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Medizin: Die Haut

Sie schützt vor Regen, Wind und Kälte. Stoppt Viren wie Bakterien. Vor allem aber macht uns die zarte Hülle schön und begehrenswert - wenn wir sie nehmen, wie sie ist. Wer hingegen versucht, die Blässe seines Teints in sattes Nougatbraun zu verwandeln, riskiert frühe Falten. Und Krebs.

Samtig weich wie ein Pfirsich soll sie sein, strahlend und rein wie frisch gefallener Schnee - die "schönste Kleidung des Menschen", wie der Schriftsteller Mark Twain die Haut nannte. Mit fast zwei Quadratmeter Oberfläche und mehr als zehn Kilogramm Gewicht ist sie das größte Organ des Menschen. Anders als Herz, Lunge oder Leber, die einfach nur funktionieren sollen und denen man Attribute wie "zuverlässig" oder "kraftvoll" zuschreibt, hat unsere Hülle einen ganz besonderen Status: Sie ist der Teil des Körpers, der verhätschelt und herausgeputzt, geschrubbt, gesalbt und geknetet wird. Der Streicheleinheiten und Liebkosungen braucht.

Jeder Quadratzentimeter unserer Körperhülle enthält im Schnitt sechs Millionen Zellen, 5000 Sinneskörper, 400 Zentimeter Nervenfasern, 200 Schmerzpunkte, 100 Schweißdrüsen, einen Meter Gefäße, 15 Talgdrüsen, fünf Haare, zwölf Kälte- und zwei Wärmepunkte. Sie lassen uns bibbern, wenn die Heizung ausfällt, dampfen, wenn wir joggen, und die Hand blitzschnell wegziehen, wenn die Herdplatte noch heiß war. Oft verraten die physiologischen Reaktionen und Reflexe mehr über unser Innenleben, als uns lieb ist. So bescheren sie uns Schwitzehände im Tanzkurs, eine Gänsehaut bei Hitchcock und den roten Kopf, wenn beim Sprung vom Dreimeterbrett die Badehose weggerutscht ist.

Über die Jahre graben sich Spuren unseres Lebenswandels, unserer Gewohnheiten und Eigenheiten in die Zellschichten: Verschmitzte Grübchen, gütige Lachfalten und grimmige Zornesfurchen lassen den Charakter erahnen, Verfärbungen und Hornhautballen erlauben Rückschlüsse auf Beruf und Hobbys. So haben Tennisspieler und Cellisten Schwielen an den Händen, Violinisten den "Geigenfleck" in der Halsbeuge und Fliesenleger "Elefanten-Haut" an den Knien.

Doch nicht nur Mimik, Zug und Druck verändern die Hautstruktur - die meisten Spuren hinterlässt die Sonne. Wenn wir uns dem Lichtgestirn aussetzen, werden wir braun: Melanin, ein Farbstoff, der als Reaktion auf die UV-Strahlung von den Pigmentzellen produziert wird, verändert unseren Teint. Die Verdunklung ist eine Verteidigungsmaßnahme des Körpers. Denn dunkle Haut ist weniger UV-empfindlich als helle - und UV-Strahlen schwächen zum einen das Immunsystem, zum anderen schädigen sie die Erbinformationen in den DNA-Strängen. Durch UV-Strahlung angeknackste Zellen sterben entweder ab oder werden durch ein Reparatursystem instand gesetzt. Bei zu viel Sonne kommt die Haut jedoch mit dem Reparieren nicht mehr nach, die Schäden summieren sich im Laufe der Jahre - und Krebszellen können entstehen.

Jedes Jahr erkranken in Deutschland rund 94 000 Menschen an Hautkrebs, fast 4000 sterben daran. Der gefährlichste Typus ist der schwarze Hautkrebs, das maligne Melanom. "Vor 30 Jahren kam nur etwa ein Patient im Monat mit einem malignen Melanom in die Klinik", sagt Professor Eberhard Paul, dermatologischer Chefarzt am Klinikum Nord in Nürnberg. "Heute sehen wir beinahe täglich jemanden, der daran erkrankt ist."

