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stern-Report zum Qualitätsmängel in Kliniken: "Die heutige Lage muss man nicht hinnehmen"

Die Qualität deutscher Krankenhäuser variiert massiv. Die Lösung? Mehr Transparenz, sagt der Unternehmensberater Benjamin Grosch. Der langfristige Erfolg von Kliniken müsste öffentlich einsehbar sein.

Benjamin Grosch ist Partner and Managing Director der Düsseldorfer Unternehmensberatung "The Boston Consulting Group". Er bemängelt die Intransparenz im deutschen Gesundheitswesen und fordert langfristige Erfolgsparameter, an denen sich Patienten orientieren können.

"Wir brauchen Transparenz. Patienten haben ein Recht zu wissen, ob sie sich in ein gutes oder schlechtes Krankenhaus begeben - auch Ärzte wollen wissen, wie gut sie im Vergleich zu anderen behandeln. Die Qualitätsunterschiede sind massiv. Beispiel künstliches Hüftgelenk: Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Komplikationen und einem erneuten Eingriff kommt, variiert je nach Krankenhaus um bis zu achthundert Prozent. Beispiel Erstimplantation eines Herzschrittmachers: In der schlechtesten deutschen Klinik ist das Risiko, bei diesem Eingriff zu sterben, 17 Mal so hoch wie im Durchschnitt. Diese Zahlen sind bekannt und öffentlich zugänglich.

Wir glauben nicht, dass man die heutige Lage einfach hinnehmen muss. Man kann und muss die Qualität in Krankenhäusern messen und viel transparenter machen als heute - denn sie geht mit Patientenwohl einher. Zwar mögen manche behaupten, jeder Patient sei individuell und Erfolgsmessung daher nicht möglich. Doch Analysen belegen: Individuelles Patientenwohl und Erfolg eines Krankenhauses widersprechen sich nicht - auf lange Sicht gehen sie vielmehr miteinander einher.

Die Qualitätsmessung in Deutschland misst heute nur kurzfristige Erfolgsparameter wie etwa die Dauer der Operation. Wir glauben, langfristige Erfolgsparameter sind viel aussagekräftiger – sie sind ja für den Patienten viel entscheidender. Beispiel Prostatakrebs: Wie viele Patienten einer bestimmten Klinik haben zehn Jahre nach dem Eingriff Probleme beim Wasserlassen, sind inkontinent oder impotent? Wie viele leben nach zwanzig Jahren noch, wie viele haben dann Tochtergeschwülste? Wir haben zusammen mit der Harvard University, dem Karolinska Institut in Stockholm und 300 in ihren Fachgebieten führenden Ärzten unter dem Dach des ICHOM (International Consortium for Health Outcomes Measurement) weltweit bereits für 12 große Krankheitsbilder Parameter ermittelt, mit denen wir den Langzeiterfolg messen können. Weitere sind in Arbeit.

Transparenz könnte Leben retten

Und das ICHOM entwickelt Verfahren, die etwa Alter oder zusätzliche Erkrankungen von Patienten in der Bewertung der Qualität berücksichtigen. Dass diese Transparenz hilft, zeigt das Beispiel Schweden: Dort verringerten sich landesweit die Todesfälle nach Herzinfarkt, nachdem die Sterblichkeitsraten auf jedes Krankenhaus bezogen veröffentlicht wurden. Erst durch diese Transparenz haben Ärzte und Klinikleitungen das Problem erkannt und Maßnahmen ergriffen.

Mit mehr Transparenz lösen sich im Nachgang viele weitere Probleme von selbst. Auch gäbe es dann vermutlich bald weniger Tote durch multiresistente Keime, weil die Probleme viel früher erkannt und jede Klinik zum Handeln gezwungen würde.

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