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Erfahrungsbericht Ich habe versucht, 100 Kilometer am Stück zu laufen – so fühlt es sich an

Laufen: Zwei Wanderer auf einem Waldweg
Beim Megamarsch über 100 Kilometer stieß unsere Autorin an ihre Grenzen (Symbolbild)
© Val Thoermer / Picture Alliance
100 Kilometer innerhalb von 24 Stunden zu laufen, klingt anstrengend. Kann man das überhaupt schaffen? Unsere Autorin wollte es rausfinden – und ist losgelaufen.

Es gab in meinem Leben den festen Vorsatz, dass ich nie einen Marathon rennen würde. Okay, daran habe ich mich gehalten. Ich bin nicht gerannt – sondern gelaufen. Ganz so, wie es in unserem Podcast-Titel "Sie läuft. Er rennt." heißt. Aber die Herausforderung war einfach zu verlockend. Durch Zufall war ich über die Werbung für den sogenannten Megamarsch in Hamburg gestoßen. Dabei geht es darum, innerhalb von 24 Stunden die Strecke von 100 Kilometern zu erlaufen. Was mich reizte: Es gibt keine Zeitmessung, jeder kann sein Tempo frei wählen und man kann im Grunde an jeder Stelle aussteigen – ab 40 geschafften Kilometern gibt es sogar eine Urkunde. 

Ich überschlug grob im Kopf: Fünf Kilometer pro Stunde schienen mir realistisch, das ist ein schnelleres Spaziergeh-Tempo. So käme ich dann nach 20 Stunden ins Ziel. Das klang nach einem langen Marsch – aber auch irgendwie machbar. Natürlich fragte ich mich: Wie fühlt sich es an, wenn man so viele Stunden auf den Beinen ist? Noch dazu durch die Nacht läuft? Entscheidet eigentlich der Körper oder der Kopf darüber, ob man das Ziel erreicht? Und wie weit kommt eine gute trainierte Läuferin wie ich – die aber keinerlei Langstrecken-Erfahrung hat? 

Alexandra Kraft an der 15 Kilometer-Marke
Da war noch alle sehr entspannt. Die ersten 15 Kilometer fühlten sich gut an -  fast wie ein Spaziergang. Ab Kilometer 30 schmerzten aber die Füße und Waden. Ab 40 wurde es richtig zäh.
© Alexandra Kraft

Ich kann es nicht ausstehen, wenn solche Fragen unbeantwortet bleiben – also ging es für mich beim Megamarsch an den Start. Nicht alleine, sondern mit zwei Begleiter:innen. Die während Corona kräftig zugenommen hatten und die letzten Monate damit verbracht hatten, die überschüssigen Pfunde wieder loszuwerden. Nun wollten sie herausfinden, wie fit sie eigentlich sind. Er war ehemaliger Marathon-Läufer, sie Freitzeit-Läuferin - so wie ich. 

Am Start war die Stimmung ausgelassen

Der Start in Finkenwerder, gleich beim Airbus-Werk um die Ecke, war aufregend. Einige erzählten von ihren Erfahrungen bei vorherigen Läufen dieser Art. Oft fiel der Satz: Am Ende entscheidet der Kopf, ob man durchhält. Mentale Stärke siegt über körperliche Kraft. Schnell sah ich, dass die erfahrenen Starterinnen und Starter ein paar Ersatzschuhe an ihre Rucksäcke gebunden hatten. Ein bärtiger Mann, der den Lauf schon zwei Mal geschafft hatte, sagte: "Egal wie fit du bist, jede noch so kleine Blase kann dich zum Aufgeben bringen." Nach einer kleinen Pause ergänzte er: "Das können bei so vielen Kilometern peinigende Schmerzen sein." 

Na super, anders als die Profis hatte ich keine teuren Blasenpflaster eingepackt – sondern nur drei Streifen einfaches Heftpflaster. Im Stillen hoffte ich darauf, dass meine sehr gut eingelaufenen Turnschuhe mich über die Strecke bringen würden. Langsam stieg in mir die Ahnung auf, dass dieser Lauf mich an meine Grenzen bringen würde. Ich realisierte, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, was in den nächsten Stunden auf mich zukommen würde. Woher auch?

