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Hirschhausens Sprechstunde: Machen Sie doch mal wieder etwas Sinnloses!

Spielen ist nur etwas für kleine Kinder? Von wegen! Der Arzt und Kolumnist Eckart von Hirschhausen plädiert für mehr sinn- und zweckfrei verbrachte Zeit - im Dienste unserer Gesundheit.

Wann haben Sie das letzte Mal völlig sinnfrei gespielt?

Wann haben Sie das letzte Mal völlig sinnfrei gespielt?

In der Stadt Mohenjo-Daro im Industal im heutigen Pakistan wurden bei Ausgrabungen über 4000 Jahre alte Würfel und Spielsteine gefunden. Ist es nicht schön zu wissen, dass man sich schon bald nach der Erfindung der Keilschrift darum gekeilt hat, wer dran ist? Vielleicht hat ein Spiel wie "Mäxchen" die Mathematik entscheidend vorangetrieben? Wäre man dabei geblieben, das Spielen so ernst zu nehmen, würde man in dieser Region heute nicht mit Atomwaffen pokern, sondern mit offenen Karten.

Fundstücke aus der Bronzezeit

Viele Archäologen hatten zunächst angenommen, es müsse sich um religiöse Gegenstände handeln. Elke Rogersdotter von der Universität Göteborg hält dagegen: "Spielen war ein zentrales Element im Leben der Menschen schon zur Bronzezeit." Da die Fundstücke dicht beieinanderlagen, muss es eigene Orte zum Spielen gegeben haben. Reste von Tempelanlagen fanden sich dort jedenfalls nicht. War die Vorstufe der heutigen Spielhölle die Spiel-Höhle?

Sicher gibt es "Spieleabende", an denen sich Doppelkopf-Dogmatiker mit quasireligiösem Eifer die Haare spalten und fast auch den Kopf. Abgesehen davon: Wann haben Sie das letzte Mal völlig sinnfrei gespielt? Wer als Kind Schach oder Geige lernt, tut dies meist, weil es für etwas gut sein soll - fürs Hirn oder um die Nachbarn zu ärgern. Dabei liegt der Zweck des Spielzeugs in ihm selbst.

Spielen für die seelische Gesundheit

Zu meiner Zeit als Arzt in der Kinderneurologie wurde verstörten Kindern "Spieltherapie" verordnet, da Spielen zur seelischen Gesundheit beiträgt. Warum vergessen wir das? Vielleicht liegt der Sinn des Spielens nicht im Gewinnen, sondern im Verlieren? Im Sich-selbst-Verlieren? Eines der ältesten Computerspiele ist "Tetris", bei dem man fallende geometrische Figuren so drehen muss, dass sie aufeinanderpassen. Wer es je versucht hat, weiß, wie einen das Mauerbauen packen kann, so sehr, dass sich eine Mauer um einen herum bildet, durch die kaum noch etwas ins Bewusstsein dringt.

Genau dieser Effekt könnte therapeutisch genutzt werden bei Leuten, die Schlimmes erlebt haben. Ablenken statt darüber reden! Einer ersten Studie zufolge nimmt der Bildschirm das Hirn dabei so in Beschlag, dass potenziell traumatisierende Bilder weniger abgespeichert werden. Bestätigt sich der Effekt, sollten Feuerwehrleute und Sanitäter zum Trost nicht Taschentücher reichen, sondern Tetris. Ob die Testpersonen jetzt nachts von Würfelmassen träumen, wurde allerdings nicht untersucht.

Plädoyer für das Sinnlose

Aber eigentlich wollte ich ja ein Plädoyer für das Sinnlose halten. Irgendeinen Sinn, fürchte ich, kann man jedoch in allem finden. Das letzte Wort gebührt dem Schriftsteller Douglas Adams: "Es ist eine bedeutende Tatsache, dass die Dinge nicht immer das sind, was sie zu sein scheinen. Zum Beispiel waren die Menschen auf dem Planeten Erde immer der Meinung, sie seien intelligenter als die Delfine, weil sie so vieles zustande gebracht hatten - das Rad, New York, Kriege und so weiter, während die Delfine doch nichts weiter taten, als im Wasser herumzutoben und es sich wohl sein zu lassen. Aber umgekehrt waren auch die Delfine der Meinung, sie seien intelligenter als die Menschen, und zwar aus genau den gleichen Gründen."

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