VG-Wort Pixel

Rasanter Anstieg der Psycho-Diagnosen "Wir schreiben zu schnell krank"


Immer mehr Menschen lassen sich wegen psychischer Probleme krankschreiben. Ein Arzt und Psychologe erklärt, was hinter dem Anstieg steckt und wie Arbeitnehmer vorbeugen können.

Herr Professor Schneider, die neuesten Zahlen stammen aus dem Bundesarbeitsministerium: Demnach hat sich die Zahl der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen innerhalb von zehn Jahren fast verdoppelt. Auch andere Statistiken verzeichnen eine stetige Zunahme psychischer Störungen. Handelt es sich um einen tatsächlichen Anstieg oder stellen Ärzte diese Diagnose heute schneller?
Beides dürfte der Fall sein. Zum einen ist die Bereitschaft und Kompetenz von Ärzten angestiegen, psychische Störungen wie eine Depression oder eine Angststörung zu diagnostizieren. Patienten sind auch eher bereit, diese Thematik bei ihren Ärzten anzusprechen. Zum anderen sind die Belastungen in der Arbeitswelt, aber auch im Alltag tatsächlich gestiegen und damit kommt es auch häufiger vor, dass sich Arbeitnehmer ausgebrannt fühlen, erschöpft sind oder psychische Probleme entwickeln. Auch die öffentliche Debatte über das Thema hat dazu beigetragen, dass sich mehr Menschen davon betroffen fühlen.

Und es gar nicht sind?
Epidemiologische Studien gehen davon aus, dass etwa 35 Prozent der europäischen Bevölkerung einmal im Jahr unter einer psychischen Erkrankung leiden. Die Kriterien, nach denen eine psychische Erkrankung diagnostiziert wird, sind aber vielfach sehr weit gefasst. Anders gesagt: Die Schwelle, ab der wir von einer psychischen Erkrankung sprechen, ist in der Tendenz zu niedrig gesetzt. Dementsprechend viele Diagnosen bekommen wir auch. Ich habe das Gefühl, wir pathologisieren zu schnell und schreiben auch zu schnell krank.

Was genau heißt das?
Wenn ein Patient zum Arzt geht und davon spricht, dass er gestresst ist, schlecht schläft und nicht mehr kann, ist die Bereitschaft relativ groß, ihn krank zu schreiben. Ob eine psychische Erkrankung vorliegt, wird aber nach viel weicheren Kriterien beurteilt als zum Beispiel eine Organerkrankung. Die Befunde sind nur schlecht objektivierbar, abweichende Laborwerte lassen sich in der Regel nicht feststellen. Und viele Ärzte handeln da, überspitzt gesagt, kundenorientiert. Die Tendenz, einen solch gestressten Patienten rauszunehmen, ist groß - erst Recht, wenn die ganze Gesellschaft nur noch "Burnout" schreit.

Die "Burnout"-Welle schwappte ja im vergangenen Jahr über die Republik, zahlreiche Medien griffen das Thema auf.
Wenn wir mal außer Acht lassen, dass es sich hier nicht um eine eigenständige anerkannte Diagnose handelt, zeigt das Phänomen: Unsere Gesellschaft öffnet sich, was psychische Krankheiten angeht. Probleme werden heute eher der Psyche zugeschrieben und weniger dem Körper. Ich finde es zwar positiv, dass die Seele mehr Raum hat. Aber gleichzeitig wird vielem schnell ein Krankheitswert attestiert - und das ist brisant.

Tun Ärzte ihren Patienten denn einen Gefallen, wenn sie diese wegen seelischer Probleme krankschreiben? Ist die Pause sinnvoll?
Nicht immer. Man muss sich sehr genau überlegen, wann es sinnvoll ist, jemanden arbeitsunfähig zu schreiben und vor allem, welche Therapien dann angezeigt sind. Denn Arbeit kann stabilisierend wirken. Aus dem Arbeitsprozess herausgenommen zu sein, bedeutet auch den Rückzug aus normalen Lebenskontexten. Da besteht die Gefahr, dass soziale Kompetenzen verloren gehen und sich eine Erkrankung festsetzt. Wenn die Probleme mit dem Arbeitsumfeld zusammenhängen, hat sich nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz in der Regel ohnehin nichts verändert.

Inwieweit trägt der Wandel der Arbeitswelt - Stichwort Leiharbeit oder befristete Verträge - auch dazu bei, dass mehr Menschen psychisch erkranken?
Auf jeden Fall ist dies ein wichtiger Faktor. Leiharbeit, befristete Verträge, Arbeitslosigkeit oder geringe Bezahlung verunsichern stark und lassen das Risiko für eine psychische Erkrankung deutlich ansteigen. Wir wissen auch, dass emotional belastende Arbeiten wie etwa in der Pflege oder im Krankenhaus erhebliche psychische Beanspruchungen mit sich bringen. Zudem ist unsere Gesellschaft insgesamt komplexer und schneller geworden, die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind fließend.

Welche Arbeitsbedingungen sind noch ungünstig?
Neben den harten Faktoren wie etwa Arbeitslosigkeit gibt es auch sogenannte weiche Faktoren - etwa den Führungsstil des Vorgesetzten. Dieser wirkt sich ebenfalls auf die seelische Befindlichkeit und die Leistungsfähigkeit aus: Menschen wollen gelobt werden, Anerkennung genießen und angenehme soziale Erfahrungen machen. Verausgabt sich ein Mitarbeiter und bekommt dafür nicht ausreichend zurück, belastet das. Wichtig ist es auch, dass ein Gefühl der Gerechtigkeit vorhanden ist, was die eigene Entwicklung und die Karrierechancen angeht. Wer gesunde Mitarbeiter will, sollte transparente Entscheidungen treffen.

Gibt es einen Arbeitnehmertyp, der zu psychischen Erkrankungen neigt?
Wer bereit ist, sich zu verausgaben, ist anfälliger für psychische Erkrankungen. Das Risiko ist auch bei solchen Arbeitnehmern höher, die unrealistische Ziele übernehmen oder Aufgaben, die sie schlichtweg überfordern. Als Beschäftigter kann ich daher solchen Tendenzen entgegensteuern, wenn ich meine eigenen Kompetenzen realistisch einschätze. Wichtig ist auch, die Balance zwischen Freizeit und Berufsleben zu finden. Jeder sollte sich Erholungspausen setzen - und lernen, einfach mal loszulassen.

Laut Bundesarbeitsministerium gehen immer mehr weibliche Beschäftigte aufgrund psychischer Erkrankungen in die Erwerbsminderungsrente. Sind Frauen besonders gefährdet?
Frauen sind sensibler, was die Psyche angeht. Sie sind eher bereit, emotionale Belastungen wahrzunehmen und darüber zu sprechen. Männer verschieben das noch immer gern auf die körperliche Ebene. Ich bin zudem überzeugt, dass bei Frauen nach wie vor die Mehrfachbelastung aus Arbeit, Haushalt und Familie eine Rolle spielt.

Lea Wolz

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker