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Mediziner denken um: Sport unterstützt die Krebstherapie

Ausruhen galt lange als oberstes Gebot für Krebspatienten. Doch wer sich nicht bewegt, hat auch keine Kraft zu kämpfen. Ausdauersport und Krafttraining können das ändern. Außerdem steigern sie das Selbstvertrauen und die Laune.

Von Martina Janning

Endlich: Der Krebspatient darf die Klinik verlassen. Doch schon die wenigen Meter zum Taxi strengen ihn an. Außer Atem, mit hochrotem Kopf lässt er sich erschöpft auf den Rücksitz des Fahrzeugs fallen und denkt: "Der Doktor hat recht: Ich muss mich noch schonen." Das stimmt, jedoch bedeutet Schonung heutzutage nicht mehr, auf Bewegung und Sport zu verzichten.

Das war nicht immer so. Bis vor kurzem glaubte man noch, dass Tumorpatienten jede physische Anstrengung vermeiden müssen, um sich von der extremen Belastung einer Bestrahlung oder Chemotherapie zu erholen. "Ärzte nahmen sogar an, dass Patienten durch körperliche Belastung geschädigt werden könnten", berichtete der Sportmediziner Fernando Dimeo auf dem Deutschen Krebskongress im Februar 2008 in Berlin. Heute weiß man: Wer sich nicht ausreichend bewegt, verliert an Leistungsfähigkeit. Das gilt auch für Krebspatienten. Die Muskeln schrumpfen und arbeiten nicht mehr so effektiv. Die Patienten fühlen sich dann erschöpft und werden noch schneller müde - ein Teufelskreis beginnt.

Sport lindert Erschöpfungs-Syndrom

50 bis 70 Prozent der Krebspatienten leiden während einer Chemotherapie am Fatigue-Syndrom, einer lähmenden Mattheit, die meist noch Monate über die Behandlung hinaus anhält und die Lebensqualität erheblich trübt. Sport kann diese Erschöpfung bessern. Die Erfahrungen zeigen: Körperliche Aktivität baut Muskeln auf, festigt die Knochen, stabilisiert den Blutdruck, schützt das Herz, regt den Stoffwechsel an, stärkt das Selbstvertrauen und bessert die Stimmung. Für Dimeo ist Sport daher "ein Medikament mit noch ungeahnten Möglichkeiten", das "Bestandteil jeder Krebstherapie sein muss".

Auch die Gynäkologin Anke Kleine-Tebbe von der Berliner Charité setzt auf Sport in der Krebsbehandlung. Seit einigen Jahren schon untersucht sie die Wirkung von Lauftraining auf Patientinnen mit Brustkrebs. Die Ärztin hat beobachtet, dass Frauen, die eine Chemotherapie oder eine Operation mit einem Bewegungsprogramm kombinierten, unter weniger Nebenwirkungen litten, als Patientinnen, die an einem Entspannungsprogramm teilnahmen.

In der Klinik mit Dehnen und Kräftigen beginnen

Schon im Krankenhaus sollte das Training beginnen, sagt Kleine-Tebbe. Brust-Operationen verlaufen heute sehr viel schonender als vor einigen Jahren. Daher lasse sich das Heilen der Wunde schon zwei Wochen nach dem Eingriff durch sanfte Übungen zum Dehnen und Kräftigen unterstützen, erklärt Kleine-Tebbe. Danach könnten Krebspatienten walken oder auf dem Fahrradergometer trainieren, nach vier bis sechs Wochen sogar wieder joggen und schwimmen.

"Die beste Kombination ist Ausdauersport plus Krafttraining", sagt die Ärztin. Dabei gilt: Bevor es ans Sporttreiben geht, sollte jeder Patient einen Check-up, wie er in Fitness-Studios üblich ist, oder eine sportmedizinische Untersuchung machen. Nur so lässt sich ein Trainingsplan erstellen, der auf die Beschwerden Rücksicht nimmt, die Kondition Schritt für Schritt steigert und dem Patienten so die nötige Kraft gibt, weiter zu kämpfen.

Einigen Studien zufolge soll Sport sogar schon vor einer Entstehung der lebensbedrohlichen Erkrankung schützen. Regelmäßige körperliche Aktivität senkt demnach das Risiko für Brustkrebs um bis zu 40 Prozent und die Wahrscheinlichkeit für Darmkrebs um bis zu 50 Prozent.

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