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Kopfwelten Gelähmte Gefühle

Botox - eine Spritze, die unter die Haut geht? Neue Untersuchungen legen das nahe
Botox - eine Spritze, die unter die Haut geht? Neue Untersuchungen legen das nahe
© Colourbox
Mit dem gespritzten Faltenkiller Botox werden inzwischen Milliardenumsätze gemacht. Doch dringt die Injektionsnadel vielleicht nicht nur unter die Haut, sondern piekst auch die Seele?
Von Frank Ochmann

Wir lächeln oder lassen die Mundwinkel hängen, ziehen die Brauen zusammen, legen die Stirn in Falten, machen große Augen oder schmale Lippen. Das ständig wechselnde Spiel der Mimik, der stummen Sprache der Gefühle, ist für unser Leben so selbstverständlich wie der Herzschlag. Allenfalls wenn wir schlafen, meditieren oder pokern entspannen sich unsere Gesichtsmuskeln. Beim genauen Hinsehen lassen sich aber selbst dann noch winzige Zuckungen entdecken, Zeugnisse unserer Gedanken und Regungen. Von denen ist unser Kopf voll, auch wenn das Wachbewusstsein schlummert oder unser Geist den Weg zum Nirwana sucht.

Wer aufmerksam in unsere Gesichter schaut, weiß jedenfalls ziemlich genau, wie es uns gerade geht. Und spielen wir den anderen etwas vor, bleibt aufgeweckten Beobachtern auch das nicht verborgen. Wir sind so gut im Gesichter lesen, weil wir die Gefühle unseres Gegenübers erkennen müssen, um angemessen reagieren zu können. Flirten oder fliehen? Freunde von Feinden unterscheiden zu können, ist lebenswichtig. Und dabei ist die mimische Sprache durchweg verräterischer als die akustische.

Botox beeinflusst Gefühlsleben

Was aber bedeutet es dann für die Gefühlssprache, wenn unsere Gesichtsmuskeln nicht mehr so flexibel sind, wie sie es von Natur aus sein sollten? Und wie flüssig kann unser mimischer Austausch noch sein, wenn eine vermeintliche Schönheitsspritze Falten verschwinden lässt, indem sie Teile unserer Gesichtsmuskulatur für Wochen oder Monate lähmt?

Zwei neuere Untersuchungen nähren die Vermutung, dass Botox-Injektionen unser Gefühlsleben merklich beeinflussen. Dazu muss das biologische Gift Botox nicht erst ins Gehirn dringen. Unsere gefühligen Muskeln von der Stirn bis zum Kinn sind ja mit der Zentrale in ständigem Kontakt. Und darum entgeht dem Kopf so oder so nicht, was in den Randzonen passiert.

An der New Yorker Columbia University ließen Wissenschaftler unter der Leitung von Kevin Ochsner ihre Versuchsteilnehmer mehr oder minder aufwühlende Videos anschauen. Die 68 Freiwilligen waren Frauen zwischen 27 und 60 Jahren, die sich unabhängig vom Experiment bereits für kosmetische Botox-Injektionen entschieden hatten. Eine entsprechende Anzahl von Männern für einen Geschlechtervergleich war von den Forschern nicht aufzutreiben, obwohl sich inzwischen auch Männer spritzen lassen. Ihr Anteil liegt nach Schätzungen um die 15 Prozent. Doch fällt es ihnen offenbar nicht so leicht wie Frauen, sich zu dem kleinen Eingriff zu bekennen.

Nur etwa die Hälfte der Teilnehmerinnen bekam im Labor das glättende Mittel, das sie begehrten. Den anderen wurde ein Hyaluronsäure-Präparat gespritzt, das zwar die Falten auffüllt, aber keine Muskellähmungen wie Botox hervorruft. Und natürlich wusste keine Frau, welche der beiden Substanzen sie injiziert bekommen hatte. Wie bei einem solchen Experiment üblich, wurde zudem dessen wahres Ziel vernebelt: Es ginge um den längerfristigen Einfluss von Betäubungsmitteln auf Konzentration und Gedächtnis, wurde den Probandinnen vorgeflunkert.

Gelähmte Muskeln, gedämpfte Gefühle

Zwei Vorführungen von kurzen Filmen gab es dann: eine vor der Behandlung mit der Spritze, die andere - mit neuen, aber stimmungsmäßig vergleichbaren Filmen - anschließend. Nachdem ein Video gezeigt worden war, bewerteten die Frauen jeweils auf einer neunstufigen Skala (von -4 über 0 bis +4), wie negativ oder positiv berührt sie sich von dem Gesehenen fühlten. So konnte ihr Urteil vor der Injektion mit dem danach verglichen werden.

