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Kopfwelten Rüpelnde Chefs kosten Millionen

Mancher Chef verhält sich wie auf einem Pavianfelsen. Das schadet nicht nur den Mitarbeitern, sondern kostet auch das Unternehmen viel Geld
Mancher Chef verhält sich wie auf einem Pavianfelsen. Das schadet nicht nur den Mitarbeitern, sondern kostet auch das Unternehmen viel Geld
© Colourbox
Nett kommt weiter: Studien belegen, dass Vorgesetzte mit schlechten Manieren nicht nur nerven, sondern Geld versenken. Ihre Mitarbeiter setzen alles daran, sich zu rächen und der Firma zu schaden.
Von Frank Ochmann

Kennen Sie das? Sie stehen im Büro des Chefs, sollen über den Fortschritt Ihrer Arbeit berichten, doch statt für Sie interessiert sich der Vorgesetzte erst einmal für ein paar noch ungelesene Emails oder ein witziges Filmchen auf Youtube, bei dem eine Katze auf einem Staubsauger Karussell fährt. Lustig, oder? Replay!

Sie können Ihren Vorschlag für das weitere Vorgehen doch noch irgendwann vortragen, ohne allzu oft unterbrochen zu werden, das Projekt wird ein Riesenerfolg - und wer hat's erfunden? Richtig! Es muss doch schließlich einen Grund haben, warum die einen an der Spitze sind und die anderen nicht, oder? Und noch einmal dürfen Sie raten: Wer wäre denn wohl der Schuldige gewesen, wenn dieses Hammerprojekt - nur mal so rein theoretisch - sich zum Flop entwickelt hätte?

Sollten Sie anderes vermutet haben: Die Qualität der Umgangsformen steigt keineswegs proportional zur Gehaltsklasse. Und womöglich ist es ja wirklich nur ein Zufall, dass es zwei Frauen sind, zu deren Forschungsthemen seit etlichen Jahren das schlechte Benehmen in Unternehmen gehört. Christine Porath und Christine Pearson sind Management-Professorinnen, die eine an der University of Southern California in Los Angeles, die andere an der Thunderbird School of Global Management in Glendale, Arizona, einer der weltweit führenden Schulen für den Führungsnachwuchs.

Pavianfelsen oder zivilisiertes Unternehmen?

1998 fanden die beiden Wissenschaftlerinnen bei einer ersten Umfrage heraus, dass 25 Prozent der Angestellten sich mindestens einmal pro Woche ungehörig behandelt fühlten. 2005 hatte sich diese Zahl schon annähernd verdoppelt. Von allen rund 9000 Beschäftigten, mit denen Porath und Pearson im Laufe ihrer Studien eingehende Interviews führten, waren 96 Prozent selbst schon einmal rüde angegangen worden. Und 99 Prozent hatten beobachtet, wie andere es mit rüpelnden, diskriminierenden oder einfach nur unhöflichen Chefs zu tun bekommen hatten.

Die Verursacher dieser Eindrücke spielen ein derartiges Verhalten üblicherweise herunter: Es sei doch gar nichts Schlimmes passiert. Und wenn doch, dann nicht beabsichtigt. Das kann sogar sein. Es geht aber nicht darum, wie etwas gemeint war. Entscheidend ist vielmehr, wie ein nicht erwiderter Gruß, eine unbeantwortete Frage oder ein übler Scherz vor versammelter Mannschaft ankommt. Denn abgesehen davon, dass es eher an einen Pavianfelsen als ein zivilisiertes Unternehmen erinnert, hat solches Verhalten schwerwiegende Folgen, wie die Forschungsarbeiten von Pearson und Porath zeigen. Psychologische Studien stützen die Resultate: Kaum etwas ist so belastend für Menschen wie die Erfahrung von Respektlosigkeit, wo sie Respekt mit allem Recht erwarten dürfen. Selbst die Gesundheit kann darunter nachhaltig leiden. Und das sind nicht die einzigen Konsequenzen.

Verbundenheit mit dem Unternehmen sinkt

94 Prozent der Beleidigten rächen sich direkt an denen, die ihnen unhöflich oder sonst wie grob begegneten, 88 Prozent schädigen als Vergeltung das Unternehmen, in dem sie schlecht behandelt wurden: 48 Prozent reduzierten absichtlich die Arbeitsleistung, 47 Prozent die Arbeitszeit und 38 Prozent die Qualität der Arbeit, an der sie gerade sitzen. 80 Prozent verlieren zudem Arbeitszeit, weil sie die Begebenheit ihrer Demütigung innerlich noch lange beschäftigt und 63 Prozent, weil sie dem aus dem Weg gehen, der sie beleidigt hat. So gut wie immer leidet aber nicht nur das Verhältnis zum leitenden Übeltäter. 78 Prozent der Betroffenen fühlen sich nach einem derartigen unangenehmen Vorfall insgesamt weniger mit ihrem Unternehmen verbunden. Und für 12 Prozent bleibt am Ende nur noch ein Ausweg: die Kündigung. Und wenn Sie sich die Zahlen ansehen, werden Sie entdecken, dass ein und derselbe Angestellte womöglich gleich auf mehrfache Weise zurückschlägt. Still zumeist, aber wirkungsvoll.

Die beiden Forscherinnen führten auch Experimente durch, um unter kontrollierten Bedingungen testen zu können, was rüdes, unhöfliches Benehmen mit denen macht, die es als Untergebene ertragen müssen. Sie fanden, dass sich die Kreativität und Konzentration um 20 oder gar 30 Prozent verminderte. Und das längst nicht nur bei den direkt Betroffenen, sondern auch bei denen, die nur als Kollegen im Team mitbekamen, wie jemand zusammengestaucht wurde und offenbar fürchteten, auch ihnen könnte es bald so ergehen.

Verlust für die Firma ist enorm

Wird die Unhöflichkeit oder gar Respektlosigkeit gegenüber Mitarbeitern von den Vorgesetzten ausgehend zum Stil eines Hauses, sind die Folgen verheerend. Pearson und Porath berichten von einer Studie, wonach die leitenden Angestellten der 1000 größten Unternehmen in den USA inzwischen 13 Prozent ihrer Arbeitszeit damit verbringen, die Folgen unhöflichen Verhaltens aus der Welt zu schaffen. Anders gesagt: Einem Unternehmen - vielleicht auch jedem Unternehmen - gehen jährlich rund sieben Arbeitswochen seines Managements verloren, weil es an guten Manieren und zivilisierten Umgangsformen fehlt.

Dazu kommen verhängnisvolle Erosionsprozesse in der Belegschaft, die nach und nach Vertrauensverhältnisse zerbröseln lassen, Kreativität austrocknen, Mitarbeiter vertreiben und - das macht gewöhnlich zumindest in den Führungsetagen den meisten Eindruck - dadurch gewaltige Summen vernichten: "Ein einziger leitender Angestellter, der notorisch unhöflich ist, kann Millionen aus einem Unternehmen heraussaugen. Durch verlorene Mitarbeiter, verlorene Kunden und verlorene Produktivität."

Schon zu normalen wirtschaftlichen Zeiten sind solche Einbußen sicher keine "Peanuts". Erst recht in der Krise. Unhöfliches Verhalten und mangelnder Respekt gegenüber Mitarbeitern sind nicht einfach nur ärgerlich oder lästig, wie die beiden Wissenschaftlerinnen betonen, sondern zählen inzwischen zu den schlimmsten Verlustposten in den untersuchten Unternehmen. Wer also in verantwortlicher Position nicht schon als Folge seiner Erziehung und charakterlicher Qualitäten begreift, wie sich Höflichkeit und Respekt im Umgang mit den Mitmenschen niederschlagen sollten, wird seine Lektion vermutlich auf die harte Tour lernen: Wer sparen will, muss nämlich freundlich sein!

Literatur:

  • Cortina, L. M. et al. 2001: Incivility in the Workplace - Incidence and Impact. Journal of Occupational Health Psychology 6, 64-80
  • Cortina, L. M. & Magley, V. J. 2009: Patterns and Profiles of Response to Incivility in the Workplace. Journal of Occupational Health Psychology 14, 272-288
  • Kelloway, E. K. et al. 2010: Counterproductive work behavior as protest. Human Resource Management Review 20, 18-25
  • Pearson, C. M. et al. 2000: Assessing and Attacking Workplace Incivility. Organizational Dynamics 29, 123-137
  • Porath, C. L. & Pearson, C. M. 2010: The Cost of Bad Behavior. Organizational Dynamics 39, 64-71
  • Porath, C. L. & Erez, A. 2009: Overlooked but not untouched: How rudeness reduces onlookers' performance on routine and creative tasks. Organizational Behavior and Human Decision Processes 109, 29-44

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