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Kind besiegt HIV-Infektion: Ein Fall, der aufhorchen lässt

Ein kleines Mädchen hat den Aids-Erreger besiegt. Es gilt als zweiter Mensch, der von HIV geheilt wurde. Doch was ist dran an der Erfolgsgeschichte? Und was bedeutet sie für bereits Infizierte?

Von Lea Wolz

Das HI-Virus unter dem Mikroskop

Das HI-Virus unter dem Mikroskop

Das HI-Virus ist ein tückisches Virus: Es befällt Zellen des Immunsystems, dringt bis in ihr Innerstes vor und baut sein eigenes Erbgut in den Kern der menschlichen Zellen ein. So gelingt es dem Virus, sich im Körper zu vermehren. Die gängigen Medikamente setzen hier an: Sie verhindern, dass sich der Aids-Erreger ausbreitet - und sorgen so dafür, dass die sogenannte Viruslast im Blut sinkt. Doch das HI-Virus ist so lediglich in Schach zu halten, ganz aus dem Körper zu vertreiben ist es nicht.

Das Problem sind Zellen, in denen das Virus vorhanden ist, die aber nicht aktiv sind. In diesen sogenannten Schläferzellen kann das HI-Virus viele Jahre überdauern - und dafür sorgen, dass die Infektion wieder voranschreitet, wenn die Medikamente abgesetzt werden. Von Heilung zu sprechen, war daher unter Aids-Spezialisten viele Jahre lang verpönt.

Doch nun macht ein Fall in den USA Hoffnung: Dort ist es Medizinern gelungen, ein bei der Geburt oder bereits im Mutterleib mit HIV infiziertes Baby so zu behandeln, dass das Immunsystem der jungen Patientin im Anschluss an die Therapie das Virus alleine in Schach halten kann - ohne Medikamente. Die Ärzte sprechen daher von "funktioneller Heilung". Übersetzt bedeutet dies: Wenige Virenbruchstücke sind zwar immer noch vorhanden, der Aids-Erreger vermehrt sich aber offenbar nicht mehr. Doch ist die Meldung eine Sensation?

Davon wollen Experten noch nicht sprechen. "Dies ist ein weiterer Baustein auf dem Weg zu einer möglichen Heilung von HIV", sagt Jan van Lunzen vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf zu stern.de. Auch Christoph Königs, Vorstandsmitglied der Deutschen-Aids-Gesellschaft, warnt vor zu großen Erwartungen. "Der Ansatz ist spannend, doch wir wissen noch zu wenig, was genau bei dem Kind passiert ist und was dies für andere Erkrankte bedeutet."

Virus unter Kontrolle

Mindestens ein Jahr, nachdem das Kind keine Medikamente mehr bekommen hat, seien sogar mit den empfindlichsten Tests, die auf dem Markt erhältlich sind, keine Viren im Blut nachgewiesen worden, sagt die Ärztin Hannah Gay, die das mittlerweile zweieinhalbjährige Kind im Medical Center der Mississippi University behandelte, dem "Guardian".

Ganz neu ist das nicht: Auch unter Erwachsenen gibt es sogenannte Elite Controller, die trotz einer Infektion mit dem HI-Virus nicht an Aids erkranken - ebenfalls ohne Therapie. "Doch bei Kindern wurde das in dieser Form bis jetzt nicht nachgewiesen", sagt Königs von der Aids-Gesellschaft. "Geheilt im strengen Sinne ist das Mississippi-Kind aber nicht. Es ist viel mehr so gesund, dass es das Virus komplett unter Kontrolle hat."

Ähnlich wie bei dem als "Berliner Patient" berühmt gewordenen Timothy Ray Brown - dem bis jetzt einzigen bekannten Fall eines Sieges über HIV. Brown erhielt wegen seiner zusätzlichen Leukämie-Erkrankung Knochenmark eines Spenders mit einer seltenen genetischen Mutation. Als Nebeneffekt verschwand das HI-Virus aus seinem Körper. Medizinisch korrekt gesagt: Es war zumindest nicht mehr nachweisbar. Doch diese Behandlung ist viel zu gefährlich und strapaziös, um als HIV-Therapie eingesetzt zu werden. Anders in dem aktuellen Fall. Hier wurde das Kind mit gängigen Medikamenten behandelt.