Das Ergebnis überraschte die Psychologen: Bei den Videos mit besonders viel Gefühl nämlich zeigte sich kaum ein Unterschied der Bewertung. Botox hatte darauf offenbar keinen Einfluss. Anders dagegen bei den "leicht positiven" Filmen, die einer Kunstdokumentation entnommen worden waren. Hier ließ die selbstbeobachtete Rührung der Botox-Gruppe deutlich nach. Intensive Gefühle schlagen so heftig bei uns durch, vermuten die Forscher, dass die Veränderung einzelner Faktoren wie eine teilweise gelähmte Mimik für sich genommen keinen nennenswerten Einfluss haben. Nur bei eher milden, alltäglichen Regungen sieht das offenbar anders aus. Solche Gefühle scheinen durch gelähmte Gesichtsmuskeln gedämpft zu werden.

Längere Leitung

Einen geschwächten Umgang mit Gefühlen unter dem Einfluss von Botox entdeckten auch die Autoren der zweiten Studie. Unter der Leitung des Emotionsforschers Richard Davidson untersuchten Wissenschaftler an der University of Wisconsin in Madison, wie weit die Lähmung von Gesichtsmuskeln auf das Verständnis von Sätzen und Zusammenhängen wirkt, die gefühlsmäßig "aufgeladen" sind.

Nehmen wir an, Sie lesen einen trauerbeladenen Satz wie: "Du verabschiedest dich lang von deinem Freund, von dem du dich für immer trennen musst." Dann lässt sich in Ihrem Gesicht durch Messungen der Muskelspannungen zeigen, dass ihre Mimik innerhalb von einigen hundert Millisekunden Trauer simuliert. So geht es auch, wenn wir Gefühle auf den Gesichtern anderer entdecken. Nicht länger als 400 Millisekunden dauert es, bis zum Beispiel der Anblick eines Lächelns auch unsere eigenen Muskeln entsprechend aktiviert. Und sei es nur kurz und kaum merklich. Unser Gehirn versteht eine Gefühlsregung, indem es unseren Körper simulieren lässt. So jedenfalls eine gängige Theorie.

Tatsächlich fanden die Wissenschaftler aus Wisconsin einen entsprechenden Effekt. Sie prüften nämlich bei ihren Versuchsfreiwilligen, wie tief das jeweilige Verständnis der gefühlvollen Sätze war, die sie hatten lesen müssen. Bei unserem Abschiedssatz etwa wurde dazu eine Kontrollfrage wie die gestellt: "Werden Sie Ihren Freund wiedersehen?" So schnell wie möglich musste sie dann mit Ja oder Nein beantwortet werden. Das gelang natürlich auch den Botox-Probanden fast immer richtig. Allerdings brauchten sie dafür deutlich länger als vor der Injektion. Das Mittel war ihnen nicht auf die Intelligenz geschlagen. Doch die Lähmung bestimmter Muskeln im Gesicht verhinderte offenbar, insbesondere Ärger und Trauer hinreichend zu simulieren und so in den Kopf zu bekommen.

Etwas Beruhigendes zum Abschluss: Die beschriebenen Experimente dienen vor allem der grundsätzlichen Erforschung unseres Gefühlslebens: Wie entstehen Emotionen? Wie nehmen wir sie wahr? Wie teilen wir sie anderen mit? Als Warnung vor kosmetischen Botox-Behandlungen müssen die Versuche nicht verstanden werden. Und wenigstens ein positives Ergebnis kam aus Sicht der Patienten am Ende auch heraus: Die fröhlichen Gefühle wurden durch die Spritzen so gut wie gar nicht beeinträchtigt und flutschten an den künstlichen Lähmungen einfach vorbei.

Literatur

  • Davis, J. I. et al. 2010: The Effects of BOTOX Injections on Emotional Experience. Emotion 10, 433-440
  • Havas, D. et al. 2010: Cosmetic use of botulinum toxin-A affects processing of emotional language. Psychological Science 21, 895-900
  • Niedenthal, P. M. 2007: Embodying emotion. Science 316, 1002-1005
  • Waller, B. M. et al. 2008: Selection for Universal Facial Emotion. Emotion 8, 435-439
  • Winkielman, P. et al. 2009: Embodied and Disembodied Emotion Processing: Learning From and About Typical and Autistic Individuals. Emotion Review 1, 178-190

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