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Pferdefleisch-Skandal: Der Preis für faul und geizig

Ponys in der Nudelspeise? Der Verbraucher ist entsetzt und lügt sich doch nur wieder etwas vor. Denn das Volk bekommt nur das Fleisch, das es verdient.

Ein Kommentar von Gernot Kramper

Ein neues Jahr, ein neuer Lebensmittelskandal. Der aktuelle Ponybrät-Sumpf ist nicht lebensgefährlich, aber unappetitlich. Die Ursache ist die gleiche wie in anderen Skandalen: Der Geiz der Verbraucher und die Gier skrupelloser Lieferanten gehen eine unheilige Verbindung ein.

Zynisch könnte man sagen: selber schuld! Beim Thema "Essen" will der Deutsche betrogen werden. Nirgendwo sonst wird dem Motto "Geiz ist geil" so sehr wie bei Lebensmitteln gehuldigt und nirgendwo ist der Geiz so deplatziert.

Gnadenloser Preisdruck

Brathähnchen für drei Euro fünfzig, Schweinebraten für vier Euro das Kilo - jeder weiß, welche Form von Massentierhaltungen nötig ist, um diese Preise zu garantieren. Aber der Verbraucher rebelliert nicht. Er ahnt, dass ihn Verbesserungen bei Haltung oder Kontrollen Geld kosten würden. Geld, das einige nicht haben und die anderen nicht für Lebensmittel ausgeben wollen. Also macht der Kunde lieber ganz fest die Augen zu. Von Hähnchen, die ihr 30 Tage langes Leben im eigenen Mist stehen, will er nichts wissen. So was verdirbt ihm den Appetit. Lieber schaut er den urigen Gutshof auf der Verpackung an und glaubt fest daran, dass das arme Tier, das unter der Folie beerdigt wurde, aus dieser Idylle stammt.

Gegen Betrug ist niemand gefeit, auch bei teuren Bioprodukten wurde schon mal geschummelt, aber natürlich ist es kein Zufall, dass zunächst die Billigmarken der Supermarktketten vom Pferdemix betroffen sind. Eine Packung Lasagne für 1,45 Euro: Was soll da drin sein? Transport, Karton und Aluschale müssen schließlich auch bezahlt werden.

Warmmachen ist das neue Kochen

Neben dem chronischen Geiz der Verbraucher kommt ein anderer Faktor hinzu: die zunehmende Faulheit in der Küche. Im TV boomen Kochshows mit aufwändigen Rezepten, im Supermarkt das Vorproduzierte für die Mikrowelle. Keine Kosten, keine Mühe. Packung rein, drei Minuten brutzeln und fertig ist das Schlemmermenü. Die Beimischung von günstigem Pferdefleisch ist nur möglich, weil diese Produkte industriell gefertigt werden. Arbeitsteilig und europaweit. Am Ende ist der Weg von Rind und Ross zum Teller so verschlungen, dass ihn nur noch Detektive entwirren können.

Der Schwindel ist perfekt, denn der Verbraucher kann ihn gar nicht bemerken. Früher konnten sich Fleischpanscher nur bei der Wurst austoben. Beim schieren Schinkenbraten von der Fleischtheke kann man kaum schummeln. Doch in den Fertigprodukten mit ihren Kreationen aus Analogkäse, Brät- und Formfleischkunstwerken öffnen sich unendliche Möglichkeiten. Bei der Pony-Lasagne hat niemand das Pferd rausgeschmeckt.

Gute Zutaten gelten als überflüssig

Das Fertigprodukt soll in jedem Land und zu jeder Zeit immer gleich aussehen und gleich schmecken. Das funktioniert nur durch eine industrielle Verarbeitung, die den Zutaten zuverlässig ihre natürlichen Eigenarten nimmt und ihnen die einimpft, die die Lebensmitteldesigner vorgesehen haben. Weder Geschmack, noch Struktur oder Aussehen des modellierten Endprodukts ähneln dem Ausgangsmaterial.

Die Panscher haben diese Eigenart der Fertigküche nun auf die Spitze getrieben. Aus ihrer Sicht ist es eigentlich nur konsequent, minderwertiges Fleisch zwischen die Lasagnelagen zu packen - woher es auch immer kommen mag.

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