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Reportage

Heilsame Wirkung: "Naturpille" Wald: So läuft man am Wochenende den Stress der Woche einfach raus

Wer vor dem Alltagsstress in die Natur entfliehen will, muss nicht zwangsläufig in die Ferne schweifen. Abenteuer und Erholung finden sich oft schon am Stadtrand und laden zum Ultrakurzurlaub ein.

Wald

"Naturpille": Ein Aufenthalt in der Natur wirkt sich nachweislich gesundheitsfördernd aus. 

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Der Fluchtweg heraus aus dem Trubel der Großstadt führt an diesem frühen Sonntagmorgen zunächst noch einmal mitten durchs Chaos: Mit der U-Bahn geht es zum, stets aus allen Nähten platzenden, Hamburger Hauptbahnhof, von dort mit der S-Bahn in Richtung Süden, in die Harburger Berge. Ja, auch in Hamburg gibt es Berge. Wenn auch keine hohen. Der Hasselbrack, der höchste Gipfel Hamburgs, thront auf stolzen 116 Metern über Normalhöhennull. Von der S-Bahnstation Neuwiedenthal sind es noch ein paar hundert urbane Meter zu Fuß, vorbei an ein paar Herren, die ihre Bierdose aufmunternd zum Gruß erheben. Dann stehen am Straßenrand die ersten Bäume. Der Fuß des Opferberges ist erreicht. Das Eintrittstor in die Harburger Berge.

Wie neulich zu lesen war, können bereits 20 Minuten in der Natur den Spiegel des Stresshormons Cortisol deutlich reduzieren. Das haben Forscher der University of Michigan herausgefunden, die den Aufenthalt im Grünen gar als "Naturpille" bezeichnen. Mit dem Cortisolspiegel sinkt oder steigt tatsächlich auch das Risiko für eine Reihe von Krankheiten, darunter Herz- und Gefäßkrankheiten oder auch Depressionen. Wer diesen positiven Effekt wirklich restlos ausschöpfen will, der geht neuerdings zum "Waldbaden", das ist quasi Entschleunigung in Reinkultur.  

Nach dem "Gipfelkreuz": Die Metropole hinter sich lassen

Der Plan heute ist allerdings nicht baden, sondern wandern: Die "Naturpille" nehmen und alles mal für ein paar Stunden hinter sich lassen – den Arbeitsstress der Woche ebenso wie die Hektik der Großstadt, die Konflikte in der Familie und was sonst noch so für Stress sorgt. Ja, all das quasi herauszulaufen. In der Hoffnung, den beinahe leeren Akku mal wieder komplett aufzuladen – ein Miniurlaub knapp 30 Bahnminuten vom Stadtzentrum entfernt.  

Der Start ist vielversprechend: Das Sonnenlicht fällt durch die Baumkronen, die Geräusche der Straße verstummen langsam. Tatsächlich stellt sich bereits nach den ersten Schritten den Hang zum Opferberg hinauf das wohlige Gefühl ein, in der Natur angekommen zu sein. Der martialische Name rührt übrigens tatsächlich von Menschenopfern her, die die Germanen dort einst ihren Göttern erbrachten. Das einzige vernehmbare Wehklagen dürfte in heutigen Tagen auf dem nebenan angelegten Tennisplatz von den Verlierern kommen. Aber dies nur am Rande. 

Wald Wandern

Der Autor im Wald - auch 30 Bahnminuten vom Stadtzentrum entfernt lockt das Abenteuer

Nach wenigen Metern ist eine Anhöhe erreicht, auf der ein Wegweiser mit abgehenden Wanderwegen steht. Er mutet nach dem ersten Anstieg beinahe wie ein Gipfelkreuz an, auch wenn noch nicht einmal 50 Höhenmeter geschafft sind. Gestandenen Alpinisten mag das höchstens ein Schmunzeln abringen, für den hanseatischen Wochenendwanderer ist es bereits ein erstes Erfolgserlebnis. Richtung Westen geht es noch ein Stück weiter hinauf, auf den Scheinberg (ein treffender Name, er ist nämlich ebenfalls nur rund 60 Meter hoch). Oben angekommen lässt sich noch einmal ein schier endloser Blick auf Hamburg, die Elbe und den Hafen genießen. Dann geht es endgültig in den Wald hinein und die Metropole bleibt zurück.

