Ratgeber Alternativmedizin Ernüchternde Ergebnisse

Groß ist das Angebot alternativer Heilverfahren, die gegen Abhängigkeit angewandt werden. Doch nur für zwei von ihnen konnte bislang sauber belegt werden, dass sie wirken.
Von Edzard Ernst

Die herkömmlichen Entzugsprogramme für Drogenabhängige sind wirksam; sie sind jedoch nur dann sinnvoll, wenn der Patient selbst den Willen aufbringt, die Droge aufzugeben. Die Rückfallraten sind hoch, und der Entzug ist alles andere als einfach oder angenehm. Es verwundert daher nicht, dass sich viele Abhängige nach Alternativen umschauen. Das Angebot ist groß, aber nur wenige der alternativen Verfahren sind auch in klinischen Studien überprüft worden.

Eine löbliche Ausnahme ist die Akupunktur; hierzu gibt es eine Vielzahl von Untersuchungen, und viele Kliniken bieten diese Therapie an, als stünde ihre Wirksamkeit völlig außer Frage. Die tatsächliche Evidenz ist jedoch eher ernüchternd: Zum Alkoholentzug liegen insgesamt sieben kontrollierte Studien vor, in denen die Akupunktur jeweils mit einer Scheinbehandlung verglichen wurde. Die große Mehrzahl dieser Studien zeigt keinen Unterschied zwischen beiden Verfahren, die geringen Wirkungen auf die Entzugssymptome sind also mit großer Wahrscheinlichkeit auf Placebo-Effekte zurückzuführen.

Akupunktur hat keine Wirkung

Ganz ähnlich stellt sich die Datenlage zur Akupunkturbehandlung bei Kokainabhängigkeit dar. Hier liegen neun Studien mit insgesamt 1747 Patienten vor. In der Gesamtschau zeigen sie keine Wirksamkeit der Akupunktur. Zum Thema Nikotinabhängigkeit liegen sogar über 20 Akupunkturstudien vor. Auch hier zeigt sich insgesamt kein Vorteil der Methode gegenüber einer Scheinbehandlung.

Warum also setzen so viele Kliniken die Akupunktur beim Drogenentzug und zur Raucherentwöhnung ein? Wenn man wohlwollend ist, könnte man argumentieren, dass die Akupunktur hier ein Hilfsmittel sein kann, das es ermöglicht, die Patienten bei der Stange zu halten. Zwar lindert sie die Symptome nicht, jedoch motiviert sie die Patienten durch die regelmäßigen Sitzungen, im Entzugsprogramm zu bleiben. Dieser Effekt erleichtert dann eine herkömmliche Therapie und reduziert die stets hohe Rückfallrate. Wenn man allerdings zynisch wäre, könnte man stattdessen feststellen, dass sich auch mit wirkungslosen Therapien gut Geld verdienen lässt, vorausgesetzt, man verkauft sie gut und verhindert, dass die tatsächliche Datenlage allgemein bekannt wird.

Ein anderes alternatives Verfahren, das sich großer Beliebtheit erfreut, ist die Hypnotherapie. Allgemein wird angenommen, dass diese Behandlungsform bei Drogenabhängigkeit effektiv sei. Leider handelt es sich auch hier um reines Wunschdenken. Es existiert nur eine einzige Studie zur Hypnotherapie bei Abhängigkeit von illegalen Drogen, und ihre Ergebnisse sprechen eher gegen die Wirksamkeit der Methode. Patienten, die sich im Entzug befinden, sind ganz offenbar für eine Hypnose wenig empfänglich. Zur Hypnosetherapie bei der Raucherentwöhnung wurde etwa ein Dutzend Studien veröffentlicht. Ihre Ergebnisse sind widersprüchlich, aber in der Gesamtschau ergibt sich auch hier kein positives Bild.

Die Alternativmedizin enttäuscht

Schaut man sich nun an, was die Alternativmedizin sonst für Nikotin-oder Drogenabhängige zu bieten hat, wird die Enttäuschung nur noch größer. Es liegt zwar eine beträchtliche Anzahl von Studien vor, zum Beispiel zu chinesischen Heilkräutern, Elektrostimulationen, Entspannungstechniken, diversen Nahrungsergänzungsstoffen, Qigong, Yoga, Massage und sogar zur Geistheilung, ihre Ergebnisse sind jedoch letztlich wenig überzeugend. Häufig sind sie von fragwürdiger Qualität, oder es fehlt eine unabhängige Bestätigung der Ergebnisse. Letzterer Punkt erscheint mir von großer Wichtigkeit. Zum Beispiel zeigen die Studien zu diversen chinesischen Heilkräutern ohne Ausnahme positive Effekte. Wir wissen jedoch aus mehreren Analysen, dass chinesische Autoren nahezu niemals negative Resultate publizieren.

Dieser Umstand lässt erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit ihrer Publikationen aufkommen. Es erscheint somit gerechtfertigt, auf unabhängige Bestätigungen solcher Daten zu bestehen, ehe man sie für bare Münze nimmt.

Hat also die Alternativmedizin bei Nikotin-und Drogenabhängigkeit gar nichts zu bieten? Glücklicherweise halten zwei Verfahren einer wissenschaftlichen Überprüfung stand. Biofeedback ist eine Methode, bei der Patienten erlernen, unwillkürliche Körperfunktionen einer willkürlichen Kontrolle zu unterwerfen. Auf diese Weise kann man zum Beispiel erlernen, die Herzfrequenz oder den Blutdruck zu reduzieren. Dies kann zu einer tiefen Entspannung beitragen, die Drogenabhängigen den Entzug erleichtert. Das zumindest zeigen die vier Studien, die zu diesem Thema existieren. Zudem legen die Daten den Schluss nahe, dass diese Methode die Patienten dabei unterstützt, die Kontrolle über ihre Probleme wiederzuerlangen.

Sport ist ein Lichtblick

Ein möglicher Lichtblick für aufgabewillige Raucher ist Sport, genau genommen regelmäßiges Ausdauertraining. Hierzu liegen elf Studien vor. Ihre Ergebnisse sind nicht völlig einheitlich, aber insgesamt scheint sich abzuzeichnen, dass Personen, die regelmäßig körperlich trainieren, ihre Entzugssymptome besser unter Kontrolle haben und dementsprechend bessere Aussichten haben, Nichtraucher zu bleiben.

Das Fazit ist dennoch insgesamt deprimierend: Die Nikotin- und Drogenabhängigkeit ist eine äußerst schwierig zu behandelnde, lebensgefährdende Erkrankung. Außer für Biofeedback und regelmäßiges Ausdauertraining ist für kein alternativmedizinisches Verfahren eine Wirksamkeit gut belegt. Und beide werden von zahlreichen Experten nicht als komplementäre, sondern als konventionelle Behandlungsform charakterisiert.


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