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Hirschhausens Sprechstunde: Im Hirn ist Geld gut angelegt

Meine Oma meinte: "Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt!" Im Musical "Porgy and Bess" heißt es, dass es die besten Dinge nicht für Geld gibt und die Reichen nicht weniger Sorgen haben, sondern mehr. Was stimmt? Seit den 90er-Jahren interessiert sich die Psychologie ernsthaft für diese Frage.

Eine Antwort, so überraschend wie wahr: Geld macht glücklicher, wenn man es für andere ausgibt - also lieber einem lieben Menschen ein Essen ausgeben. Ein Urlaub mit neuen Bekanntschaften macht mehr Freude als ein Auto einer bekannten Marke. Ebenfalls wahr, obwohl es komisch klingt: Geld macht am meisten Spaß, wenn es weg ist! Auch wenn unsere Eltern meinten, wir sollten etwas von "bleibendem Wert" kaufen, sind bleibende Erinnerungen die bessere Investition. Und im Gegensatz zu Aktien sind sie krisenfest und inflationssicher angelegt in unserem Gedächtnis.

Aber es braucht Überwindung, Geld auszugeben, denn unser Hirn zeigt eine sehr menschliche Reaktion, bereits wenn nur für Millisekunden auf einem Bildschirm ein Wort wie "Euro" auftaucht: Es will erst mal alles für sich. Allein der Gedanke an Geld macht Menschen in Spielsituationen nachweislich egoistischer. Sie denken, wenn ich reich bin, können mir die anderen egal sein, und verhalten sich weniger kooperativ.

Wie italienische Machos

Eine Pionierin dieser Forschung ist die Amerikanerin Kathleen Vohs. Sie testete, welche Wirkung es hat, Geldscheine zu zählen. Siehe da: Die Versuchspersonen strengten sich mehr an, hielten mehr Schmerzen aus, wollten aber weder anderen helfen noch Hilfe annehmen. Wenn sie sich einen Platz aussuchen konnten, setzten sie sich weiter weg von anderen als die Vergleichsgruppe. Das könnte erklären, warum Reiche so gern am Rand von Städten leben. Geldzählen hat aber noch einen kuriosen anderen Effekt - es "immunisiert" vor sozialer Zurückweisung.

Auf gut Deutsch: Wenn man jemanden anspricht und einen Korb kassiert, tut es einem nicht so weh. Kathleen Vohs sagte im Interview, dass Männer doch ihr Geld zählen sollten, bevor sie eine Frau ansprechen, weil sie dann selbstbewusster aufträten. Liebe Frau Vohs, warum denn vorher? Währenddessen! Das erinnert mich an die italienische Macho-Art, für jeden zu zahlenden Espresso die ganze fette Geldklammer aus der Brusttasche zu ziehen.

Sparsame Therapie bei Spinnenphobie

Wenn Geldzählen die Stimmung in einer abweisenden Umgebung heben kann, ist es dann Zufall, dass die Depression in jenen Ländern besonders häufig ist, in denen viel mit Kreditkarte bezahlt wird? Für die aktuelle Finanzkrise ist interessant, dass es noch nicht einmal das eigene Geld sein muss, das gezählt wird! Unsere Finanzminister schützen sich vor sozialer Zurückweisung, indem sie Geld ausgeben, das ihnen nicht nur nicht gehört - es ist noch nicht mal gedruckt!

Ein befreundeter Arzt verriet mir, dass selbst in der Psychotherapie der Einsatz von Bargeld unmittelbare Wirkung zeigt: Phobiker, die Angst vor Spinnen haben, werden nach Lehrbuch über mehrere Sitzungen - bei einem Stundensatz des Therapeuten zwischen 50 und 100 Euro - langsam herangeführt, bis sie sich trauen, eine Spinne zu berühren. Drückt man ihnen 50 Euro direkt in die Hand, machen sie es sofort. Wenn das die Krankenkassen wüssten…

Von Eckart von Hirschhausen / Stern Serie
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