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Tag der Organspende: Das geschenkte Leben und die Kritiker

Mehr als 12.000 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan, das sie dringend zum Überleben brauchen. Am ersten Samstag im Juni, dem Tag der Organspende, wirbt die Deutsche Stiftung für Organtransplantation für den Spendeausweis. Doch es gibt auch kritische Stimmen.

Von Susanne Wächter

Harald Hoffmann hat Glück gehabt. In seiner Brust schlägt ein fremdes Herz. "Harald könnte seit acht Jahren tot sein", sagt seine Frau Elke und ihre Erleichterung, dass dies nicht eingetroffen ist, spürt man in jedem Wort. Beide erinnern sich nur allzu gut an das Jahr 1999. "Mir blieb sprichwörtlich die Luft weg. Zuerst bei körperlicher Anstrengung, später schon bei der kleinsten Bewegung." Harald Hoffmann rauchte zu diesem Zeitpunkt sehr stark. Er war überzeugt, dass es die Lunge war, die nicht mehr richtig funktionierte. Für ihn war klar: "Wenn ich aufhöre, kann ich auch wieder frei atmen."

Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Sein Herz arbeitete mit nur 15 Prozent auf absoluter Sparflamme. Als die Ärzte ihm mitteilten, dass ihn nur ein neues Herz retten könnte, brach eine Welt für den früheren Softwarespezialisten aus Mettmann zusammen. "Ich war zutiefst geschockt und hoffte, dass es irgendwo einen Spender für mich geben würde." Die Gedanken von Harald und Elke Hoffmann kreisten einzig und allein um das Überleben des Mannes. "Man klammert sich an jeden Strohhalm, der sich bietet."

"Solche Gedanken machen einen nur fertig"

Dass erst jemand sterben muss, damit er weiterleben kann, darüber haben sie beide nicht nachgedacht. "Solche Gedanken machen einen nur fertig", sagt Harald Hoffmann. Durch seine Arbeit für den Verband der Organtransplantierten Deutschland kennt er viele Menschen, die wie er mit einem fremden Organ leben. Einige haben damit Probleme, andere leben glücklich. Er versucht, dies ohne große Emotionen zu betrachten: "Die Person, deren Herz ich schon ein Jahr nach der Diagnose bekommen habe, wäre sowieso gestorben." Das Herz stammt von einem Mann, ungefähr fünf Jahre jünger. Mehr hat er nicht über den Spender erfahren.

Hoffen, Bangen und Bitten um ein Wunder, das haben Organempfänger und die Angehörigen des Spenders gemeinsam. Eltern, die ihre Kinder durch einen Unglücksfall verloren haben und mit der Frage nach deren Organen konfrontiert wurden, vergessen den Augenblick der Todesnachricht nie. Renate Greinert hat ihren damals 15-jährigen Sohn durch einen Unfall verloren. Sie stand im Krankenhaus vor der schweren Frage, ob sie die Organe ihres Sohnes freigeben soll - und entschied sich dafür. "Heute bereue ich es. Man verabschiedet sich von seinem Kind, das dort liegt, versorgt und beatmet wird. Der Brustkorb hebt und senkt sich und die Haut ist rosig."

Schwere Entscheidung für Angehörige

Manche Angehörige fühlen sich in dieser Situation überrumpelt und allein gelassen. Wer einen Angehörigen zur Organspende freigibt, müsse sich darüber klar sein, dass eine Sterbebegleitung nicht möglich ist, betont Greinert. Der Organspender stirbt auf dem OP-Tisch und nicht im Beisein seiner Angehörigen, sagt die Mutter, die mehrere Bücher über das Thema geschrieben hat.

Greinert hat sich mit anderen betroffenen Eltern zum Ziel gesetzt, kritisch über die Organentnahme aufzuklären, mit allen Details. "Wer sich dann noch bereit erklärt nach seinem Tod seine Organe zu spenden, soll dies tun. Die Entscheidung aber sollte jeder für sich selber treffen."

Der Ausweis verschafft Klarheit

Ähnlich sieht es auch die DSO: "Wenn sich mehr Menschen zu Lebzeiten Gedanken zum Thema machen würden, hätten wir das Dilemma nicht." Denn wer den entsprechenden Ausweis hat, erspart den Angehörigen eine schwere Entscheidung. Deshalb startet die DSO jetzt eine neue bundesweite Aktionskampagne, die ein Bewusstsein für Organspende in der Bevölkerung erzeugen soll.

Auch in den Krankenhäusern müsse die Information besser fließen, so Beck. Denn viele Krankenhäuser melden potentielle Spender erst gar nicht. Das Argument, der Aufwand lohne sich finanziell für die Kliniken nicht, träfe nicht zu, so Beck. Im Krankenhaus müssen zwei Ärzte unabhängig voneinander den Hirntod eines Patienten feststellen, ehe er als Organspender infrage kommt. "Hirntod" bedeutet, dass die Hirntätigkeit vollkommen und endgültig ausgefallen ist, er ist ein sicheres Todeszeichen. Ist der Hirntod eingetreten, gibt kein Zurück mehr ins Leben, selbst wenn er beatmet wird und das Herz noch eine Weile künstlich zum Schlagen angeregt werden kann.

Wann wird ein Mensch für tot erklärt?

Trotzdem gibt es Kritiker, die sich am Kriterium des Hirntodes aufreiben. Aber gerade am Hirntod scheiden sich die Geister. Die Neurophysiologin Dr. Inge Gorynia aus Berlin etwa. "Obwohl der Arzt den unumkehrbaren Ausfall wesentlicher Funktionen des Gehirns sowie den Stillstand von Atem-, Herz-, und Kreislauftätigkeit eindeutig feststellen kann, ist die Tatsache, wann wir einen Menschen für tot erachten, nicht nur von den medizinischen Erkenntnissen, sondern auch von unserem Welt- und Menschenbild abhängig" erklärt Gorynia. So werde beispielsweise in Großbritannien der Mensch für tot erklärt, wenn sein Hirnstamm nicht mehr funktioniert. Für führende Wissenschaftler in den USA reiche der Tod der Großhirnrinde aus. In Deutschland gilt: Alle Funktionen des gesamten Gehirns - also des Großhirns, Kleinhirns und Hirnstamms - müssen erloschen sein.

Die Tatsache bleibt: Harald Hoffmann hat, wie vielen anderen Menschen auch, die Organspende das Leben gerettet. Dass er täglich 16 Tabletten schlucken muss, daran hat sich der 59-Jährige gewöhnt. "Ich lebe. Was will ich mehr?", sagt er und lächelt glücklich seine Frau an.

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