Eine Prüfung hält der Wald noch bereit

Gelbe Pfeile an den Bäumen weisen den Weg und sorgen dafür, dass es dem Wanderer nicht ergeht wie weiland im Märchen dem unglücklichen Geschwisterpaar mit den Brotkrumen. So früh am Sonntagmorgen ist der Wald quasi menschenleer, der Boden noch feucht und die Gerüche sind noch frisch. Es ist still. Und tatsächlich: Je tiefer es in das Dickicht hineingeht, desto stärker kommt ein Gefühl entspannter Heiterkeit auf. Die verklärenden Klischees, die über das Wandern kursieren, sie stimmen tatsächlich. Die Schritte werden auf dem weichen Boden federnder, das Gefühl, wirklich mal ganz "draußen" zu sein, immer stärker. Zunehmend wird die Zeit unwichtiger. Der Kopf stellt das Grübeln ab und leert sich. Das Panorama ist entlang des rund zehn Kilometer langen Wegs abwechslungsreich, wechselt zwischen grün-brauner Wald- und rötlich-sandiger Heidelandschaft. Auch das Sportliche kommt nicht zu kurz, auf der Route werden über die Kuppen der Harburger Berge hinweg immerhin rund 300 Höhenmeter gemeistert. 

Nach wenigen Kilometern abseits der sichtbaren Zivilisation stellt sich endgültig das stolze wie sichere Gefühl ein, sich wenn nötig überall auf der Welt zurechtfinden zu können – vielleicht etwas vorschnell. Denn aus dem Nichts taucht noch eine unerwartete Prüfung auf: An einem Baum prangen plötzlich gleich zwei gelbe Pfeile. Die auch noch in unterschiedliche Richtungen zeigen. Was nun? Das Handy zücken? Oder sich auf den Ur-Instinkt verlassen, mit dem sich schon unsere Vorfahren hier durchgeschlagen haben? Die Wahl fällt auf Nummer zwei – leider. Denn nach rund einer Viertelstunde auf einem immer unwegsamer werdenden Trampelpfad ist die Orientierung völlig dahin. Was nun? Das Handy zücken? 

Wald Wandern

Wohin nun? Der Baum weist in beide Richtungen

Der Akku ist wieder voll – und wird bis zum Montag nicht mehr angezapft

Die Entscheidung ist noch nicht gefallen, als das nächste unvorhergesehene Ereignis eintritt: Ein älterer Herr, der erste Mensch an diesem Morgen im Wald, kreuzt den Weg, mit einem nicht recht einzuordnenden Mischlingshund an der Leine. Das Gespann bleibt stehen und schaut zunächst etwas unschlüssig hinüber. Ob er helfen könne, fragt dann der Mann. Der Hund bleibt stumm und schaut weiterhin unschlüssig hinüber. Ja, lautet die Antwort. Da wäre dieser Baum mit den zwei Pfeilen gewesen. Und nun das Gefühl, sich verlaufen zu haben. Na, das müsse man hier auch erstmal schaffen, gibt der Mann lachend zurück. Der Hund bleibt stumm und schaut weiterhin unschlüssig hinüber. Sein Herrchen kann beruhigen: Der Weg stimmt. Noch ein paar Meter, dann folge zunächst ein Schotterweg, dann eine Straße, die gekreuzt werden müsse. Dort gebe es sogar eine Berghütte für eine Pause. 

Nach knapp drei Stunden endet die Wanderung schließlich, wo sie begonnen hatte: am Opferberg. Nach dem Abstieg und auf dem Weg zur S-Bahn stellt sich zurück auf der Straße ein wehmütiges Gefühl ein – darüber, den Wald hinter sich lassen zu müssen und in den Stress der Großstadt zurückzukehren. Aber das Ziel des Tages ist immerhin erreicht: Der Akku ist, zumindest gefühlt, wieder voll. Vorerst. Damit bis zum Montagmorgen nicht direkt zu viel wieder abgezapft wird, wird der Rest des Tages auf der Couch verbracht. Und am kommenden Wochenende wird dann nachgeladen.

Infos zum Wandern in den Harburger Bergen gibt es auf der Webseite des Regionalparks Rosengarten.

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