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Seele & Sexualität: Blick in die Seele

Psychische Belastungen gehen nicht nur aufs Gemüt - sie können den ganzen Menschen krank machen. Schon deshalb gebührt unserem Seelenleben die gleiche Aufmerksamkeit wie Herz und Nieren, Blutdruck und Puls.

Die chemischen Vorgänge im Gehirn eines Depressiven kennt man sehr genau

Lange hatte der Arzt die Krankheit studiert, viele Patienten untersucht. Dann machte er sich daran, seine Beobachtungen aufzuzeichnen - Emil Kraepelin, Professor in Heidelberg, beschrieb den Habitus der Verzweiflung: "Die Körperhaltung zeigt den Mangel an Spannkraft, das schlaffe Bedürfnis nach möglichster Ruhe und stabilem Gleichgewichte; der Kopf ist gesenkt, der Rücken gebeugt und der ganze Körper nach dem Gesetze der Schwere in sich zusammengesunken. Die Sprache ist gewöhnlich leise und zögernd; die Bewegungen geschehen langsam und ohne Kraft. Bisweilen bildet sich die lähmende Willenlosigkeit zu einer förmlichen "Bettsucht" aus." Ganz typisch sei die Bewegungshemmung des Kranken: "Mit müden, kleinen Schritten tritt er ein, setzt sich langsam hin und bleibt in etwas gebeugter Haltung sitzen, fast regungslos, vor sich hinstarrend." Das notierte Kraepelin vor 100 Jahren.

Die Krankheit, die der Begründer der modernen Psychiatrie beschrieb, ist die Depression. Auch drei Generationen nach Kraepelins Arbeiten hat sich am Erscheinungsbild der von ihr Bedrückten nichts geändert. Seine Beobachtungen erlauben noch heute, den von Traurigkeit, Antriebslosigkeit und Sinnverlust Gequälten zu erkennen. Tatsächlich, so haben Untersuchungen mit Hilfe neuester Technik bewiesen, zeigen depressive Menschen Bewegungsstörungen, die äußerlich und vor allem auch auf der Ebene des Gehirns an die typischen Erscheinungen der Parkinsonschen Krankheit erinnern. Ganz offensichtlich wirkt der bei Depressiven stark gestörte Stoffwechsel von Botenstoffen im Gehirn unmittelbar bis in die fernsten Nervenendigungen und Muskeln des Körpers hinein. Die Erstarrung des Erkrankten an Leib und Seele ist ein einziger, unauflöslicher Zerstörungsprozess.

Heute kennen Wissenschaftler, anders als noch Kraepelin, die chemischen Vorgänge im Gehirn eines depressiven Menschen sehr genau. Auch was bei einer Zwangserkrankung vorgeht, die ihr Opfer nötigt, sich 20-mal zu vergewissern, ob es wirklich den Herd ausgeschaltet hat, können Forscher erklären - und viele psychische Vorgänge vermögen sie gar mit dem Tomographen sichtbar zu machen. Viele Menschen irritiert es, dass Psychologie so konkret, so "mechanisch" werden kann. Sie schreckt die Erklärung, dass die tödliche Traurigkeit, dass auch wahre Wildwässer wüstester Gefühle oft lediglich dadurch zustande kommen, dass bestimmte Zellgruppen im Denkorgan nicht in der Lage sind, ausreichend Botenstoffe herzustellen.

Nur ein Zehntel der Depressiven wird angemessen behandelt

Ist nicht doch stets ein Kindheitstrauma, eine soziale Erklärung zu finden, wenn die Seele Schwarz trägt? Zum Teil, aber nicht immer. Psychische Erkrankungen können durchaus aus heiterem Himmel auf ihre Opfer herabstürzen, ohne dass Mutter, Vater, Freunde oder der Betroffene selbst auch nur den kleinsten Fehler im Umgang miteinander gemacht haben. Und auch "die Gesellschaft" ist häufig unschuldig, wenn das Seelenleben leidet. Die Trennlinie zwischen Körper und Seele existiert einzig und allein in unserer bewussten Wahrnehmung, nicht aber im unterbewussten "Maschinenraum" unseres Nervenkostüms. Denn unsere Nervenzellen sind aus demselben Stoff gemacht wie Leber und Lunge. Genau wie sie können sie kaputtgehen, und deshalb müssen wir ihre Gesundheit bewahren. Sonst zerfällt der ganze Mensch.

Doch die seelische Gesundheit der Deutschen findet, trotz Psychoboom und Therapie-Moden, viel zu wenig Beachtung. Wir tun nicht genug für sie (oder das Falsche) und gefährden uns selbst. Nur ein Zehntel der geschätzt vier Millionen depressiven Deutschen werde angemessen behandelt, sagt der Münchner Professor Ulrich Hegerl.

Und während vernünftiges Vorsorgeverhalten in Sachen Herzgesundheit oder Krebsvorsorge im Trend liegt und immer mehr Deutsche zugunsten besserer Fitness aktiv werden, stellt man sich dem psychischen Leid nicht gern, und noch weniger gern spricht man offen darüber - besonders als Mann. Das ist gefährlich. Denn schlagzeilenträchtige, weil oft tödliche, psychische Erkrankungen wie Depression und Essstörungen bilden nur die Spitze des Eisbergs: Binnen eines Kalenderjahres treten, so das offizielle Bundesgesundheitssurvey, bei 32,1 Prozent der Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren psychische Krankheitssymptome auf.

1,6 Millionen Deutsche sind alkoholsüchtig

Die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK) hat in ihrem neuesten Gesundheitsreport den Schwerpunkt auf psychische Erkrankungen gelegt, denn die Seelenpein der Deutschen scheint weiter zuzunehmen. Zahl und Dauer der Krankschreibungen mit entsprechenden Diagnosen steigen seit Mitte der neunziger Jahre ununterbrochen an. Im Jahr 2001 machten sie bereits knapp acht Prozent des gesamten Krankenstandes aus, mehr als Probleme mit Verdauungsorganen und dem Kreislauf.

In Deutschland sind 1,6 Millionen Männer und Frauen alkoholsüchtig, weitere 2,7 Millionen stark gefährdet, es zu werden. Vier Millionen Menschen leiden an einer behandlungsbedürftigen Depression und mehr als sieben Millionen an krankhaften Angstgefühlen.

Auf dem Gebiet der professionellen Hilfsangebote für die verschiedenen psychischen Erkankungen liegt noch vieles im Argen. Die Versorgung muss gründlich verbessert werden. Gut wäre es, wenn sich die Betroffenen vorbehaltlos vom Spezialisten checken lassen könnten, um dann sinnvolle und gezielte Hilfe zu bekommen. Die Inanspruchnahme psychotherapeutischer Dienste leidet jedoch unter einem massiven Image-Problem. Der Ruf bedeutender Therapierichtungen ist ziemlich ramponiert - eine Psychoanalyse etwa gilt in weiten Kreisen nicht als medizinische Maßnahme, sondern als Statussymbol eitler Stadtneurotiker mit zu viel Geld.

Tatsächlich Hilfsbedürftigen ist oft der Blick auf wirklich wirkungsvolle Therapien durch den dschungelartig ausgewucherten Graumarkt der Psychotechniken verstellt. In der Wochenendausgabe eines beliebigen Stadtmagazins reihen sich die Anzeigen der Workshop- und "Rebirthing"-Gurus, der spirituellen Seelenbearbeiter, Vorstadt-Schamanen und Gesundbeter - ein Chaos, das geradezu einlädt zu einer endlosen Odyssee therapeutischer Selbstversuche. Sie leert das Portemonnaie, heilt jedoch selten die Seelen.

Mit Psychoanalyse und Verhaltenstherapie lassen sich psychische Probleme rational angehen

Akademisch fundiert arbeitenden Psychotherapeuten ist das Problem bewusst. Doch sie sitzen im Glashaus. So hat vor nicht langer Zeit der Leipziger Professor Michael Geyer die ebenfalls "exotische Vielfalt" gegeißelt, durch die sich die offizielle Psychotherapie-Landschaft in Deutschland auszeichne - besonders gruselten ihn "Hunderte von Schulen teils sektenartigen Charakters, zu deren Kultur die Ignoranz all jener Erkenntnisse gehört, die nicht der Bestätigung der eigenen Methodik dienen".

Ein wenig Lichtung ins Gestrüpp hat der Gesetzgeber 1999 geschlagen - nach 20 Jahren politischen Hickhacks trat das neue Psychotherapeuten-Gesetz in Kraft. Es stellt sicher, dass ärztliche ebenso wie psychologische Psychotherapeuten mit der Krankenkasse abrechnen können - direkt auf Chipkarte, ohne Hin-und-her-Überweisungen. Und vom Wirrwarr der Behandlungsstrategien blieben nur zwei große Grundkonzepte übrig, deren Nutzen als wissenschaftlich gesichert gilt: Die Psychoanalyse und die Verhaltenstherapie. Mit ihnen lassen sich die häufigsten psychischen Probleme rational angehen.

Bei vielen Menschen, die Jahr für Jahr vor sich hin leiden, ohne wirklich zu wissen, was in ihnen vorgeht, wäre Abhilfe leicht möglich. Sie haben unentdeckte Ressourcen und ungeahnte Kräfte, die es zu wecken gilt: Mit deren Hilfe lässt sich Stress aushalten, Angst beherrschen und die seelische Erstarrung durchbrechen. So manchem ist es dabei möglich, sich in Münchhausens Manier selbst aus dem Sumpf zu ziehen, andere brauchen Hilfe. Die Informationen und die Tests in dieser Serie sollen Ihnen helfen zu beurteilen, ob Sie fachkundiger Unterstützung bedürfen oder ob Ihre Seelentiefs noch im grünen Bereich liegen. Denn mancherlei Unangenehmes, was wir Tag für Tag empfinden, ist kein ernstes Problem, kein Grund zur Sorge, sondern einfach nur das Flackern der vielen roten Kontrolllämpchen in unserem Gehirn, das unser Überleben in einer komplizierten und manchmal gefährlichen Welt sichert. Das war vor 500 000 Jahren so und ist es heute noch.

Christoph Koch / print
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