Kopfwelten Schau mich bitte nicht so an

Kein anderes Kommunikationsmittel eignet sich so gut zum Aufbau und Abchecken sozialer Kontakte wie ein direkter Blick in die Augen
Kein anderes Kommunikationsmittel eignet sich so gut zum Aufbau und Abchecken sozialer Kontakte wie ein direkter Blick in die Augen
© Colourbox
Das Auge ist des Herzens Zeuge, sagt ein Sprichwort. Das bestätigt inzwischen die psychologische Forschung im Labor. Wo sich Blicke begegnen, tun sich verborgene Welten auf - und deren Erkundung kostet Kraft.
Von Frank Ochmann

Vor allem in den nördlicheren Regionen unserer Republik lässt sich folgendes Phänomen tagtäglich beobachten: Die Sitzplätze in Bussen und Bahnen füllen sich unter Wahrung des maximal möglichen Abstands zu anderen Fahrgästen und dazu noch so, dass möglichst niemand andere direkt ansehen muss. Man platziert sich versetzt, hinter- oder notfalls nebeneinander und idealerweise in Fahrtrichtung.

Überall hin dürfen die Augen fortan wandern, nur nicht dahin, wo sie sich mit dem Blick eines anderen Augenpaares treffen. Passiert es doch, ist das wegen sofortiger Ausweichmanöver aller Beteiligten zumeist in Bruchteilen einer Sekunde vorüber. Geübte Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs können minutenlang mit dem Ausdruck völligen Desinteresses an den Köpfen der Mitreisenden vorbei ins Leere blicken. Die Augen verraten Intimes. Ob einer lügt zum Beispiel. Unbekannte anzustarren ist darum ungefähr so taktvoll wie ein heimlicher Blick ins fremde Schlafzimmer.

Nur Kinder suchen gleich Blickkontakt

Kindern ist es natürlich komplett egal, ob sie die Intimsphäre verletzen, und so schauen sie schon mal herausfordernd in das Gesicht eines Erwachsenen, bis der Widerstand gebrochen ist und wenigstens ein Lächeln oder gar ein freundliches Winken als soziale Beute verbucht werden kann. Bis zur nächsten Haltestelle hält die mit sanfter Gewalt geknüpfte neue Freundschaft allemal. Zudem vertreibt das die Zeit, hebt den Selbstwert und trainiert die Instrumente der Verführung.

Kein anderes Kommunikationsmittel eignet sich so gut zum Aufbau und Abchecken sozialer Kontakte wie ein direkter Blick in die Augen. Es mag an unserem tierischen Erbe liegen, dass wir wie viele andere Arten erst einmal dazu neigen, einem direkten Blick auszuweichen. Denn der kann zwar nicht töten, sehr wohl aber könnte er Vorbote des Todes sein, wenn es sich um die Augen eines Jägers oder feindlichen Artgenossen handelt, die sich auf uns gerichtet haben.

Es reicht schon, wenn einer den Kopf in unsere Richtung dreht, um unsere Gefühlsküche im Kopf aufzuheizen, wie kürzlich Forscher der Universität Jena zeigen konnten. Zwei ziemlich genau hinter den Augen gelegene Hirnareale namens Amygdala (Mandelkern) werden dann aktiv, und der Grad ihrer Erregung entspricht in etwa der emotionalen Bedeutung eines bestimmten Eindrucks, den wir gerade gewinnen oder uns wenigstens einbilden. Keineswegs nur in bedrohlichen Situationen, wie lange vermutet wurde. Auch freundliche oder neutrale Gesichter, die sich uns zuwenden, bringen die Amygdala und darüber hinaus das gesamte "soziale Gehirn" in Wallungen.

Zuerst wird auf die Augen geachtet

Selbst Babys kennen bereits die Besonderheit des direkten Blicks. Und weil das Geheimnis der anderen besonders klar in den Augen zu entdecken ist, sind sie es auch, die von Kindern wie Erwachsenen zuerst in einem Gesicht gemustert werden. An den Augen lässt sich am ehesten ablesen, was in einem anderen vorgeht und - darum geht es in erster Linie - welche Konsequenzen das womöglich für den Beobachter hat.

Weil das einzuschätzen für uns wichtig sein kann - überlebenswichtig sogar -, wird unser Blick auch in der Bahn, im Wartezimmer oder im Theaterfoyer geradezu unvermeidlich immer wieder zu den Gesichtern der anderen wandern. Wir können gar nicht anders. Das tief in uns sitzende Interesse an der Sprache der Augen ist so stark, dass Versuchsteilnehmer sogar sexuell reizvolle Körperregionen aus dem Blick verlieren, wenn das Modell auf einem Aktfoto direkt in die Kamera und damit auch ins Auge des Betrachters schaut - schon spielt sich die Erregung woanders ab.

Beobachtet werden strengt an

Bei so viel zwischenmenschlichem Engagement unseres Gehirns kann es zu einer körperlich spürbaren Last werden, unter Beobachtung zu geraten oder sich das auch nur einzubilden. Besonders stark ist die Blickvermeidung bei Menschen mit einer autistischen Erkrankung ausgebildet, bei denen es aus noch nicht geklärten Gründen zu einer unterschiedlich schweren Störung der sozialen Kontaktfähigkeit kommt. Aber auch Gesunde werden von Blicken ziemlich in Anspruch genommen. Alle möglichen Aufgaben, die Probanden unter Beobachtung oder unmittelbar nach einem direkten Blickkontakt zu erfüllen hatten, wurden schlechter erledigt als in neutralem Ambiente. Denn Augenkontakte zweigen offenbar unvermeidlich Hirnleistung ab.

Denken Sie also daran, wenn Sie sich demnächst wieder dabei ertappen, wie Sie in der Bahn oder im Bus auf ein einsames Plätzchen zusteuern. Das muss nicht gleich erstes Anzeichen einer sozialen Phobie sein. Wahrscheinlich will Ihr Gehirn einfach nur ein paar Minuten Ruhe und Frieden.

Literatur:

  • Conty, L. et al. 2010: The cost of being watched: Stroop interference increases under concomitant eye contact. Cognition 115, 133-139
  • Einav, S. & Hood, B. M. 2008: Tell-Tale Eyes: Children's Attribution of Gaze Aversion as a Lying Cue. Developmental Psychology 44, 1655-1667
  • Lass-Hennemann, J. et al. 2008: Direct gaze of photographs of female nudes influences startle in men. International Journal of Psychophysiology 72, 111-114
  • Senju, A. & Johnson, M. H. 2009: The eye contact effect: mechanisms and development. Trends in Cognitive Science 13, 127-134
  • Stahl, D. et al. 2010: Eye contact and emotional face processing in 6-month-old infants: Advanced statistical methods applied to event-related potentials. Brain & Development 32, 305-317
  • Straube, T. et al. 2010: Increased amygdala activation to averted versus direct gaze in humans independent of valence of facial expression. NeuroImage 49, 2680-2686

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