Das Tumorzentrum in Tübingen geht davon aus, dass sich die Zahl der Melanome hierzulande alle zehn Jahre verdoppelt. "Diese Entwicklung ist alarmierend", sagt Professor Eckhard Breitbart, leitender Hautarzt am Krankenhaus Buxtehude und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Dermatologische Prävention (ADP). "Dabei ließe sich der Hauptrisikofaktor, die übermäßige Sonnenbestrahlung, leicht vermeiden."

Schließlich müssen die wenigsten von uns bei gleißender Hitze auf der Baustelle malochen. Der Grund für die steigenden Tumorzahlen ist nach Expertenansicht, dass sich das Freizeitverhalten der Deutschen im Laufe der vergangenen Jahrzehnte gewandelt hat: Vermehrte Urlaube im sonnigen Süden und häufige Solariumsbesuche erhöhen die gefährliche UV-Belastung und lassen Jahre später die Krebszellen wuchern.

Wer in der Kindheit viele Sonnenbrände abbekommen hat, bei dem vermehrt sich die Zahl der Pigmentflecke. Eine große Anzahl davon ist ein Zeichen für erhöhte Gefährdung: Bei Menschen, die mehr als 40 Pigmentmale haben, steigt das relative Risiko, am malignen Melanom zu erkranken, um das bis zu 15fache. Auch Sonnenfreunde mit rötlichen oder blonden Haaren und heller Haut, die gar nicht oder nur schwer braun werden, müssen aufpassen.

Sonnenbränden vorbeugen heißt Leben retten. Doch Spezialisten warnen davor, sich lediglich auf Cremes mit Lichtschutzfaktor zu verlassen. "Sonnencremes vermitteln uns eine Pseudosicherheit", sagt Rüdiger Greinert, Laborleiter für Molekulare Zellbiologie am Dermatologischen Zentrum Buxtehude. "Sie verhindern zwar für eine gewisse Zeit einen Sonnenbrand, können aber nicht prinzipiell vor Hautkrebs schützen. Denn die DNA in den Zellen wird schon geschädigt, bevor sich die Haut rötet." Wissenschaftliche Untersuchungen ergaben zudem, dass Sonnenanbeter die Cremes zu dünn auftragen und exponierte Stellen wie Ohren, Lider, Glatze und Nacken sogar ganz vergessen. Besonders empfindlich auf UV-Strahlung reagiert Kinderhaut, da sie wesentlich dünner ist als die von Erwachsenen. Deshalb sollten Kleinkinder bis zu einem Jahr überhaupt nicht in die pralle Sonne. Später bieten Kleidung, Kopfbedeckung und Schatten den besten Schutz.

Neben der Vorbeugung spielt die Früherkennung eine wichtige Rolle im Kampf gegen den Hautkrebs. Vorstufen und Tumoren liegen meist offen zu Tage; die Chancen, den Krebs so früh zu entdecken, dass er noch geheilt werden kann, sind vergleichsweise gut. Deshalb empfehlen Dermatologen eine regelmäßige Selbstbegutachtung der Haut vor dem Spiegel, auch der Partner, die Partnerin kann helfen. Dabei gilt es, neben neuen Pigmentmalen auch längst vorhandene und angeborene Flecke zu untersuchen (Beurteilungskriterien: siehe Kasten auf Seite 108). Wer Auffälligkeiten entdeckt, sollte einen Hautarzt um Rat fragen. Bei begründetem Verdacht zahlt die Krankenkasse die Untersuchung - für einen routinemäßigen Muttermal-Check dagegen muss man bislang selbst aufkommen. Die UV-Strahlen der Sonne lassen nicht nur Tumoren auf der Haut sprießen, sie beschleunigen auch den Alterungsprozess, indem sie elastische und kollagene Fasern zerstören. Gebräunte Haut mag erst mal attraktiv wirken, langfristig wird sie eher dünn und faltig als eine blasse Hülle. "Bei einer unserer Patientinnen dachten wir, sie hätte ihren Sohn mitgebracht", sagt Rüdiger Greinert. "Schließlich stellte sich heraus: Der Begleiter war ihr gleichaltriger Partner. Die Frau sah so viel älter aus, weil sie permanent Solariengeräte in Sonnenstudios nutzte."

Auch Nikotin beschleunigt den Verfall. Es verengt die Gefäße und verringert die Durchblutung der Haut - diese erhält weniger Nährstoffe und wird fahl und grau. Starke Raucher bekommen schneller feine senkrechte Furchen um den Mund und Falten um die Augen - vom permanenten Blinzeln im Qualm. Tests haben ergeben, dass Raucher durchschnittlich fünf Jahre älter geschätzt werden als Nichtraucher desselben Jahrgangs.

Doch anstatt dem Japps auf Sonne und Zigaretten zu widerstehen, schwören wir auf Wässerchen, Tinkturen und Essenzen, die die Jugendlichkeit konservieren sollen. Makellose Haut, das haben wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, ist ein Statussymbol und das begehrteste Körpermerkmal. Von dieser Erkenntnis profitiert die Kosmetikbranche, die jedes Jahr Milliardenbeträge mit Hautpflegeprodukten verdient. Dabei gibt es nach oben keine Grenze. Frei nach dem Motto "Viel hilft viel, und teuer hilft noch mehr" sind manche Cremes inzwischen gewaltige Investitionen: So kosten zum Beispiel 40 Milliliter Anti-Falten-Blattmangold-Essenz einer Edel-Firma rund 240 Euro, 50 Milliliter mutmaßlich verjüngender Meeresalgen-Creme eines anderen Herstellers 200 Euro.

Untersuchungen der Stiftung Warentest ergaben im vergangenen Jahr dass Anti-Age-Cremes nicht teuer sein müssen. Manch preiswertes Produkt aus Drogerieketten schnitt besser ab als Luxus-Ausgaben. Allerdings lagen sämtliche Glättungsergebnisse im Mikrometerbereich: Sie waren mit bloßem Auge nicht sichtbar und nur mittels Mikroskop und Computer zu ermitteln. Doch immerhin - die Tester registrierten einen deutlichen psychologischen Effekt: Jede dritte Frau fühlte sich nach der regelmäßigen Anwendung verjüngt und war überzeugt, dass ihre Falten weniger geworden waren - ganz egal, ob sie eine Anti-Falten-Creme oder eine normale Vergleichslotion benutzt hatte.

Die Beschaffenheit und die Veränderungen der Haut untersuchen auch Professor Martina Kerscher und ihre Mitarbeiter. Im Studiengang Kosmetik und Körperpflege an der Universität Hamburg ermitteln die Experten mittels Messsonden und Glaselektroden pH-Werte und Rauheitsparameter, Wasserverlust und Fettgehalt, Talgdrüsenlipide und Elastizität und können so Rückschlüsse auf schützende, reizende oder glättende Eigenschaften von Kosmetikprodukten ziehen.

Wenn man Martina Kerscher nach dem ultimativen Mittel gegen Hautalterung fragt, hält sie sich bedeckt. Es gebe jeweils gute Erfahrungen mit den Wirkstoffen Vitamin A (Retinol), Vitamin C und E, Coenzym Q 10 und Kupfer, sagt sie. Die meisten davon wirken als Antioxidantien. Diese regen zum einen die Bildung von Kollagen an, zum anderen reduzieren sie jene Enzyme, die die straffenden Fasern abbauen. Kerschers dringlichster Rat jedoch ist der Schutz vor UV-Strahlung. "Ich empfehle, auch in unseren Breitengraden eine Tagespflege zu verwenden, die den Lichtschutzfaktor 10 bis 15 enthält", sagt die Dermatologin. Wobei Konsistenz und Grundlage der Creme überlegt gewählt werden sollten: Wer ohnehin fettige Haut hat und sich dazu ein gehaltvolles Produkt ins Gesicht schmiert, züchtet Rötungen und Pickel - ganz einfach, weil die ohnehin schon gesättigte Haut die Segnungen der Kosmetik nicht mehr aufnimmt und die Creme dann die Poren zukleistert.

