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Online-Apotheken: Im digitalen Pillenshop

Internetapotheken helfen, günstige rezeptfreie Arzneimittel zu finden. Doch erst bei größeren Mengen lohnt es sich, diese auch beim Versender zu ordern.

Wann hatten Sie Ihr letztes Shopping-Erlebnis in der Apotheke? Sind durch lange Reihen mit Tablettenpäckchen geschlendert, haben Preise verglichen und am Ende einen guten Kauf gemacht? Wahrscheinlich nie. Denn die klassische deutsche Apotheke ist für derlei kundenfreundliches Vergnügen nicht gemacht: Hinter den Ladentisch dürfen nur die Erlauchten in ihren weißen Gewändern. Die ziehen nach Gutdünken ein Schächtelchen aus Hunderten von Schubfächern und überreichen es dem Wartenden.

Ganz anders als in den USA beispielsweise, dem größten Pharmamarkt der Welt. Alles, was nicht rezeptpflichtig ist, kann Kunde Patient dort frei auswählen. In den endlosen Regalwänden großer Drogerie- und Supermärkte buhlen Dutzende verschiedener Augentropfen, Schmerzmittel, Fiebersäfte und Zäpfchen um die Gunst des Konsumenten. Das erlaubt genaue Preisvergleiche.

Fast 70 Prozent Sparpotenzial

In Deutschland gibt es keine Selbstbedienungsregale für rezeptfreie Arzneimittel. Und den meisten Menschen fällt es schwer, in die Apotheke zu stolzieren und selbstbewusst zu sagen: "Ich möchte gern das absolut billigste Präparat mit dem Wirkstoff des Mittels Lisano." Dabei sind die Unterschiede gewaltig, wie die empfohlenen Preise in der jährlich erscheinende "Roten Liste" zeigen, beispielsweise bei Loratadin: Steckt das Allergiemittel in einer Sieben-Tabletten-Packung "Lisino", liegt der Preis bei 6,69 Euro. Verpackt in "Loragalen" oder "Loratadin/-akut - 1 A Pharma", kostet die gleiche Menge des Wirkstoffs nur 2,15 Euro - eine Ersparnis von fast 68 Prozent.

Weiterer Nachteil der klassischen Apotheke ist, dass man auch bei intimen Fragen jederzeit damit rechnen muss, dass andere Kunden zuhören. Nicht jedem liegt eine lautstarke Konversation über delikate Themen wie die Wahl oder Anwendung eines Medikaments gegen Vaginalpilz. Selbstbestimmtes Shoppen und Informationen sammeln ohne unerwünschte Zuhörer sind die wichtigsten Vorzüge von Internetapotheken. Sie beraten online oder am Telefon und versenden ihre Produkte per Post oder Kurier. Ihre Suchmaschinen spucken Preislisten von Medikamenten mit demselben Wirkstoff aus - vorausgesetzt, der Kunde kennt den Wirkstoff.

Suchmaschinen helfen

Der findet sich auf Beipackzetteln bereits vorhandener Arzneien, aber auch per Internet-Recherche. Etwa bei der Netz-Apotheke www.apotal.de, deren Komfortsuche die Direkteingabe des Wirkstoffs ebenso erlaubt wie die eines Stichworts, etwa "Schwindel". Noch einfacher geht es, wenn der Produktname gleich eingegeben werden kann: Die Suchmaschine www.medizinfuchs.de etwa kann damit automatisch einen Preisvergleich zwischen zahlreichen Versandapotheken durchführen. Für 50 Tabletten des weit verbreiteten Aspirin-Klons "ASS ratiopharm 500" (Preisempfehlung 2,75 Euro) etwa ermittelt sie Preise ab 2,10 Euro.

Die anfallenden Versandkosten schlägt Medizinfuchs automatisch drauf. Da zeigt sich: Wer nur diese einzige Schachtel braucht, sollte sie in der Apotheke um die Ecke kaufen. Denn von einem Versender ist sie inklusive Porto nicht unter 5,65 Euro zu bekommen. Fernkauf verschreibungsfreier Arznei lohnt sich erst ab einer Mindestmenge. Selbst bei der Zusammenstellung einer Reiseapotheke können viele Online-Anbieter den Preis traditioneller Apotheken nicht unterbieten, wenn man die Versandkosten berücksichtigt. Wer aber auf einen Schlag sehr viele Pillen und Salben benötigt, kann bei Internethändlern richtig sparen.

