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3D-Druck Prothese: Der Mann, der sich seine Hand baute

Der Franzose Nicolas Huchet konnte sich modernste Prothesen nicht leisten. Im Internet fand er Technikbegeisterte, die ihm halfen, eine eigene zu konstruieren. 

Von Martin Schlak

Die teuren Handprothesen konnte sich Nicolas Huchet nicht leisten. Also baute er sich mit Hilfe aus dem Netz eine eigene. Für nur 1000 Euro statt mehrerer 10.000.

Die teuren Handprothesen konnte sich Nicolas Huchet nicht leisten. Also baute er sich mit Hilfe aus dem Netz eine eigene. Für nur 1000 Euro statt mehrerer 10.000.

Die Hand, die ihm seine Hoffnung zurückgab, trägt Nicolas Huchet in einer kleinen Box aus Plastik. Er bringt sie mit in eine Crêperie in Rennes, einer Stadt im Nordwesten Frankreichs; später trägt er sie hinab in die Metro und hinauf in seine Wohnung, erster Stock, Boulevard de Verdun. Sie darf nicht nass werden, die Hand. Seine Hand. Sonst beginnen die Schrauben zu rosten und die Elektronik zu stottern.

Noch ist diese Prothese, leuchtend orange, ein Prototyp. Noch ist sie nicht tauglich für den Alltag, für die Hunderte Griffe, die ein Mensch täglich ausführt, ohne über sie nachzudenken. Die Hand kommt aus einem 3-D-Drucker. Schicht für Schicht hat er die Teile gefertigt, die Fingerglieder, den Handrücken, den Daumen. Für Nicolas Huchet ist diese Prothese vor allem ein Symbol: dass das wirklich funktionieren kann. Seine eigene Hand zu drucken.

Nicholas Huchet, 32 Jahre, hat keine rechte Hand mehr. Sein Arm endet unterhalb des Ellenbogens in einem Stumpf. An einem Morgen, der nun 13 Jahre her ist, stand der Konstruktionsmechaniker Huchet an einer Maschine, die er nie zuvor bedient hatte. Es war eine hydraulische Presse; man schloss sie mit einem Fußschalter. Mit den Händen musste man die Werkstücke auf den Presstisch schieben. Huchet, gerade volljährig, zog damals als Geselle von Ort zu Ort, wie es in Frankreich Brauch ist. Er mochte seinen Beruf, das erste eigene Gehalt, das erste eigene Auto. Das Gefühl von Freiheit.

"Ich möchte wieder einen Drumstick halten können"

Nicolas Huchet sagt, es sei ein Bedienungsfehler gewesen. Es habe alles schnell gehen müssen an jenem Morgen. Er habe den Fußschalter betätigt und nicht auf seine Hände geachtet.
Nach einer Woche im Krankenhaus und zwei Operationen entschieden die Ärzte, die Hand müsse amputiert werden. Erst dachte Nicolas Huchet: Was für eine Erleichterung, keine Schmerzen mehr. Dann: Ich werde nie mehr in meinem Leben Schlagzeug spielen können.

So lernte Nicolas Huchet mit 18 Jahren, eine myoelektrische Prothese zu benutzen. Myoelektrisch heißt, sie wird gesteuert über die winzigen Spannungen, die bei der Muskelkontraktion im Arm entstehen. Doch diese künstliche Hand, die er jeden Morgen so selbstverständlich anzieht wie einen Schuh, hat ein Problem: Zwar besteht sie aus fünf Fingern, doch bloß zwei sind beweglich, der Daumen und der Zeigefinger. Er kann die beiden Finger zusammenkneifen wie eine Zange. Nicolas Huchet macht diese Bewegung ständig, im Café, auf der Straße, in der Metro. Auf, zu, auf, zu. Als ob er sich vergewissern möchte, dass die Prothese funktioniert. Was vorher selbstverständlich war, das musste Huchet wieder lernen: auf einer Tastatur tippen, Schnürsenkel binden, eine Tasse halten. Noch heute gleiten ihm die Dinge manchmal aus der Hand. Er würde, sagt er, so gern wieder eine Faust machen können, um einen Drumstick zu halten. Nicolas Huchet, der Schlagzeuger.

