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Psychologie: Warum wir "man" sagen, wenn wir "ich" meinen

Schildern wir Erlebtes aus der Ich-Perspektive neigen wir dazu, in die unbestimmte Person "man" zu verfallen. Psychologen wollen nun den Grund für das Verhalten herausgefunden haben.

Die Art und Weise, wie wir über Erlebtes sprechen, verrät mehr als wir denken

Die Art und Weise, wie wir über Erlebtes sprechen, verrät mehr als wir denken

"Eigentlich wollte ich am Wochenende nicht mehr so lange feiern gehen, aber man ist ja nur einmal jung."

"Vor zwei Monaten habe ich mich im Fitnessstudio angemeldet, aber man kennt das ja: Dann unterschreibt man den Vertrag, geht zweimal hin und lässt sich dort nicht mehr blicken."

"Die Tafel Schokolade wollte ich eigentlich im Kino essen, aber dann hatte ich schon in der U-Bahn so großen Hunger... Dass man sich auch nie zurückhalten kann."

Diese drei Aussagen stehen stellvertretend für ein Alltagsphänomen, das wohl jedem bekannt sein dürfte: Erzählen wir Erlebtes aus der "Ich"-Perspektive, wechseln wir häufig in das unbestimmte "Man". Obwohl dieser Perspektivenwechsel weit verbreitet ist, ist er bislang kaum untersucht worden.

Drei Psychologen von der "University of Michigan" haben nach einer möglichen Ursache für das Phänomen gesucht und berichteten darüber jüngst in "Science", einem Fachmagazin der "American Association for the Advancement of Science" (AAAS). 

Sie vermuten, dass wir mit dem Wechsel vom "Ich" zum "Man" ein bestimmtes Ziel verfolgen: Demnach schreiben wir Dingen, die wir selbst erlebt haben, eine übergreifende, allgemeingültige Bedeutung zu, indem wir sie im "Man"-Stil formulieren. Das tun wir nach Meinung der Wissenschaftler allerdings nicht bei jeder x-beliebigen Geschichte, sondern vor allem dann, wenn wir von negativen Dingen berichten und uns von ihnen emotional distanzieren wollen. Die Forscher glauben: Formulieren wir negative Erlebnisse anstelle von "ich" mit "man", messen wir ihnen eine gewisse Allgemeingültigkeit bei, die uns dabei hilft, mit dem Erlebten besser umgehen zu können.

Wunsch nach universaler Erfahrung

"Wir glauben, die Funktion dieses 'Mans' ist es, über Normen nachzudenken, die Menschen dabei helfen, das Erlebte zu verarbeiten", erklärte Ariana Orvell, die Hauptautorin der Studie, gegenüber "Popular Science". "Im Grunde genommen kreieren sie (die Studienteilnehmer, Anm. d. Red.) Normen rund um ihre Erfahrungen und machen sie auf diese Weise universal."

Orvell und ihr Team hatten verschiedene Experimente durchgeführt und Testpersonen unter anderem dazu aufgefordert, über Erlebtes zu berichten. Die eine Hälfte der Studenteilnehmer sollte über ein negatives Erlebnis schreiben, die andere über ein neutrales. Dabei fiel den Wissenschaftlern auf, dass die Testpersonen das unpersönliche "Man" besonders häufig dann verwendeten, wenn sie über negative Dinge berichteten.


ikr

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