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Interview zum "World Health Summit": "Gesundheit muss ein persönliches Ziel sein"

Zum zweiten Mal findet in diesem Jahr in Berlin der "World Health Summit" statt, eine der wichtigsten Veranstaltungen zum Thema Gesundheit. Kongress-Präsident Detlev Ganten erklärt, was sich aus seiner Sicht dringend ändern sollte - und zwar bei jedem einzelnen.

Auf dem World Health Summit in Berlin wird im Oktober über Gesundheit diskutiert. Dabei werden auch die Kosten des Gesundheitssystems eine große Rolle spielen.
Wir stehen an einer Schwelle. Die derzeitigen Gesundheitssysteme der Industrienationen, auch das deutsche, laufen in eine Kostenfalle hinein. Wir werden uns auf Dauer steigende Kosten in dieser Form nicht leisten können, obgleich uns allen die Gesundheit viel wert ist - Geld kann nicht besser ausgegeben werden.

Was ist denn aus Ihrer Sicht das größte Problem?
Wir haben ein "Kranken"-versorgungssystem, kein "Gesundheits"-System. Es ist gut dafür ausgestattet, dass Kranke, wenn sie Leidensdruck haben, zum Arzt gehen und heute noch alle sehr gut behandelt werden. In Teilen existiert sogar eine Überversorgung - dabei führen eine höhere Ärztedichte und eine stärkere medizinische Versorgung nicht unbedingt dazu, dass die Menschen gesünder sind oder sich gesünder fühlen. Wir müssen darüber nachdenken, was medizinisch notwendig und sinnvoll ist. Leider wird "Public Health", ein Wissenschaftszweig der sich mit der Gesundheit der Bevölkerung und dem Gesundheitssystem auseinandersetzt, in Deutschland eher stiefmütterlich behandelt. Das wollen wir mit dem World Health Summit in Berlin ändern.

Echte, ethische Gesundheitsvorsorge - und damit meine ich nicht viel beworbene kommerzielle Wellness-Programme - spielt bislang kaum eine Rolle. Nicht im Alltag der Menschen, nicht in dem der Ärzte, nicht einmal im Medizin-Studium. Mit einer guten Vorsorge ließe sich auf lange Sicht viel erreichen und Geld sparen.

Wie sollte diese Form der Vorsorge aussehen?
Wir müssen ganz, ganz früh das Gesundheitsbewusstsein bei Kindern wecken: ein Verständnis für die eigene Biologie, aus dem sich auch ergibt, wie man sich gesund ernährt und ausreichend bewegt. Erzieherinnen, Lehrer und Eltern sollten dies vermitteln - allerdings nicht mit der moralischen Keule. Das beinhaltet zum Beispiel, dass Kinder mehr ihrem natürlichen Bewegungsdrang nachgeben dürfen. Ganz konkret heißt das: Lieber mal in den Park gehen als ins Kino. Computerspiele sollten nicht verdammt werden, aber kindgerecht angeboten - und begrenzt. Gesundheit muss ein persönliches Ziel sein. Ist das erreicht, folgt vieles andere.

Wie wird sich unser Gesundheitssystem in den kommenden Jahren verändern?
Ich vermute, dass es keinen dramatischen Umbau geben wird, sondern einen Wandel in kleinen Schritten. Das ist auch sinnvoll. Die Mechanismen sind so kompliziert, dass man lieber langsam an den Schrauben dreht.

Werden die Kosten für den einzelnen noch größer?
Es sind sich wohl alle einig, dass die Kosten nicht mehr wesentlich steigen dürfen. Wer soll das zahlen? Der bereits massiv verschuldete Staat wird nicht mehr ausgeben. Ich bezweifle, dass die die Arbeitgeber bereit sind, zusätzlich zu investieren. Eventuell werden also die Bürger - jedenfalls die, die es sich leisten können - eine höhere Selbstbeteiligung aufbringen müssen. Für die anderen bleibt das solidarische Sozialsystem. Woraus sich allerdings die Frage ergibt: Leistet die Basisversorgung alles, was die Wissenschaft zu bieten hat? Oder können sich die Wohlhabenden Leistungen dazukaufen?

Besonders wichtig sind die selbstverantworteten Maßnahmen, die nicht unbedingt Geld kosten müssen; es geht wesentlich auch um unsere Prioritäten im persönlichen Handeln und Vermeidung von gesundheitsschädlichem Verhalten: Nichtrauchen und weniger "Zuckerbomben" spart Geld: Mehr Netto in der Tasche!

Sie meinen, dass im gesamten medizinischen Bereich das greift, was heute schon in der Zahnmedizin üblich ist: Nur wer zuzahlt, wird optimal versorgt.
Das wird sicher nicht bei lebensrettenden Maßnahmen zur Diskussion stehen. Aber bei vielen anderen Maßnahmen, bei denen Ärzte verschiedene mehr oder weniger teure Methoden zur Auswahl haben, ist das eine Alternative.

Dann bleibt also nur der gesund, der es sich leisten kann?
Das darf in reichen Ländern wie Deutschland nicht passieren. Der entscheidende Punkt ist aus meiner Sicht nicht die finanzielle Selbstbeteiligung, sondern die Selbstbeteiligung an der Gesundheit - aktiver, gesundheitsbewusster leben, das muss unser aller Ziel sein.

Nina Bublitz
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