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Hirschhausens Sprechstunde: Ente gut, alles gut

Im Schwimmbecken vermag unser Hausarzt Eckart von Hirschhausen seine kreisenden Gedanken in geordnete Bahnen zu bringen. Vor allem, wenn er eine Begleiterin hat, an der alles abperlt.

Beim Schwimmen die Gedanken ordnen: Unserem Autoren gelingt das - erst recht, wenn unerwarteter Besuch auftaucht.

Beim Schwimmen die Gedanken ordnen: Unserem Autoren gelingt das - erst recht, wenn unerwarteter Besuch auftaucht.

Ich schwimme leidenschaftlich gern. Fürs Joggen bin ich zu schwer, fürs Meditieren zu ungeduldig. Beim Schwimmen sortieren sich die Gedanken von allein. Klar genieße ich Badeseen, aber die sind naturgemäß in der Natur und nicht da, wo ich wohne. Ein Freibad ist ein guter Kompromiss. Je langweiliger das Becken, desto klarer wird mein Kopf. Auch kreisende Gedanken kommen so in geordnete Bahnen. Der Antrieb beim Schwimmen ist ja das Verhältnis von Auftrieb und Anstrengung, das delikate Gleichgewicht, dem eigenen Untergang mit minimalem Aufwand zu entkommen, indem man sich selbst Vorschub leistet.

Neulich schwamm ich entspannt vor mich hin, da fing es an zu nieseln. Schlagartig verließen die anderen Schwimmer das Wasser. Herrlich. Ein Pool von 30 auf 50 Metern nur für mich privat, ein Vergnügen, wie es sonst wohl nur die Scheichs in Dubai erleben.

Es regnete immer stärker. Bereits im Wasser zu sein gab mir ein Gefühl von Freiheit. Ich war ja schon nass. Was sollten mir die Tropfen noch anhaben? Ich war vom Regen nicht in die Traufe geraten, sondern ihm durch Abtauchen elegant entgangen. Für diese kindliche Freude gibt es ein Wort: ätschikolätschi. Während sich auf der Wiese verärgerte Sonnensucher die Handtücher, auf denen sie eigentlich liegen wollten, über den Kopf hielten, zog ich meine Bahnen. Und dachte darüber nach, dass Handtücher eigentlich dazu geeignet sind, Wasser aufzunehmen, und nicht, es fernzuhalten. Nicht schadenfroh, eher amüsiert, wie alles zwei Seiten hat, auch ein Handtuch.

Paddeln mit Genuss

Da ich das Becken für mich hatte, versuchte ich es mit Rückenschwimmen. Als hätte er darauf gewartet, sauste mir ein Regentropfen im freien Fall aus Wolkenhöhe direkt ins Auge. Wortlos drehte ich mich und zeigte seinen Kollegen die nasse Schulter.

Ich blickte nach vorn und sah - eine Ente. Seelenruhig schwamm sie vor sich hin. Wusste sie nicht, dass dies ein künstliches Gewässer war, von Menschenhand erschaffen? War ihr Tümpel unbewohnbar geworden, suchte sie Asyl? Oder hatte sie Ferien und brauchte Tapetenwechsel?

Es war eine weibliche Stockente, und auf der Augenhöhe, die wir hatten, sah ich, dass ihr braunes Gefieder den lauten Farben der Erpel an Schönheit nicht nachstand. Mit einer Ente im Bad zu sein erinnerte mich an Loriot, und ein Gefühl von heiterer Absurdität stellte sich bei mir ein. Bei der Ente auch? Ihr Gesichtsausdruck war schwer zu lesen. Um die Augen hatte sie einen schwarzen Streifen, Kajal? Flirtete sie mit mir? Jedenfalls schwamm sie zwei Armlängen vor mir her, ruhig, ohne Anstrengung, mit Genuss. Zwischendurch hörte sie auf zu paddeln, wie um mich daran zu erinnern, dass sie die Bewegung nicht braucht, um zu schwimmen. Alles perlte an ihr ab. In diesem Moment hätte ich gern mit ihr getauscht.

Eckart von Hirschhausen / GesundLeben
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