VG-Wort Pixel

Studie "Wie gesund lebt Deutschland?" Bei Stress hilft auch kein Biobrot


Nur 14 Prozent der Deutschen leben gesund. Der Rest ernährt sich schlecht, bewegt sich kaum, raucht, trinkt, hat Stress - so das Ergebnis einer neuen Studie, die aber mit Vorsicht zu genießen ist.
Von Theresa Breuer

Es sind beunruhigende Nachrichten, die am Dienstag in Berlin verkündet werden: Nur jeder siebte Deutsche lebt wirklich gesund, berichten die Deutsche Krankenversicherung und die Deutsche Sporthochschule Köln. Das zumindest ist die Haupterkenntnis einer neuen Studie, bei der 2500 Menschen telefonisch über ihren Lebenswandel Auskunft gaben. Wie sie sich ernähren, wie oft sie Alkohol trinken, ob sie rauchen, sportlich aktiv sind oder sich gestresst fühlen.

Und die Zahlen, mediengerecht hübsch aufbereitet, lassen am Gesundheitsbewusstsein der Deutschen kein gutes Haar: 40 Prozent bewegen sich zu wenig, etwa jeder Zweite isst nicht ausgewogen, 18 Prozent konsumieren zu viel Alkohol, 25 Prozent rauchen und sogar mehr als die Hälfte ist persönlich arg gestresst. Deutliche Unterschiede zeigen sich dabei angeblich je nach Geschlecht, Alter und Wohnort der Befragten. Frauen naschen etwa häufiger Süßigkeiten, Männer essen dafür mehr Fleisch.

Angeblich essen die Menschen in Thüringen am gesündesten, am schlechtesten steht es um die Ernährung bei den Nordrhein-Westfalen und Berlinern - klar, sie leben ja auch in "Currywurstländern", wurde verkündet. Ältere achten mehr auf ihre Gesundheit als jüngere Menschen. Während bei den über 65-Jährigen jeder Fünfte rundum gesund lebt, sind dies in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen nur rund sieben Prozent. Jüngere schneiden vor allem bei der Ernährung sowie beim Konsum von Nikotin und Alkohol schlecht ab. So isst weniger als die Hälfte der unter 30-Jährigen täglich Obst und Gemüse.

Hauptschulabsolventen sollen am gesündesten leben

Soweit so schlecht - einen Aha-Effekt erzielen diese Ergebnisse jedoch nicht. Denn dass es mit der Gesundheit der Deutschen nicht zum Besten steht, wird seit Jahren gepredigt. Doch die Studie hat noch einen Clou zu bieten: Ausgerechnet Hauptschulabsolventen pflegen den gesündesten Lebensstil - und das, obwohl sich Akademiker im Schnitt gesünder ernähren und weniger rauchen. Das widerspricht den Ergebnissen diverser anderer Untersuchungen. Eigentlich gilt: Mit einem höheren Bildungsgrad geht auch ein größeres Gesundheitsbewusstsein einher.

Wieso sieht es in dieser Umfrage anders aus? Die Definition von "rundum gesund" lautet hier: Jemand muss in allen fünf Kategorien (Ernährung, Bewegung, Stress, Zigaretten- und Alkoholkonsum) den Mindeststandard erfüllen. Im Klartext heißt das: Fällt jemand in einer Kategorie durch, weil er zum Beispiel angibt, sich oft gestresst zu fühlen, wird er nicht mehr als gesund eingestuft. Da kann der Mensch noch so viel Sport treiben, sich ausgewogen ernähren und dem Alkohol abschwören. Oder, im Klartext: Bei Stress hilft auch kein Biobrot.

Dazu kommt: Die Hauptschulabsolventen weisen laut der Studie die höchste körperliche Aktivität auf. Was vor allem daran liegt, dass Menschen mit Hauptschulabschluss eher einem körperlichen Beruf nachgehen als Akademiker. Es ist jedoch fragwürdig, ob ein Möbelpacker, der ständig Klaviere schleppen muss, gerade aus diesem Grund als rundum gesund bezeichnet werden kann.

Fragwürdige Aussagen der Studie

Spätestens der Vergleich von Bewohnern verschiedener Bundesländer ist fragwürdig - angeblich leben in Mecklenburg-Vorpommern 19,8 Prozent gesund, in Hessen noch 14,7 in Sachsen-Anhalt aber nur 7,9. Aber: Bei 2500 Befragen, die sich auf die 16 Bundesländer verteilen, kommen wir auf weniger als 160 Menschen pro Land. Repräsentativ sieht anders aus.

Wer sich mit Statistik beschäftigt, weiß außerdem: Sobald man anfängt, viele Untergruppen zu definieren und größere Mengen an Daten miteinander zu vergleichen, gelangt man regelmäßig zu auffälligen Ergebnissen. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie relevant sind. Als Paradebeispiel dafür dient eine Untersuchung, die kanadische Forscher 2007 veröffentlicht haben: Sie ermittelten anhand der Daten von 10.000 Menschen, dass manche Krankheiten bei Menschen mit demselben Sternzeichen besonders häufig auftreten. In einer zweiten Stichprobe tauchten diese statistisch auffälligen Zusammenhänge nicht mehr auf. Will heißen: Dass laut einer Telefonumfrage, bei der Dutzende Details abgefragt worden, Nordrhein-Westfalen weniger auf ihre Ernährung achten als Thüringer, sagt nicht viel aus. Und wäre es anders herum gelaufen, hätte man es nicht auf die Curry-, sondern die Rostbratwurst geschoben.

Welche Schlüsse ziehen die Geldgeber der Studie aus ihren Daten? Der Vorstandschef der DKV, Günter Dibbern, fordert eine "nationale Gesundheitsstrategie". Eine Fülle vor allem chronischer Krankheiten habe ihre Ursache zu großen Teilen in zu wenig Bewegung, ungesunder Ernährung und Übergewicht. Das gelte besonders für Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Skelettbeschwerden. Ingo Froböse, der wissenschaftliche Leiter der Studie vom Zentrum für Gesundheit der Sporthochschule Köln, betont, es gehe nicht darum, bestimmte Lebensmittel zu verbieten, "sondern um Anreize für mehr Bewegung und ein gesünderes Leben."

Die Befragten bleiben gelassen

Ein größerer Teil der deutschen Bevölkerung sieht das wahrscheinlich ein bisschen gelassener: "Wer ständig auf seine Gesundheit achtet, hat weniger vom Leben." Dieser Aussage stimmte über die Hälfte der Befragten teilweise bis ganz zu.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker