Psychopharmaka "Diese Medikamente sind die Hölle"


Über eine neue Art von Anti-Depressiva ist ein heftiger Streit entbrannt: Sie sollen die Suizid-Gefahr bei Jugendlichen massiv erhöhen, meinen Kritiker. Befürworter betonen den Nutzen der neuen Medikamente.

Unberechenbares Teufelszeug, das Kinder und Jugendliche zum Suizid treibt - oder wertvolle Hilfe bei der Behandlung von Depressionen. Die Meinungen über Risiken und Nutzen von Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) gerade bei Kindern und Jugendlichen klaffen weit auseinander. Dies zeigt sich erneut bei den Anhörungen der amerikanischen Behörde für Lebensmittel und Medikamente FDA, die über die Zukunft dieser neuen Klasse von Antidepressiva entscheiden soll.

Dabei geht es vor allem um die Frage, ob die zur Behandlung von Depressionen eingesetzten Medikamente das Suizidrisiko erhöhen und daher vor allem für minderjährige Patienten ungeeignet sind. Viele Eltern berichten, dass ihre Kinder nach Beginn der SSRI-Therapie äußerst erregt oder ängstlich wurden und sehr anfällig waren für plötzliche Impulse, oft mit tödlichem Ende.

"Den enormen Nutzen dieser Medikamente berücksichtigen"

"Sie haben heute die Verpflichtung zu verhindern, dass sich diese tragische Geschichte häufiger wiederholt", appelliert Mark Miller aus Kansas City an das Gremium. Millers 13-jähriger Sohn Matt hatte sich nach Einnahme einer Zoloft-Tablette in seinem Zimmer erhängt. "Ich bitte Sie, den enormen Nutzen dieser Medikamente zu berücksichtigen", betont dagegen Sherri Walton aus Arizona mit Blick auf ihre Tochter Jordan. Ihre Medikamente waren oft die einzige Hilfe, auf die sie vertrauen konnte.

"Diese Medikamente sind die Hölle", meint wiederum Jay Baadsgaard: "Sehen Sie, was sie mit meinem Sohn gemacht haben." Baadsgaards Sohn Corey nahm vor vier Jahren im US-Staat Washington mit vorgehaltener Schusswaffe seine gesamte Schulklasse als Geisel und behauptete später, er habe zuvor Effexor genommen und dann einen Blackout erlitten. Im Gegensatz dazu halfen die Mittel zwei Söhnen von Suzanne Vogel-Scibilia: "Mich schaudert bei dem Gedanken an ihr Schicksal, wenn es diese Mittel nicht gegeben hätte."

Die britischen Gesundheitsbehörden schlugen Alarm

Begonnen hatte die Diskussion im vergangenen Jahr, als die britischen gesundheitsbehörden Alarm schlugen. Zurückgehaltene Forschungsdaten, so die Briten, wiesen darauf hin, dass SSRI-Präparate das Suizidrisiko bei Kindern und Jugendlichen erhöhen könnten. Mit Ausnahme von Prozac erklärten die Behörden SSRI als für Jugendliche ungeeignet.

Nun will die FDA mit Unterstützung der Columbia-Universität abschätzen, ob der Vorwurf zutrifft. Etwaige Maßnahmen sollen dann im Sommer vorgeschlagen werden. Bis dahin rät die Behörde allen Ärzten, beim Verschreiben der Antidepressiva an Minderjährige größte Vorsicht walten zu lassen. Kritiker der Präparate fordern dagegen, die Verpackungen der Medikamente mit Warnhinweisen zu bedrucken.

Geringe Toxizität

Vor allem wegen ihrer geringen Toxizität galten SSRI als besonders vorteilhaft bei der ambulanten Behandlung suizidgefährdeter Patienten. Im Jahr 2002 wurden in den USA für minderjährige Patienten fast elf Millionen Rezepte für SSRI und andere neue Antidepressiva ausgestellt. Die FDA befürchtet nun, Warnhinweise könnten Patienten abschrecken und damit eine möglicherweise Erfolg versprechende Therapie verhindern. Der medizinische FDA-Berater Thomas Laughren klagt: "Ein Irrtum, egal in welche Richtung, hätte weit reichende Folgen."

Auch die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft hatte sich Ende vergangenen Jahres für eine kritische Neubewertung des Einsatzes von SSRI ausgesprochen. Patienten sollten im Aufklärungsgespräch über die potenzielle Gefahr dieser Präparate unterrichtet werden, verlangte die Kommission. Unabhängig von den möglichen Risiken dieser Medikamente betonte die Kommission jedoch, dass depressive Erwachsene und Ältere sich vor allem dann selbst töten, "wenn sie entweder kein Antidepressivum erhalten oder es nicht eingenommen haben".

Lauran Neergaard

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