Aggressive und frühe Therapie

Normalerweise erhalten an HIV erkrankte Schwangere eine Therapie mit antiretroviralen Medikamenten, um so eine Infektion des Neugeborenen zu verhindern. Die Mutter des Kindes wusste allerdings nicht, dass sie mit dem Aids-Erreger infiziert war. Da eine Behandlung während der Schwangerschaft nicht mehr möglich war, gaben Ärzte dem Baby bereits 30 Stunden nach der Geburt - und damit sehr früh - drei Medikamente. Normalerweise werden infizierten Säuglingen eine oder zwei Arzneien verabreicht.

Diese aggressive Therapie verlief erfolgreich, die Menge der Viren reduzierte sich. Einen guten Monat später ließen sich die Erreger im Blut nicht mehr nachweisen, berichten die US-Mediziner. 18 Monate lang wurde das Baby behandelt, dann suchte die Mutter die Klinik nicht mehr auf. Bis zum Alter von etwa zwei Jahren erhielt das Kind daher keine Medikamente mehr.

"Gute fünf Monate haben wir es nicht gesehen", sagt Gay. "Als es zurück in die Behandlung kam, ging ich davon aus, dass es eine hohe Virenlast hat." Doch die HIV-Tests fielen negativ aus. "Ich war sehr überrascht", sagt die Ärztin. Deborah Persaud vom Johns Hopkins Children's Center in Baltimore, die den Fall auf einem Fachkongress in Atlanta vorstellte, geht davon aus, dass die frühe Behandlung dafür gesorgt hat, dass sich bei dem Baby keine Schläferzellen bilden konnten.

Warum genau die Behandlung wirkt, ist den Forschern zufolge allerdings noch unklar. Sie hoffen aber, dass diese Art der Therapie in Zukunft auch bei anderen mit HIV infizierten Neugeborenen angewendet werden kann. "Nun müssen wir erforschen, ob dies eine höchst untypische Reaktion auf eine sehr frühe Therapie ist oder etwas, das wir bei anderen Hochrisiko-Säuglingen wiederholen können", sagt Virologin Persaud.

Mit dem Virus leben

Das Immunsystem des Kindes müsse nun genauso gut untersucht werden wie das des Berliner Patienten, sagt auch der deutsche HIV-Experte van Lunzen. "Nur so lässt sich herausfinden, welche Mechanismen beide in die Lage versetzen, mit dem Virus zu leben." Interessant sei dies auch für die Suche nach einer Impfung. "Der Fall kann uns neue Hinweise darauf liefern, welche Immunantworten eine solche Impfung hervorrufen müsste", ist der Wissenschaftler überzeugt.

Ihm zufolge zeigt der aktuelle Fall, dass es bei Babys durch eine frühe und intensive Therapie möglich ist, eine HIV-Infektion auch wieder zu heilen. "In Einzelfällen könnte dies auch wichtig für HIV-infizierte Erwachsene sein", sagt van Lunzen. Andere Aids-Experten glauben, dass die Ergebnisse keine große Bedeutung für die Behandlung von älteren Infizierten haben. Denn viele von ihnen wüssten gar nicht, dass sie sich angesteckt haben - was einen frühen Behandlungsbeginn unmöglich macht.

Königs von der Aids-Gesellschaft zufolge ist auch in erster Linie die Prophylaxe wichtig: "Um zu verhindern, dass Säuglinge sich mit HIV anstecken, müssen Schwangere auf eine HIV-Infektion getestet und ordentlich therapiert werden. Da fallen auch in Deutschland noch zu viele durch das Raster." Dabei könne in mehr als 90 Prozent der Fälle eine Infektion des Kindes mit HIV vermieden werden, wenn die Mutter rechtzeitig Medikamente erhält.

Denn: "So sensationell die Nachrichten aus den USA auch klingen. Noch wissen wir nicht, ob der Körper des Kindes das Virus dauerhaft in Schach halten kann - oder ob es nicht doch irgendwann zurückkehrt", sagt Mediziner Königs. Bis jetzt sind Timothy Brown und das kleine Mädchen jedenfalls Einzelfälle - interessant für die Forschung, aber für die Mehrheit der HIV-Infizierten gegenwärtig noch ohne direkte Bedeutung.

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