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Randy Pausch: "Ich lebe von geliehener Zeit"

Seine "Last Lecture" machte den krebskranken amerikanischen Wissenschaftler Randy Pausch weltberühmt. Jetzt ist seine letzte Vorlesung als Buch erschienen. Sein Co-Autor, der US-Journalist Jeffrey Zaslow, sprach mit Pausch über dessen Abschied und die Lehren des Lebens.

Im vergangenen August hieß es, dass Sie nur noch drei bis sechs gute Monate hätten. Diese sechs Monate sind vorbei. Wie geht es Ihnen?

Ziemlich gut. Ich habe meine erste Diagnose um eineinhalb Jahre überlebt. Ich habe jetzt zehn Tumore in der Leber. Aber noch haben sie meine Gesundheit nicht direkt angegriffen. Es ist meinen Ärzten und mir gelungen, die Tumore in den vergangenen sechs Monaten einigermaßen in Schach zu halten. So etwas kommt vor - ich habe großes Glück gehabt.

Bauchspeicheldrüsenkrebs ist eine der gefährlichsten Krebsarten, die es gibt. Was haben Sie nach der Diagnose unternommen?

Ich war bereit, alles geschehen zu lassen, was Ärzte in ihrem chirurgischen Arsenal bereithielten. Man operierte mich, ich wurde zwei Monate lang bestrahlt, bekam Chemodosen. Am Ende konnte ich kaum noch laufen. Als der Krebs dann im vergangenen August die zehn Metastasen in der Leber gebildet hatte, sprach der Arzt von palliativer Chemotherapie - einer Behandlung, die die Symptome abschwächen und mir das Leben so angenehm und aktiv wie möglich machen soll, bis das Ende naht. Jetzt lebe ich buchstäblich von geliehener Zeit. Und ich versuche, so viel ich kann mit meinen Kindern zu spielen.

Die beiden Jungen Dylan und Logan sind sechs und drei Jahre alt, Ihre Tochter Chloe 22 Monate. Was haben Sie ihnen erzählt?

Nichts. Wir werden kein Wort sagen, solange ich nicht todkrank aussehe. Wie sollen sie denn auch damit umgehen, dass ich noch ziemlich gesund aussehe, aber sterbe? Sie wissen nicht, dass ich mich mit jeder Begegnung ein Stück mehr verabschiede. Wenn ich morgens unter der Dusche stehe und weine, dann trauere ich um sie. Es frisst mich innerlich auf, wenn ich daran denke, dass sie keinen Vater haben werden, wenn sie älter sind. Ich weiß, ihre Erinnerungen an mich werden verschwommen sein. Deshalb versuche ich, Dinge mit ihnen zu tun, die für sie unvergesslich sind. Aber ich weiß noch nicht, wie ich die Tatsache, dass Papa nun fortgeht, für sie möglichst herunterspiele. Ich wünschte, die Kinder könnten verstehen, wie verzweifelt ich sie nicht verlassen möchte.

Sie bezeichnen Ihre Krankheit sehr nüchtern als "Funktionsstörung".

Ich wollte versuchen, dem Tod ein wenig anders entgegenzutreten als viele Menschen. Pragmatischer vielleicht. Ich könnte mir leidtun, aber das würde weder meiner Frau noch meinen Kindern, noch mir gut bekommen. Ich möchte lieber Dinge tun, die wirklich wichtig sind.

War Ihre "Letzte Vorlesung", die Sie im vergangenen Jahr an Ihrer Universität gehalten haben, so etwas?

Wenn ich an meine Kinder denke, dann denke ich immer, dass es nicht richtig ist, jetzt zu sterben. Doch wenn es schon sein muss, dann liegt ein großer Trost darin, dass ich einen Weg gefunden habe, ihnen zu erzählen, was mir wichtig ist. Eltern wollen ihre Kinder auf die Herausforderungen des Lebens vorbereiten. Das tun sie oft, indem sie Kindern Geschichten aus dem eigenen Leben erzählen - in der Hoffnung, ihnen damit zu helfen, ihr Leben leben zu lernen. Diese Hoffnung veranlasste mich, eine Letzte Vorlesung an meiner Universität zu halten, ein Buch zu schreiben. Ich möchte, dass sie wissen, wer ich bin und woran ich immer geglaubt habe, und ich möchte, dass sie wissen, auf wie viele Arten ich sie liebe. Es wird der Punkt kommen, an dem ich in diese Nacht gehen muss. Und das, was ich ihnen hinterlassen kann, gibt mir das Gefühl, dass es in Ordnung ist.

Ihre Letzte Vorlesung ist fröhlich, optimistisch ...

... ich erzählte von den Freuden des Lebens, davon, wie sehr ich das Leben schätze, jetzt, da nur noch so wenig davon übrig ist. Ich erzählte von Aufrichtigkeit und Integrität. Auf diese Weise wurde es mir möglich, aus eigener Kraft zu gehen. Und wer weiß, ob ich ohne die Vorlesung daran gedacht hätte, all den Menschen zu danken, denen wirklich mein Dank gebührt. Die Frage, die sich mir dabei am vordringlichsten stellte, war allerdings: Was macht mich einzigartig, was habe ich als einzelner Mensch wirklich anzubieten?