"Die Hand, die ich wollte, konnte ich mir nicht leisten"

Nach dem Unfall ging er nach Irland, machte dort eine Ausbildung zum Tontechniker. Dann reiste er sechs Monate durch Südamerika. Als wollte er seinem Schicksal davonlaufen. Am schlimmsten fand er die Blicke. Die Kinder würden eine Prothese zuerst entdecken, sagt er. Die Eltern sagten dann, er habe eben Pech gehabt im Leben. Er antwortete, er habe kein Pech gehabt, er habe einen Fehler begangen. Er will kein Mitleid. Häufig zog er Oberteile mit langen Ärmeln an. "Ich habe die Prothese gehasst", sagt Nicolas Huchet. "Ich wollte nicht, dass die Leute sie sehen."
Am 4. Oktober 2004, zwei Jahre nach dem Unfall, gab eine Firma namens Touch Bionics eine Pressemitteilung heraus. Man habe erstmals eine prothetische Hand entwickelt, schrieb das britische Unternehmen, bei der sich alle fünf Finger bewegen lassen. Alle fünf! Es ist eine Prothese, die der menschlichen Hand näher kommt als alles, was es zuvor gegeben hatte. Als Nicolas Huchet von dieser Prothese erfuhr, war die zweite Generation der bionischen Hand auf dem Markt und aus dem Start-up Touch Bionics ein Unternehmen mit einem Umsatz von 16 Millionen Dollar geworden. Huchet sagt, er habe diese Hand damals unbedingt gewollt. Sie kostete aber mehrere 10 000 Euro. Er konnte sie sich nicht leisten.

In Deutschland müssen gesetzliche Krankenversicherungen Prothesen bezahlen, wenn sie erforderlich sind, um "eine Behinderung auszugleichen". Was das heißt, entscheiden oft Gerichte.

In Frankreich dagegen ist genau festgelegt, welche Hilfsmittel Kassen erstatten. Die teure bionische Prothese stand lange nicht auf der Liste. Nicolas Huchet benutzte also weiter seine myoelektrische Prothese, die Hand mit den zwei beweglichen Fingern.

An dem Tag, als sein Leben zum zweiten Mal eine abrupte Wendung nahm, lief Nicolas Huchet durch das Eingangstor zur Kunsthochschule in Rennes, nahe der Oper. Er hatte von einem Fabrication Laboratory (Fab Lab) gehört, das es dort gebe, einer Digitalwerkstatt mit 3-D-Druckern, Computern und Laserschneidern. Offen für alle, die etwas entwickeln wollen. Huchet sagt, er sei einfach neugierig gewesen. Hoffnung habe er sich keine gemacht. Schließlich konnte er keine einzige Zeile Code programmieren.

Hugues Aubin, einer der Gründer der Werkstatt im französischen Rennes, erinnert sich noch an den Moment im Oktober 2012, als Nicolas Huchet durch die Tür kam. Er habe gefragt, ob sie ihm helfen könnten, eine bionische Hand zu entwickeln. Wofür er die brauche? Da legte Nicolas Huchet ihm seine Hand auf die Schulter. Seine rechte.

Aubin sagte, sie könnten direkt loslegen. Im Internet fanden sie den Bauplan für eine künstliche Hand. Die Anleitungen und die Software hatte ein Pariser Plastiker für alle verfügbar ins Netz gestellt. Jeder kann sie verwenden und verbessern – ein Ansatz, der sich Open Source nennt. 30 Stunden dauerte es, bis der 3-D-Drucker alle Teile gefertigt hatte. Um die Gelenke miteinander zu verbinden, benutzten sie ein Stück Angelschnur. Als Achse setzten sie einen abgebrochenen Bleistift ein.

Später wird Nicolas Huchet sagen, von diesem Moment an sei er nicht mehr derjenige gewesen, der eine Hand zu wenig habe, sondern derjenige, der sich selbst eine Hand baut. Er wurde Teil einer weltumspannenden Gemeinschaft, den Makern. Ihren Anfang nahm die Bewegung 2002 am Massachusetts Institute of Technology, in dem Jahr, als Nicolas Huchet seinen Unfall hat. Von dort aus verbreitete sie sich um die ganze Erde. Nach Chile, nach Finnland, nach Japan. Auch in Deutschland finden heute in vielen Städten Fab Labs statt. Anfang Oktober trafen sich 7800 Maker in Berlin, zum Löten, Programmieren und Maschinenstricken.

Unter Makern gehört es zur Etikette, alle Schritte einer Entwicklung genau zu dokumentieren und anderen zur Verfügung zu stellen. Also veröffentlichten Hugues Aubin und Nicolas Huchet im Internet eine Anleitung für ihr Modell der Hand. Unter "Notwendiges Material" zählten sie auf: ein 3-D-Drucker, drei Neun-Volt-Batterien, Kabel, eine Metallsäge, eine Schere, fünf Servomotoren, zwei Zwei-Millimeter-Perlen und ein Arduino-Board. Das ist ein kleiner, günstiger Chip, etwa fünf mal fünf Zentimeter groß, der sich mit Open-Source-Software programmieren lässt und die Impulse aus den Muskeln in eine digitale Botschaft übersetzt.

Nicolas Huchet wurde in der Szene schnell bekannt. Er erhielt Einladungen von Makern aus aller Welt, er flog nach Rom, St. Petersburg, Boston. Überall nahm er seine bionische Prothese mit. "Ich habe gar nicht mehr aufgehört, Hände zu schütteln", sagt Huchet. Seitdem entwickeln Menschen aus vielen Ländern an seinem Projekt mit. An der Software und am Design. Und er nutzt wiederum die Baupläne anderer Entwickler. Seinen jüngsten Prototyp druckten Forscher in Bristol aus. Auch sie setzen auf Open Source.

Die Hochleistungsprothesen auf dem Markt sind längst weiter. In ihnen bewegen kleine Motoren in der Handfläche jeden Finger einzeln. Touch Bionics schreibt, das neueste Modell sei wieder 30 Prozent stärker und 30 Prozent schneller als sein Vorgänger. Seit Kurzem übernimmt die französische Sécurité sociale die Kosten für das Modell I-Limb Ultra von Touch Bionics. Im Gesetz steht, wie viel Geld sie für die Prothese erstattet: 26.469 Euro.

"Jeder soll Zugang zur Bau-Anleitung haben"

Doch jetzt, wo Nicolas Huchet eine bionische Hand aus der Fabrik bekommen könnte, da möchte er sie nicht mehr. Ihn treibt nicht die technische Perfektion an. Er sagt: "Wir haben eine andere Vision der Dinge." Man könne sich die teuerste bionische Hand kaufen, aber das Selbstvertrauen, eine Behinderung zu akzeptieren, das könne man nicht kaufen.

"Wir wollen mit der bionischen Hand keinen Profit machen", sagt Huchet. Den Bauplan sollen Menschen in Rennes genauso wie in Kuala Lumpur frei herunterladen können. Die meisten Armamputierten auf dieser Welt, meint Huchet, werden sich eine kommerzielle Prothese niemals leisten können. Vielleicht aber können sie sich ihre Hand bald ausdrucken.


Am Freitag vor zwei Wochen trägt er die kleine Box mit der orangefarbenen Hand an den Ort, an dem alles begann: zur Technikwerkstatt an der Kunsthochschule in Rennes. In einem schmalen Raum der Werkstatt sitzen zwei Entwickler, auf dem Tisch 3-D-Drucker, Schraubenzieher, Kabel, Zeichenpapier. Der ältere der beiden Männer sagt, er arbeite an einer sprechenden Wanduhr. Der jüngere, sein Mentor, sucht nach Bauanleitungen im Internet. In einer Ecke surrt ein Laserschneider vor sich hin. Man isst Chips.

Drei Jahre nach der ersten Begegnung kann man sagen: Die Maker haben das Leben des Nicolas Huchet neu zusammengesetzt. Er ist nun Vorsitzender einer Organisation, die sich "My Human Kit" nennt, auf Deutsch: Mein menschlicher Bausatz. Vergangene Woche gewann sie bei einem Innovationswettbewerb 200.000 Euro. Er hat nun einen Schatzmeister, einen Berater und einen Programmierer. Eine große Rehaklinik ist in das Projekt eingestiegen. Huchets Hand, die "Bionicohand", soll alltagstauglich werden: robuster, wetterfest und nicht schwerer als zwei Päckchen Butter. Bis zum Jahr 2017 möchte Huchet in Rennes ein Labor aufbauen, dort will er gemeinsam mit Menschen mit Handicap an Geräten arbeiten, die im Alltag helfen, günstig zu bauen sind und technisch ausgereift: einen Ultraschall-Handschuh als Sonargerät für Blinde, einen elektrischen Rollstuhl für Kinder.

Nicolas Huchet öffnet seine Plastikbox. Er zieht die Schutzfolie von den Elektroden, klebt zwei auf die eine Seite des Unterarms und zwei auf die andere. Dann schaltet er seine bionische Hand ein und spannt die Muskeln an. Die Sensoren spüren die Kontraktion und geben einen Stromstoß; ein kleiner Kasten verstärkt das Signal. Fünf verschiedene Griffe hat die Hand einprogrammiert. Zuerst klappt Nicolas Huchet den Daumen ein und aus. Dann krümmen sich die künstlichen Finger zu einer Faust.

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