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Umstrittenes Hygienekonzept "Superspreading-Event mit Ansage": Jazzfestival in Dresden wegen "freiwilliger Infektionsgruppen" in der Kritik

Voller Konzertsaal und Besucher ohne Masken bei Jazzkonzert in Dresden.
Voller Konzertsaal und Besucher ohne Masken bei Jazzkonzert in Dresden.
© Ostsachsen TV via Youtube
Volle Konzertsäle, Besucher ohne Maske und ohne Abstand: In Dresden findet derzeit ein Jazzfestival statt – mit einem Hygienekonzept, das "freiwillige Infektionsgruppen" vorsieht. Die Stadt fordert neue Maßnahmen, der Veranstalter rudert zurück.
Corona gibt es in Dresden nicht mehr. Dieses Gefühl bekommen die Zuschauer leicht, wenn sie sich die Berichterstattung des Internetfernsehsenders "Ostsachsen.TV" der letzten Tage anschauen. Die Fernsehbilder zeigen gut gefüllte Konzertsäle, Menschen die dicht nebeneinander sitzen und sich angeregt unterhalten – die meisten ohne Maske. 
Dabei sind die Bilder brandaktuell: In Dresden finden seit dem 21. Oktober die "Jazztage Dresden 2020" statt, ein Musikfestival mit zahlreichen Konzerten – und einem umstrittenen Hygienekonzept. 

Stadt droht Veranstalter mit Genehmigungsentzug

Das Bizarre an den Fernsehbildern: Die Besucher verstoßen nicht gegen die Regeln des Veranstalters. Darin heißt es wie folgt:
"Die Platzierung im Konzertsaal erfolgt in den Reihen jeweils in 10er Gruppen. Nach einer 10er Gruppe wird 1 m Abstand zur nächsten 10er Gruppe eingehalten (per Platzsperrung oder Gang). Diese 10er-Gruppen sind freiwillige Infektionsgruppen. Mit dem Kauf Ihres Tickets neben anderen Personen, erklären Sie sich mit der Platzierung innerhalb der Infektionsgruppe einverstanden."
Die Stadt hatte das Hygienekonzept im Vorfeld abgesegnet. "Die Bildung freiwilliger Infektionsgemeinschaften als lose Gruppen fremder Menschen sei jedoch ausdrücklich nicht im Sinne der Landeshauptstadt Dresden", teilte ein Sprecher der Stadt dem stern schriftlich mit. Insgesamt sei es sehr bedauerlich, dass das Vorgehen eines einzelnen Veranstalters eine ganze Branche in die Kritik bringe und damit die sehr guten und durchdachten Hygienekonzepte der Kulturbranche in Frage stelle.
"Das Gesundheitsamt hat den Veranstalter daher aufgefordert, unverzüglich sein Vorgehen zu ändern", so der Sprecher. Andernfalls drohe ein Entzug der erteilten Genehmigung.

Lauterbach: "Superspreading-Event mit Ansage"

Kritik an dem Hygienekonzept des Jazzfestivals kommt auch seitens der Politik. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zeigte sich der "Bild"-Zeitung zufolge schockiert. "'Freiwillige Infektionsgruppen' mit Wildfremden zu bilden, ist ein völlig unethischer Menschenversuch, der die Bemühungen zur Eindämmung des Virus auf unsägliche Art untergräbt", sagte er der Zeitung.
Lauterbach forderte laut "Bild", die Konzertreihe unter diesen Bedingungen sofort zu beenden, da die Menschen aus einer Infektionsgruppe das Virus potenziell in unterschiedliche Freundes- und Familienkreise tragen könnten. Das würde dem SPD-Politiker zufolge dazu führen, dass die Infektionsketten noch viel weniger nachverfolgbar seien als ohnehin schon. Unter diesen Voraussetzungen handele es sich um "ein Superspreading-Event mit Ansage", so Lauterbach.

Dresden zählt seit letzter Woche zu den innerdeutschen Corona-Risikogebieten. Der Inzidenzwert lag am Dienstag bei 69,1 Infektionen pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen.

Intendant: "Ich kann das nicht nachvollziehen"

Kilian Forster ist Intendant der gemeinnützigen Unternehmergesellschaft "Jazztage Dresden", die das gleichnamige Musikfestival ausrichtet. Die Kritik am Hygienekonzept stößt bei ihm auf Unverständnis. "Ich kann das nicht nachvollziehen. Wir haben viel Energie auf das Konzept verwendet und uns an alle Vorschriften gehalten", sagte Forster im Gespräch mit dem stern
"Erstens finden auch andere Veranstaltungen mit freiwilligen 10er-Infektionsgruppen statt, da durch die personalisierten Tickets die Kontaktverfolgung gewährleistet ist", so der Intendant und Veranstalter. "Zweitens entscheiden sich die Leute freiwillig dazu, auf ein Konzert zu gehen, und müssen sich daher mit dem Kauf eines Tickets des Infektionsrisikos bewusst sein."
Forster betonte, dass es für Besucher, die sich mit dieser Regelung unwohl fühlen, zudem einen Extrabereich gebe, in dem das Tragen einer Maske verpflichtend sei. Er wundere sich über das plötzliche Zurückrudern der Stadt. Schließlich sei sie [die Stadt] ja diejenige, die das Hygienekonzept abgesegnet habe.
Lauterbachs Aussage, die "finstere Zusammenhänge" suggeriere, wies der Intendant als "diffamierend" zurück. "Wir verbitten uns derartige Anschuldigungen und Äußerungen gegenüber dem Festival, unseren Gästen und der Landeshauptstadt Dresden aufs Schärfste!", so Forster.

Veranstalter zieht Konsequenzen

Dennoch hat der Veranstalter auf die neuen Corona-Maßnahmen reagiert, die ab dem heutigen Dienstag in Dresden gelten. "Wir werden die freiwilligen Infektionsgemeinschaften auflösen", teilte Forster auf Nachfrage mit.
Ab sofort muss mindestens ein Meter Abstand zwischen maximal zwei zusammenhängenden Hausständen (maximal 10 Personen) und dem nächsten fremden Haushalt eingehalten werden. Die Unterschreitung des vom RKI empfohlenen "1,5 Meter Mindestabstands" sieht Forster mit den Ausnahmeregelungen des Bundeslandes Sachsen hinsichtlich der personalisierten Kontaktnachverfolgung als gerechtfertigt an.
Zusätzlich hat der Veranstalter der Jazztage das Konzept hinsichtlich der Maskenpflicht angepasst. Ab sofort müssen die Gäste im gesamten Konzertbereich einen Mund-Nasen-Schutz tragen – auch am eigenen Sitzplatz.
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