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Kopfwelten: Schwarz-Rot-Stolz

Zu Weltmeisterschaften gehören Wir-Gefühle. Gewinnen dann auch noch "unsere Jungs", werden die Fahnen geschwenkt. Wir sind stolz - und dürfen es auch sein.

Von Frank Ochmann

Schwarz-rot-goldene Banner und Blumenkränze, T-Shirts und Tattoos überall. Und dann noch ein herzerfrischendes 4:1 gegen die englische Nationalmannschaft! Wäre nicht die Politik mit Fouls und nervendem Klein-Klein-Spiel, könnte es in diesen Sommertagen wieder mal richtig Spaß machen, als Deutscher unter Deutschen zu leben. Spätestens an dieser Stelle aber hat die nationale Seele kurz zu zucken, wenn sie politisch korrekt sein will: Darf das denn überhaupt Spaß machen nach allem, was zur Geschichte unseres Volkes gehört? Sollten wir uns für Erfolge wie den über das englische Team nicht besser in London entschuldigen statt in Berlin zu jubeln?

Nein, Sie müssen Ihre Vuvuzelas nicht zum Protestgetröte erheben - natürlich ist diese Frage nicht ernst gemeint. Trotzdem steckt eine ernste dahinter, die nach dem Stolz nämlich, der einmal - und nicht nur in Deutschland - zu den Todsünden zählte.

Stolz hat mit Status zu tun

Lange her, könnten wir sagen. Wen muss das heute noch interessieren? Jedenfalls gab es damals Gründe für die negative Bewertung dieses Gefühls. Stolz hat mit Status zu tun. Wer stolz ist, steht oder stellt sich über andere. Eben darin lag die Versuchung zum Beispiel nach Meinung christlicher Sittenwächter. Der Vergleich ist vom Teufel, mahnten sie. Darum sei demütig, mach‘ dich klein, kusch! Und als mit den 68-ern die Gleichheit weltanschaulichen Vorrang vor der Gerechtigkeit gewann, brachen auch im nichtreligiösen Milieu schwerere Zeiten für den Stolz an.

Eine Generation weiter ist das weitgehend ausgestanden. Unterschiede werden unter den Jungen heute weder gefürchtet noch einfach weggebügelt. Und darum ist auch der Stolz wieder da. Fröhlich und trotz aller Begeisterung auch mit einem Augenzwinkern wie während dieser Fußball-Weltmeisterschaft, in der das kollektive Lena-Gefühl vom gewonnenen Eurovision Song Contest gleich ins ausgelassene Lob von "Schland o Schland" münden konnte. Auf der anderen Seite kommt der Stolz allerdings auch tumbteutsch daher, wenn alte und neue Nationalisten "Deutschland, Deutschland über alles" stellen und grölen. Müssen wir deshalb fürchten, Fanmeilen und Freudenkorsos wären allesamt potenzielle Nazi-Nester? Nein, sagen Psychologen wie Jessica Tracy von der University of British Columbia im kanadischen Vancouver: Wir müssen das schwarz-rot-goldig geratene Kind nicht gleich mit dem braunen Badewasser ausschütten. Denn der Stolz existiert als menschliches Grundgefühl nicht nur in einer Variante.

Tracy und ihr Team sind Spezialisten auf dem Gebiet all jener Emotionen, die Menschen in Bezug auf sich selbst empfinden. Der Stolz zählt natürlich zu den positiven, aufbauenden Gefühlen. Und das zeigt sich schon in seiner Verkörperung, die inzwischen über alle kulturellen Grenzen hinweg und sogar bei Blindgeborenen als universell und erblich veranlagt nachgewiesen werden konnte. Wer stolz ist, zeigt Fläche, könnten wir sagen: Die Arme sind zumeist angehoben, die Hände zu Fäusten geballt. Zurückgezogene Schultern präsentieren eine breite Brust, der Oberkörper wird leicht zurückgebeugt, der Kopf erhoben. Das Gesicht überzieht ein strahlendes Lächeln.

Stolz hat zwei Facetten

Schuld und Scham stehen auf der anderen, der negativen Seite der Selbstgefühle. Und gerade an diesem Paar lässt sich gut zeigen, warum auch der Stolz zwei Facetten hat. Während sich die Schuld gewöhnlich auf eine einzelne, klar umrissene Fehlleistung bezieht ("Es tut mir leid, dass ich nicht pünktlich gewesen bin und du warten musstest."), ergreift die Scham eine ganze Person und trübt das komplette Selbstbild ("Was ich auch anfange, ich versage auf ganzer Linie und bin zu nichts zu gebrauchen."). Wir müssen das nur spiegeln, und schon haben wir die beiden Varianten des Stolzes: den auf eine bestimmte eigene Leistung oder Fähigkeit bezogenen, "authentischen" ("Ich bin so glücklich, dass ich die Klausur ohne Punktabzug geschafft habe!") und den überheblichen, narzisstischen Stolz ("Wie glücklich darf ich mich schätzen, zum großartigsten Volk der Erde zu gehören!").

Während der Grund für echten Stolz für Außenstehende überprüfbar und auch nachvollziehbar ist, steht der Arrogante und Narzisst mit seinem selbstverliebten und durch keine eigene Leistung begründeten Stolz allein. Authentischer Stolz dagegen verallgemeinert nicht und macht auch keinen anderen nieder. Er motiviert auch in der Gruppe das eigene Handeln und spornt an, ohne sich gegen "Minderwertige" zu richten. Und genau das unterscheidet das bunte Treiben auf den Fanmeilen und in den Public-Viewing-Arenen von den selbstbesoffenen Aufmärschen der Nationalisten. Wer das begriffen hat und zu unterscheiden weiß, muss sich um die allermeisten fahnenschwenkenden und schwarz-rot-gold geschminkten Fußballfans wirklich keine Sorgen machen. Und den anderen geht es ohnehin nicht um den Spaß am Spiel.

Literatur:

  • Cheng, J. T. et al. 2010: Pride, personality, and the evolutionary foundations of human social status. Evolution and Human Behavior (im Druck, online vorab: doi:10.1016/j.evolhumbehav.2010.02.004)
  • Henrich, J. & Gil-White, F. J. 2001: The evolution of prestige: Freely conferred deference as a mechanism for enhancing the benefits of cultural transmission. Evolution and Human Behavior 22, 165−196
  • Tracy, J. L. & Robins, R. W. 2007: The Nature of Pride. In: Tracy, J. L. et al. (Hg.): The Self-conscious emotions: Theory and research. New York, NY: Guilford, 263-282
  • Tracy, J. L. & Matsumoto, D. 2008: The spontaneous expression of pride and shame: Evidence for biologically innate nonverbal displays. PNAS 105, 11655-11660
  • Tracy, J. L. et al. 2009: Authentic and Hubristic Pride: The Affective Core of Self-Esteem and Narcissism. Self and Identity 8, 196-213
  • Williams, L. A. & DeSteno, D. 2008: Pride and Perseverance: The Motivational Role of Pride. Journal of Personality and Social Psychology 94, 1007-1017