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Pro und Kontra: K(l)assenkampf im Wartezimmer

Privatpatienten bekommen schneller einen Termin? Nicht unbedingt, bevorzugt werden sie im Zweifel trotzdem. Zwei Ärzte berichten auf stern.de aus ihrem Praxisalltag mit Privatpatienten und gesetzlich Versicherten. In einem Punkt sind sie sich einig: Wir haben eine Zweiklassenmedizin.

"Das ist wie bei der Bahn: Es gibt die erste und die zweite Klasse." Dr. Andreas Buck, Facharzt für Innere Medizin, Hannover

Es gibt tatsächlich Kollegen, die bei der Terminvergabe extrem zwischen Privat- und Kassenpatienten unterscheiden. Ich halte das nicht für gut, erlaubt ist diese Bevorzugung allerdings: Die kassenärztliche Versorgung muss zweckmäßig und ausreichend sein, aber keineswegs so gut wie möglich. In meiner Praxis stellen wir Kassenpatienten bei der Terminvergabe nicht hinten an. Das wäre auch für die Praxis unklug. Leistungen, die die gesetzlichen Kassen nicht zahlen, bieten wir den Patienten in Form von individuellen Gesundheitsleistungen (Igel) an. Man muss allerdings akzeptieren, dass wir ein Zweiklassensystem in der Medizin haben, weil die privaten Versicherer deutlich mehr erstatten als die gesetzlichen Kassen.

Dass Patienten generell auf manche Untersuchungen länger warten, empfinde ich als normal. Ich mache in meiner Praxis beispielsweise Darmspiegelungen. Davon schaffe ich pro Woche nur eine relativ kleine Zahl. Bei den Terminen unterscheide ich nach Dringlichkeit. Auch die Sprechstundenhilfen haben einige medizinische Kriterien zur Terminvergabe an der Hand. Mit dringenden Beschwerden muss niemand drei Wochen auf eine Untersuchung warten. Zusätzlich halte ich eine offene Sprechstunde, in die jeder ohne Termin kommen kann. In dieser Zeit ist der Anteil von Kassenpatienten deutlich größer als in der restlichen Sprechzeit. In meine Praxis kommen 70 Prozent Kassenpatienten und 30 Prozent Privatpatienten - das ist ein guter Wert für die Innenstadt. In der offenen Sprechstunde sind weniger als fünf Prozent Privatpatienten. Aus wirtschaftlicher Sicht lohnt sich das nicht, aber ich finde es wichtig, diese Zeit ohne Terminvergabe anzubieten.

Keine Zeit für lange Gespräche

Ich kann es mir nicht leisten, Kassenpatienten schlecht zu behandeln und bei der Terminvergabe zu benachteiligen. Ein schlecht informierter Patient informiert doch zehn andere darüber - und so ist der Ruf schnell hinüber. Bei der Behandlung muss ich mich trotzdem fragen: Wie aufwendig kann ich beraten? Von der gesetzlichen Kasse gibt es für einen Patienten eine Pauschale von 34 Euro pro Quartal für die gesamte Behandlung. Das beinhaltet ein EKG, weitere kleinere Untersuchungen und die Beratung. Dagegen muss ich meine Kosten rechnen: die Miete für die Praxisräume, die Personalkosten. Wenn ich eine Stunde mit einem Kassenpatienten rede, ist das ein wirtschaftliches Desaster! Bis vor kurzem gab es die Möglichkeit, ausführliche Beratungen abzurechnen, aber das wurde gestrichen. Wie viele meiner Kollegen, mit denen ich darüber gesprochen habe, halte ich das für das falsche Signal. Die Pauschale verleitet Ärzte dazu, sich weniger um den einzelnen Kassenpatienten zu kümmern, um die Rendite zu halten.