Mit Rezept wenig Spielraum

Bei Arzneien, die nur gegen Rezept zu haben sind, ist die Liberalisierung des Marktes nicht so weit fortgeschritten. Die "Preisspannenverordnung" schreibt vor, wie teuer ein Medikament abgegeben werden muss, und legt eine fixe "Beratungsgebühr" von 8,10 Euro für den Apotheker fest. Daran müssen sich auch Versandhändler halten. Deutsche Online-Apotheker haben deshalb beim Preis wenig Spielraum. Viele verzichten bei Verordnetem auf die Versandkosten.

Löst der Patient sein Rezept im EU-Ausland ein, kann er mehr sparen. Denn die Apotheken dort dürfen einen Bonus gewähren. Bei DocMorris etwa beläuft er sich auf die Hälfte der Zuzahlung von fünf bis zehn Euro. Privatpatienten bekommen pro verschriebenes Medikament drei Euro überwiesen. Andere EU-Apotheken schreiben für jeden Internetkauf Geldpunkte gut, die dann für rezeptfreie Einkäufe nach Belieben ausgegeben werden können.

Zu spät für akute Erkrankungen

Das Gesetz verlangt, dass der Apotheker das Originalrezept in Händen hat, wenn er ein rezeptpflichtiges Medikament abgibt. Also muss der Kunde es zunächst einsenden. Die Portokosten dafür erstatten die Versender in aller Regel. Doch bis ein Patient seine verordnete Arznei in Händen hält, vergehen vier bis fünf Tage. Für akuten Bedarf ist das viel zu lang.

Ganz anders sieht es aber aus, wenn dauerhaft Medikamente benötigt werden. Von den 500.000 Kunden des Marktführers DocMorris sind 185.000 Diabetiker. Sie brauchen ganzjährig Insulin, Arznei- und Hilfsmittel. Deshalb können sie ihre Versorgung genau planen - und langfristig bestellen. Nach Angaben von DocMorris sparen Diabetiker pro Einkauf gewöhnlich 15 bis 30 Euro, hauptsächlich wegen des Bonus. Chronisch Kranke genießen beim Online-Kauf in den Niederlanden einen weiteren Vorteil: Sie bekommen ihren Bonus auch, wenn sie von der Zuzahlungspflicht befreit sind.

Worauf Sie beim Online-Kauf achten sollten

> Alle Medikamente müssen mit ihrem Verfallsdatum und der Chargenbezeichnung versehen sein. Die Chargenbezeichnung ("Ch. B." oder ähnlich) auf Verpackung und Präparat (Fläschchen oder Tablettenblister) muss übereinstimmen.

> Auch wenn die Packung auf Portugiesisch beschriftet ist: Ein Beipackzettel in deutscher Sprache ist Pflicht.

> Bei allen Online-Geschäften sollten Sie eine "Sichere Verbindung" (SSL) nutzen können, damit Ihre Daten verschlüsselt übermittelt werden. Erkennbar ist das am kleinen Schlüssel- oder Schloss-Symbol in einer Ecke des Browserfensters und an Web-Adressen, die mit https:// beginnen. > Ein seriöser Versender bietet eine Beratung per Telefon-Hotline oder via Internet. Eine Probeanfrage kann sich lohnen: Werden Sie durch geschultes Personal (Apotheker oder pharmazeutisch-technische Assistenten) gut informiert?

> Gute Anbieter leisten Service: Freiumschläge für Rezepte etwa oder eine Warnung bei drohender Doppelverordnung oder Wechselwirkungen mit anderen georderten Medikamenten.

Vorsicht bei Werbemails aus Übersee

Mit Online-Bannern und Millionen von Werbemails machen außereuropäische Medikamentenhändler auf sich aufmerksam. Sie versenden Viagra und andere Hochpreispräparate aus Übersee, oft aus den USA. Im Gegensatz zu anerkannten EU-Apotheken fordern sie das gebotene Rezept nicht ein. Stattdessen verschreibt ein virtueller "Doktor" das Mittel aufgrund eines Anklick-Fragebogens. Gezahlt wird mit Kreditkarte, und mit Glück kommt irgendwann eine Sendung an.

Vorsicht: Der Selbstimport von außerhalb des EU-Zollgebietes ist illegal. Über die Grenzen der Europäischen Union dürfen Patienten Arzneimittel nur in Kleinmengen als Reisebedarf einführen. Entdeckt der Zoll das Pillenpäckchen eines Online-Anbieters von außerhalb, wird es beschlagnahmt, dem Besteller droht ein Bußgeld. Wer schwarz einkauft, gefährdet auch seine Gesundheit, weil er oft nicht den Beipackzettel entziffern kann. Es besteht das Risiko, dass ein gefälschtes Medikament ankommt. Und geht wirklich etwas schief, ist die Gefahr groß, die Folgen allein schultern zu müssen - ein Postfach auf der Insel Niue ist schwer zu verklagen.

Silke Umbach / print
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