"Acne cosmetica" werden jene Hauterscheinungen genannt, die durch Schönheitsmittelchen entstehen. Feuchtigkeits-, Abdeck-, Antifalten- und Sonnencremes stehen ebenso auf der Auslöser-Liste für Pusteln und Mitesser wie Gesichtswässer, Rouge, Lippenstifte und Haarpflegemittel. Auch Massageöle, Seifen und Badezusätze, die Kakaobutter, Kokosnuss-, Erdnuss- oder Sesamöl enthalten, können den "Streuselkuchen-Effekt" nach sich ziehen. Papeln und Eiterstippchen, Knoten und Abszesse gehören klassischerweise zur Pubertätsplage "Acne vulgaris". Sie wird ausgelöst durch vermehrte androgene ("männliche") Hormone, die die Talgproduktion ankurbeln, durch Verhornungsstörungen, die die Ausführungsgänge in der Haut verstopfen, und durch spezielle Bakterien. Fettiger Glanz, große Poren, Mitesser und Talkzysten haben weitreichende soziale Folgen: So bekommen Akne-Patienten nachgewiesenermaßen schwerer einen Job. Die Behandlung der jugendlichen Akne ist oft langwierig und aufwendig: Spezielle Reinigung mit Gels wird empfohlen, Pflegemittel auf ölfreier Grundlage, austrocknende und schälende Cremes, Lösungen und Tinkturen, und bei schweren Verlaufsformen werden sogar Antibiotika- oder Hormontabletten verordnet.

Meist verblüht die Pickel-Pein mit zunehmendem Alter. Einige der Akne-Therapeutika sind aber auch im Erwachsenenalter noch sinnvoll. Wer sich mit unreiner Haut, reichlich dunklen Mitessern oder Eiterknötchen herumplagt, sollte lieber reinigende Peeling-Pasten und keimabtötende Antibiotika-Tinkturen einsetzen, als auf die großflächige Verteilung bunter Wässerchen zu vertrauen. Übrigens: Der Verzicht auf Schokolade und Chips verhilft keineswegs, wie immer wieder behauptet wird, zum strahlend schönen Teint. Die Veranlagung für einen Hauttyp und hormonelle Einflüsse lassen sich nicht wegdiätieren. Wenn plötzlich wieder viele Pickel sprießen, könnte dahinter neben der Acne cosmetica die so genannte Rosazea stecken, eine Art Akne des Erwachsenenalters. Frauen sind häufiger davon betroffen als Männer: An Wange, Nase, Stirn und Kinn und um den Mund entstehen schubweise Rötungen, Pusteln und erweiterte Gefäße. Vor allem scharf gewürzte Speisen oder Alkohol können einen "flush" auslösen: Die Durchblutung nimmt schlagartig zu, das Gesicht wird puterrot. Zwar ist die Ursache der Rosazea unbekannt, doch Antibiotika lassen die Hauterscheinungen in den meisten Fällen abheilen.

Wenn Dermatologen auf Spurensuche gehen und Gründe für Pickel, Ausschläge und Ekzeme herausfinden müssen, lassen sie sich meist von ihren Patienten sämtliche Kosmetika, Lotionen und Duschbäder aus dem Badezimmer mitbringen. Denn darin enthaltene Duftstoffe, Konservierungsmittel, Emulgatoren oder Wollwachse sind häufig Auslöser von Allergien. Spezielle Hauttests ermitteln den quälenden Reizstoff. Immer wieder sind auch vermeintlich gesunde "Naturprodukte" darunter: So haben Teebaum- und Latschenkiefernöl, Melkfett, Pappelsalben und Ginsengcremes ein ausgeprägtes allergisches Potenzial und können die Benutzer gar ins Krankenhaus bringen. Auch wenn unsere Haut pure Natur ist - sie verträgt nicht jede Natur.

Von Anika Geisler und Christian von Alvensleben (Fotos)

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