HOME

Radiologie: "Patienten sind bildergläubig"

In Deutschland wird öfter geröngt und geschallt als in vielen anderen Ländern. Doch nicht immer sind solche High-Tech-Untersuchungen auch sinnvoll. stern.de sprach mit dem Präsidenten der Deutschen Röntgengesellschaft über Nutzen und Risiken.

Professor Forsting, einer neuen Studie zufolge sind etwa 30 Prozent der aufgenommenen Röntgenaufnahmen unnötig. Wie kommt es zu diesem Bilderwahn?
Manche Röntgenuntersuchungen sind in der Tat überflüssig. Ein klassisches Beispiel sind Rückenprobleme. Bei einfachen Rückschmerzen ist weder das Röntgen noch eine Magnetresonanz-Untersuchung nötig. Doch der Anspruch von Patienten in Deutschland ist hoch. Niemand ist wirklich zufrieden, wenn er mit Schmerzen zum Orthopäden geht und der den Rücken nur kurz befühlt. Wir sind bildergläubig, offenbar verlangen die Patienten die Röntgen-Untersuchung. Der Radiologe kann am wenigsten dafür - der kennt die Grenzen der Technik sehr genau.

Es gibt auch den Vorwurf, dass die Ärzte mit den vielen Bildern die teuren Röntgengeräte finanzieren wollen.
Völliger Quatsch. Für Radiologen ist der Vorwurf in Deutschland nicht haltbar, weil sie sich ihre Patienten nicht selbst überweisen. Sie bekommen ihre Patienten von Fachärzten zugewiesen, und denen ist egal, wie die Röntgengeräte finanziert werden. Zudem ist der radiologische Befund für die Diagnose und Bewertung vieler Erkrankungen oft unerlässlich.

Statistisch gesehen genügen schon kleine Dosen, wie die einer Computertomografie (CT) des Bauches, um bei einem von 1000 untersuchten Patienten im Laufe seines Lebens einen Tumor auszulösen. Unterschätzen Ärzte die Gefahren?
Statistik ist ein zweischneidiges Schwert. Wenn zwei Leute nebeneinander stehen, die im Durchschnitt 500.000 Euro im Jahr verdienen, kann es sein, dass einer von beiden eine Million hat und der andere gar nichts. Wie diese niedrigen Strahlendosen auf den Einzelnen wirken, ist völlig unerforscht. Das sind Daten, die aus den Erfahrungen mit Atomkatastrophen irgendwie hoch- oder heruntergerechnet werden. Dennoch ist es wünschenswert, dass die Wirkung kleiner Dosen wissenschaftlich besser untersucht wird.

Sollte man nicht auch ein geringes Risiko ernst nehmen?
Radiologen wissen sehr genau, dass von der CT-Untersuchung eine Strahlenbelastung ausgeht. Bei der 60-jährigen Frau mit Brustkrebs, die alle sechs Monate eine Untersuchung zum Nachweis oder Ausschluss von Metastasen benötigt, muss man das Minirisiko eines Zweittumors durch die Strahlenbelastung jedoch in Kauf nehmen. In solchen Fällen ist diese Diagnostik extrem hilfreich.

Und wo lässt sich Strahlung einsparen?
Vor zehn Jahren musste man bei Kindern noch CTs machen, weil die Magnetresonanz-Technologie (MRT) nicht so weit war. Heute hat sich die Situation gedreht: Ein Kind mit einem Hirntumor bekommt zu 99,9 Prozent eine MR-Untersuchung. Man darf nur nicht den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Wenn jemand ein CT braucht, ist das Risiko, dass er dadurch einen Tumor entwickelt, verschwindend gering im Gegensatz zum Nutzen.

Anders sieht es bei sogenannten Manager-Check-Ups aus - Untersuchungen bei Menschen, die eigentlich gesund sind und keine Beschwerden, dafür aber genug Geld für diese Maßnahmen haben.
Bei diesen Personen ein CT zu machen, ist wirklich Blödsinn. Und im Übrigen auch nicht erlaubt!

Könnten Radiologen mehr für den Strahlenschutz tun?
Wir müssen mehr auf Möglichkeiten, aber auch Grenzen unserer Methoden hinweisen - nicht nur unter Radiologen. Die Vielfalt der Möglichkeiten in der Radiologie ist für den Hausarzt vielleicht etwas unübersichtlich. Dort könnten wir häufiger missionarisch tätig werden und sagen: In bestimmten Fällen ist die MR-Untersuchung besser oder mindestens genauso gut wie eine Methode, die ionisierende Strahlen benutzt.

In einem Vorwort eines neu erschienen Buches heißt es: Ungefähr nur 30 Prozent der radiologischen Entscheidungen basierten tatsächlich auf fundiertem Wissen. Wie lässt sich das ändern?
Das ist so nicht richtig. Viele medizinische Entscheidungen sind nicht evidenzbasiert, das ist aber etwas anderes: Medizin hat viel mit Erfahrung zu tun und die ist oft wichtiger als unsere Evidenzgeilheit. Es gibt keinen Zweifel daran, beim Verdacht auf eine Schenkelhalsfraktur zu röntgen statt abzuwarten. So ist das mit vielen radiologischen Untersuchungen. Wir müssen den gesunden Menschenverstand einsetzen. Der ist oft hilfreicher als eine Studie.

Arnd Schweitzer
Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity