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Neue Studie: Raus aus der Demografie-Falle - aber wie?

Die Deutschen kriegen zu wenige Kinder, das Land vergreist - eine Alptraumvorstellung. In einer neuen Studie untersuchen Wissenschaftler, was man mit moderner Reproduktionsmedizin dagegen tun kann. Das Ergebnis: Mit ihr alleine wird man das Problem nicht lösen.

Von Britta Hesener

Als Oliver 1982 in Erlangen das Licht der Welt erblickte, war das eine Sensation. Das erste Retortenbaby Deutschlands war geboren. Nicht in einem Akt der Liebe von Mann und Frau, sondern von Biologen per Pipette im Glas wurde Oliver gezeugt. Erst vier Jahre zuvor war in Großbritannien Louise Joy Brown geboren worden, sie war das allererste Retortenbaby weltweit. Heute ist künstliche Befruchtung (In-vitro-Fertilisation) längst Alltag in Deutschland - und könnte doch wieder für Wirbel sorgen.

Der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, Reiner Klingholz, sieht in ihr ein Mittel gegen den vieldiskutierten Kindermangel in Deutschland. Anders formuliert: Die Deutschen wollen mehr Babys zeugen - doch nicht alle können es auch. So lautet zumindest eines der Ergebnisse seiner neuen Studie "Ungewollt kinderlos - Was kann die moderne Medizin gegen Kindermangel in Deutschland tun".

Ungewollt kinderlos

Klingholz beauftragte das Institut für Demoskopie Allensbach 25- bis 59-Jährige nach ihrem Kinderwunsch zu befragen. Das Ergebnis: Nur acht Prozent gaben an, dass sie weder Kinder haben noch sich welche wünschen oder früher gewünscht haben. Wohingegen 42,5 Prozent der Kinderlosen gerne Kinder hätten. Hinzu kommen Eltern, die erfolglos versuchen oder versucht haben, weitere Kinder zu bekommen. Das sind nochmals 19 Prozent.

Offenbar wollen die Deutschen mehr Kinder, als sie tatsächlich bekommen. Die Berliner Forscher sehen hierfür zwei Gründe. Zum einen seien da die Paare, die das Kinderkriegen verschieben. "Deutschland ist ein Aber-Land. Viele wollen Kinder, aber der richtige Partner fehle, aber man müsse erst die Ausbildung beenden, aber man fühle sich zu jung.", sagt Klingholz.

Zum anderen gebe es viele Paare, bei denen es mit der Schwangerschaft nicht klappt oder geklappt hat. Laut der Studie seien das zwei Millionen Deutsche. Da liegt die Annahme nahe, dass da medizinische Probleme dahinter stecken. Probleme, die sich mit künstlicher Befruchtung lösen ließen.

Auch eine Frage des Geldes

Eine der Antworten auf die demografischen Herausforderungen könnte also laut der Studie in der Kunststoff-Schale liegen, dort wo Biologen Spermien mit Eizelle verschmelzen und so neues Leben zeugen. Über 100.000 Kinder wurden bisher auf diese Weise in Deutschland gezeugt, weltweit über drei Millionen. Laut Studie könnten es mehr sein - wenn die künstliche Befruchtung nicht so teuer wäre.

Im Zuge der Gesundheitsreform 2003/2004 wurde künstliche Befruchtung zur versicherungsfremden Leistung, die Eigenbeteiligung der Paare stieg um 50 Prozent auf 1800 bis 2000 Euro. Die Folge: Seit 2004 ist die Anzahl der Behandlungen gegen Unfruchtbarkeit um 52 Prozent zurückgegangen. Offenbar sind mehrere tausend Euro zu viel Geld für Paare mit wenig Einkommen.

Doch wie kam es dazu? Das Fritz Beske Institut für Gesundheits-System-Forschung befand, dass In-vitro-Fertilisation eine familienpolitische Maßnahme und deshalb vom Staat zu finanzieren sei. In einer Studie vom Dezember 2006 untermauerte es dies: "Die demografische Situation in Deutschland [...] macht es erforderlich, jede Möglichkeit zu nutzen, um die Kinderzahl zu erhöhen. Hierzu gehört auch die künstliche Befruchtung. Die Einführung einer Selbstbeteilung von 50 Prozent der Kosten [...] hat wahrscheinlich in den Jahren 2004 und 2005 zu einem Ausfall von rund 10.000 Lebendgeburten geführt."

10.000 weniger Kinder. Kinder die das Land dringend braucht. So stellen denn auch die Berliner Forscher in ihrer Studie die Frage, warum der Staat Geld für familienpolitische Maßnahmen ausgebe, aber künstliche Befruchtung nicht berücksichtige. Nach ihren Berechnungen - unter Berücksichtigung der Nachkommen künstlich gezeugter Kinder - könnten bis zum Jahr 2050 rund 750.00 Kinder in Deutschland ihr Leben den Methoden der Reproduktionsmedizin verdanken. Das sind mehr Menschen als Frankfurt am Main Einwohner hat. Eine Großstadt aus der Kunststoffschale - für Deutschland wäre das ein Schritt hinaus aus der Vergreisungs-Falle.

"Ideale Zielgruppe für Frau von der Leyen"

Trotz dieser Zahlen will Reiner Klingholz keine konkreten Forderungen an die Politik stellen. "Wir legen die Daten und Fakten vor und die Politik muss überlegen, was sie tut.", sagt der Forscher. Er glaube aber, dass die ungewollt Kinderlosen "die ideale Zielgruppe" für Familienministerin Ursula von der Leyen seien. "Wenn man einfach nur mehr Krippenplätze schafft, weiß man nicht, ob das wirklich zum Kinderkriegen motiviert", sagt Klingholz. "Bei unfruchtbaren Paaren, die Kinder kriegen wollen, aber auf medizinische Hilfe angewiesen sind, ist das anders. Hier findet die Förderung gezielt statt."

Klingholz glaubt, dass Familienpolitik mit Aufklärungs- und Präventionsarbeit zum Thema Unfruchtbarkeit kombiniert werden muss. Doch mit schnöder Medizin allein ist auch nach seiner Ansicht das Problem nicht gelöst: Deutschland braucht vor allem auch ein kinderfreundlicheres Klima, fordert Klingholz. Erst wenn diese Punkte abgehakt seien, könne die Reproduktionsmedizin einsetzen.

Mit anderen Worten: Kinderkrippen, Erziehungsgeld und künstliche Befruchtung müssen nach Meinung der Berliner Wissenschaftler in einem Atemzug genannt werden. Künstliche Befruchtung, das ist in ihren Augen ein gesamtgesellschaftliches Thema.

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