Ich stelle in der Praxis ein- bis zweimal am Tag die Diagnose Krebs, es kommen Patienten mit chronischen Erkrankungen wie Mukoviszidose oder Asthma, da existiert Gesprächsbedarf. Ich würde gern öfter und länger mit Patienten reden, aber das ist bei Kassenpatienten seit der EBM-Reform vom 1. Januar 2008 stark defizitär. Bei Privatpatienten kann ich längere Beratungen abrechnen. Dementsprechend passe ich meine Zeit an, das halte ich für gerecht. Das ist wie bei der Bahn: Es gibt die erste und die zweite Klasse. Die erste Klasse fährt nicht schneller als die zweite, ist aber besser gepolstert.

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"Am Ende läuft es auf eine Mischkalkulation hinaus." Dr. Eckhard Schreiber-Weber, Facharzt für Allgemeinmedizin in Bad Salzuflen

Bei uns in der Praxis muss man immer vorher anrufen, um einen Termin auszumachen, es sei denn jemand hat akute Beschwerden, dann kommt er natürlich sofort dran, beziehungsweise bekommt einen Termin in der Akutsprechstunde. Vor der Terminvergabe wird nicht gefragt, wo der Patient versichert ist. Selten führen Patienten von sich aus ins Feld, dass sie privat versichert sind und fragen, ob sie nicht schneller einen Termin bekommen könnten. Aber das hängt natürlich auch mit der Klientel zusammen. Jeder Arzt hat ja die Patienten, die zu ihm passen. Privatpatienten, die häufiger in meine Praxis kommen, akzeptieren, dass sie nicht schneller einen Termin erhalten. Es gibt bei uns auch nur ein Wartezimmer. Der Anteil von Privatpatienten in meiner Praxis liegt glaube ich etwas über dem Durchschnitt. Manchmal erfahre ich, dass ein Patient mehrere Wochen auf eine Untersuchung beim Facharzt warten muss. Wenn das aus medizinischer Sicht nicht vertretbar ist, rufe ich bei den Kollegen an und sage, dass es dringend ist. Das hilft in der Regel - und falls nicht, überweise ich an einen anderen Facharzt. So kommen Patienten eigentlich immer zeitig zu einem Facharzt.

Der finanzielle Druck auf die niedergelassenen Ärzte ist groß, denn wir sind in der Regel auf die Privatpatienten angewiesen. Es gibt in Deutschland eine Zweiklassenmedizin. Es existieren erhebliche Unterschiede, was ein Arzt für Untersuchungen bei den privaten und den gesetzlichen Kassen abrechnen kann. Ein Beispiel: Bei gesetzlich Versicherten zahlen die Kassen ab einem Alter von 35 alle zwei Jahre einen Gesundheitscheck, für den ich rund 20 Euro abrechnen kann. Private Kassen zahlen diesen Check jährlich - und ich bekomme etwa das Vierfache. Dass das System ungerecht ist, liegt nicht an den Ärzten. Wenn ich für alle Leistungen nur das bekäme, was die gesetzlichen Kassen zahlen, ginge es mir finanziell deutlich schlechter.

Kassenleistung auf private Kosten

Ich biete verschiedene naturheilkundliche Verfahren an, die nicht alle von den gesetzlichen Krankenkassen gezahlt werden. Kassenpatienten können diese freiwillig in Anspruch nehmen, wenn sie selbst zahlen. Sie werden darüber vorher genau aufgeklärt. Leider gibt es hier eine Grauzone: Kollegen bieten durchaus Untersuchungen auf private Kosten an, welche die Kassen eigentlich zahlen. Weil sie dann nämlich Geld bekommen, während sie bei der Kasse manchmal gar nichts mehr abrechnen können. Für einen gesetzlich versicherten Patienten zahlt die Kasse ja lediglich eine Pauschale pro Quartal, und es gibt ein Budget, jede darüber hinaus erbrachte Leistung rechnet sich für den Arzt nicht.

Am Ende läuft es aus meiner Sicht auf eine Mischkalkulation hinaus: Mit manchen Leistungen verdient man das Geld schneller, mit einigen langsam, mit anderen gar nicht. Wichtig ist, was unterm Strich stehen bleibt. Allerdings ist das Einkommen von niedergelassenen Allgemeinärzten nicht angemessen, wenn man bedenkt, wie viel sie arbeiten.

Protokolle: Nina Bublitz
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