Um das Ziel zu erreichen, muss man 20 Stunden laufen

Los ging es um die Mittagszeit, High Noon wie man im Amerikanischen sagt. Fühlte sich für mich auch so an. Mit Pausen, so hatte ich mir ausgerechnet, würde ich im besten Fall am nächsten Tag gegen zehn Uhr im Ziel einlaufen. Als geübte Läuferin wollte ich instinktiv schnell losrennen – aber dann erinnerte ich mich an einen Satz des Extrembergsteigers Hans Kammerlander, den er mir mal in einem Interview gesagt hat: "Wähle dein Tempo so, dass du am Anfang genauso schnell läufst, wie am Ende." Er, der zwölf 8000er erklommen hat, muss es ja wissen.

Ich schlenderte los – und die ersten 15 Kilometer machten richtig Spaß. Ich genoss es in einer Gruppe zu laufen. Ich kam schnell in einen gleichmäßigen Trott, es wurde viel geredet. Woher kommst du? Warum machst du das? Ein junger Kameruner erzählte mir, dass er eine Firma für edle Gewürze gründen möchte. Wir redeten über den Anbau von Vanille und wie hart umkämpft er ist. Auch an der Verpflegungsstation bei Kilometer 20 waren alle noch sehr entspannt.

Bald danach wurde es deutlich stiller. Die Dämmerung brach herein, die Luft wurde feucht, die wärmende Sonne verschwand. Es ging durch unzähllige Kleingartensiedlungen – ich hatte keine Ahnung, dass es in Hamburg so viel gibt. Die ersten Mitläuferinnen und Mitläufer kauerten am Wegesrand, massierten ihre Füße oder waren damit beschäftigt, Pflaster zu kleben. Ein neben mir Laufender sagte: "Wer jetzt schon Pflaster braucht, kommt nicht ins Ziel." Ich war heilfroh, dass ich keine Reibestellen hatte. Durch ein Wohngebiet ging es dann zur zweiten Verpflegungsstation. Inzwischen war es dunkel, fast alle trugen eine Stirnlampe. 40 Kilometer waren geschafft.

Der Körper wird von einem monotonen Schmerz ergriffen

Einmal hingesetzt, gaben viele auf. Auch bei mir schmerzten jetzt die Fußsohlen, vor allem die Zehenballen. Wir wurden mit Käsebroten, Protein-Riegeln und Gummibären versorgt. Ich griff bei den Essiggurken zu. Die kamen aus einer riesigen Dose. Eigentlich mag ich Gurken gar nicht. Aber offensichtlich wusste mein Körper, was er jetzt braucht, damit ich weiterlaufen kann. In diesem Fall Natrium und Kalium – also Elektrolyte, die der Körper beim Schwitzen verliert. Anderen schien es auch so zu gehen. Ein Mann hinter mir in der Schlange hielt einen Becher hin und fragte: "Können Sie mir den mit Gurkenwasser voll machen?"

Für mich ging es weiter. Das Aufstehen fiel verdammt schwer. Kopf über Körper – zum ersten Mal spürte ich, was damit gemeint war. Marathon fast geschafft, motivierte ich mich, als ich mit schwerer werdendem Schritt durch die Dunkelheit lief. Und danach: gleich ist Halbzeit. Grund genug stolz zu sein. Aber auch ein kleiner Anflug von Panik stieg in mir auf: Noch mal genauso lange laufen? Oh Gott. Schritt für Schritt trottete ich weiter. Es war stiller geworden. Kaum jemand sprach mehr, nur noch wenige waren auf der Strecke – die Lücken zwischen den Läuferinnen und Läufern wurden immer größer. Ich versank langsam in meinen Gedanken. Die Monotonität meiner Schritte lullte mich ein. Aber es kamen auch immer mehr Stellen dazu, die mir wehtaten. Die Oberschenkel, die Ferse rechts, die Schultern, der untere Rücken. Die Kilometer krochen dahin. Es wurde einsam.

Der Kopf soll über den Körper siegen

Neben mir humpelte ein Mann. Ich sprach ihn an, hoffte mit ihm ein bisschen jammern zu können. Aber er sagte: "Läuft super bei mir. Ich habe zehn Stunden für die ersten 50 Kilometer veranschlagt, die zweite will ich in 14 schaffen." Ich fragte mich: "Warum tut er sich das weiter an, wo ihm jetzt schon jeder Schritt wehtut." Ungefragt sagte er: "Mein Kopf soll über meinen Körper siegen." Aber ist das auch gesund? 

Ich mag keine Schmerzen, ich sehe darin beim Sport auch keinen besonderen Sinn. Mit echter Verwunderung sah ich im Licht meiner Stirnlampe immer mehr Läuferinnen und Läufer, die am Boden saßen und ihre wund gelaufenen Füße mit Pflastern notdürftig versorgten. Mir tat der Anblick alleine schon weh. Und: Oh Mann war ich froh, wenigstens dieses Problem nicht zu haben. Die Schar der Teilnehmerinnnen und Teilnehmer lichtete mit jedem Kilometer. Irgendwann hatte ich das Gefühl, nur noch von Humpelnden umgeben zu sein. Aber die wenigsten gaben es zu, wie sehr sie sich quälten.

Dann schlich sich bei mir der Gedanke ein: Noch mindestens zehn Stunden, bis du ins Ziel kommst. Danach wurde jeder Schritt noch schwerer. Bald wurde ich langsamer. Weitermachen? Tief überwinden? Oder aufhören? In der Stille der Nacht wurde das zum kreisenden Gedanken. Ja, ein solcher Lauf ist Kopfsache. Ich setzte mich kurz an den Wegesrand. Wollte auch einmal die Füße kneten und die Waden dehnen. Schon das Hinsetzen fällt mir schwer – am Aufstehen scheitere ich fast. Die Knie streikten. Autsch.

Aber erst Mal geht es doch noch weiter. Kilometer 50 geschafft. Stolz knipse ich mich an der Wegmarkierung. Weiß da aber schon: Lange wird es nicht mehr weiter gehen. Die letzten zehn Kilometer sind mir endlos vorgekommen. Warum soll ich mir das weiter antun? Die Entscheidung zum Abbruch fällt dann von einer Sekunde auf die andere. Schluss vorbei, ich mag nicht mehr. Ein monotoner Schmerz hat mich ergriffen. Ich bin einfach nur müde. Mein Körper sagt mir auf vielfältige Art und Weise, dass er endlich seine Ruhe haben möchte

Die Muskulatur kommt einfach nicht zur Ruhe

Fast 60 Kilometer sind es am Ende geworden. Ich würde gerne manch einem, der an mir vorbei humpelt noch sagen: Lass' es sein. Zombiewalk geht mir durch den Kopf. Mit der Bahn fahre ich nach Hause. Auf meiner Uhr sehe ich, dass ich 71.146 Schritte gemacht habe. Ein Ruhepuls kann sie nicht anzeigen – ich war an diesem Tag nie in Ruhe.

Als ich um halb zwei frisch geduscht in mein Bett falle, bin ich stolz. Weil ich so weit gekommen bin – und weil ich ausgestiegen bin. Mehr den je glaube ich, Bewegung muss Spaß machen. Und als Sportlerin muss man auf die Gesundheit achten, das habe ich gemacht. In der Nacht zuckt meine Muskulatur noch stundenlang weiter – so als ob sie die Strecke erneut ablaufen würde. Am nächsten Morgen komme ich fast nicht auf die Beine. Laufe wie eine sehr alte Frau. Meine Fußsohlen sind geschwollen, ein Zeh am rechten Fuß taub - ein Nerv in der Fußsohle scheint zu streiken. Über 35.000 Mal habe ich den Fuß auf den Boden gesetzt, das war zu viel zu ihn. Es ist ein schönes Gefühl, aufgegeben zu haben.


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