Nämlich?

Meine Einzigartigkeit lag in der Besonderheit meiner Träume, die mein Leben ausgemacht haben, von den bedeutsamen bis hin zu den schrulligen. Und trotz des Krebses hielt ich mich für einen rundum glücklichen Mann, weil ich diese Träume verwirklicht hatte. Dabei haben mir außergewöhnliche Menschen geholfen, die mich auf meinem Weg so vieles gelehrt hatten. Ich habe ein wunderbares Leben gelebt.

Sie haben als Kind eine Liste Ihrer Träume erstellt.

Ja. Es ist wichtig, konkrete Träume zu haben. So verbrachte ich einen Teil meiner Kindheit mit dem Traum, Captain James T. Kirk zu sein, Commander des Raumschiffs "Enterprise". Ich bin davon überzeugt, dass ich ein besserer Lehrer und Kollege - vielleicht sogar auch ein besserer Ehemann - geworden bin, weil ich verinnerlicht hatte, wie sich Captain Kirk als Chef der "Enterprise" verhielt. Er hatte ein angeborenes Führungstalent. Er inspirierte andere mit seiner Leidenschaft. Aber er gab nie vor, etwas besser zu können als seine Untergebenen. Außerdem hatte er eine Romantik, mit der er Frauen in jeder Galaxie schwachmachen konnte.

Wie geht Ihre Frau Jai mit Ihrer Diagnose um? Fotos der vergangenen Monate zeigen sie oft lachend.

Als wir hörten, dass sich Metastasen gebildet hatten, weinten meine Frau und ich und hielten einander fest. Dann schlossen wir einen Pakt: Wir werden lachen. Und das tun wir. Wir lachen. Über den Krebs und alles mögliche andere. Wir gehen zu einer Beratung, sie ist ungemein hilfreich. Jai versucht, sich auf den Tag zu konzentrieren - und nicht auf das Negative, das uns bevorsteht. Sie sagt, dass es niemandem hilft, wenn wir das Heute damit verbringen, uns vor dem Morgen zu fürchten. Wir versuchen, uns mit dem Leben anzufreunden, das sie nach meinem Tod führen wird. Und was die nahe liegende Frage betrifft: Ja, ich will, dass Jai glückliche Jahre vor sich hat. Wenn sie ihr Glück in einer neuen Ehe findet, dann fände ich das großartig. Wenn sie es findet, ohne eine neue Ehe einzugehen, dann fände ich auch das großartig.

In Ihrer Letzten Vorlesung sprechen Sie von den Lehren Ihres Lebens. Welche sind Ihnen wichtig?

Gestatte es dir zu träumen. Gib auch den Träumen deiner Kinder Nahrung. Lass dir helfen. Such niemals nach Mitleid, das ist ein Fehler. Frag dich stets, ob du deine Zeit wirklich mit den richtigen Dingen verbringst. Zeit muss verwaltet werden, nicht anders als Geld. Ich war mir mein Leben lang bewusst, dass Zeit endlich ist. Ich habe ganze Vorlesungen über Zeitmanagement gehalten. Beklag dich nicht, streng dich einfach mehr an. Eine Menge Leute verbringen ihr Leben damit, über ihre Probleme zu klagen. Ich fand immer, wenn sie nur ein Zehntel der Energie, die sie fürs Jammern verbrauchen, der Lösung ihrer Probleme widmen würden, wären sie überrascht, wie schnell die Dinge eine gute Wendung nehmen würden. Such nach dem Besten in jedem. Fast jeder hat eine gute Seite. Man muss nur warten können. Sie wird zum Vorschein kommen, auch wenn es manchmal Jahre dauert. Und wenn ich einen Rat geben müsste, der nur aus drei Wörtern bestehen dürfte, würde er lauten: Sag die Wahrheit.

Millionen Menschen haben Ihre Letzte Vorlesung im Internet gesehen. Wie waren die Reaktionen?

Mir haben Tausende fremder Menschen geschrieben und mir mit ihren guten Wünschen Auftrieb gegeben. Da draußen gibt es so viele, die viel mutiger sind als ich. Es war mir wirklich vergönnt, das Beste zu bekommen, was die Menschheit zu bieten hat, und dafür bin ich unendlich dankbar. Ich habe mich nie allein gefühlt auf dem Weg, den ich jetzt gehe.

Aber letztlich haben Sie Ihre Letzte Vorlesung für Ihre Kinder gehalten, Ihr Buch für sie geschrieben.

Ja. Eltern sollten ihre Kinder dazu ermuntern, Freude am Leben zu entwickeln - und einen starken Drang, den eigenen Träumen zu folgen. Dies sind meine Träume für meine Kinder. Das Einzige, wozu ich meine Kinder drängen möchte, ist, dass sie ihrem Weg mit Begeisterung und Leidenschaft folgen. Und ich wünsche mir, dass sie spüren, wie voll und ganz ich hinter ihnen stehe - immer, egal, welchen Weg sie einschlagen.

Interview: Jeffrey Zaslow / print
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