwischen und ihre Attraktivität zum Hindernis werden, nehmen Sie es nicht zu tragisch. Denn genau besehen ist Ihre Ablehnung dann ja ein tief empfundenes Kompliment.

Literatur

  • Agthe, M. 2010: Don't Hate Me Because I'm Beautiful: Anti-Attractiveness Bias in Organizational Evaluation and Decision Making. Journal of Experimental Social Psychology (im Druck, online vorab: doi:10.1016/j.jesp.2010.05.007)
  • Langlois, J. & Roggman, L. A 1990: Attractive faces are only average. Psychological Science 1, 115-121
  • Langlois, J. et al. 2000: Maxims or Myths of Beauty? A Meta-Analytic and Theoretical Review. Psychological Bulletin 126, 390-423
  • Rubenstein, A. J. et al. 1999: Infant Preferences for Attractive Faces: A Cognitive Explanation. Developmental Psychology 35, 848-855
  • Winkielman, P. et al. 2006: Prototypes Are Attractive Because They Are Easy on the Mind. Psychological Science 17, 799-806

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