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Biontech-Gründer Warum der Nobelpreis für Medizin in diesem Jahr nicht an Uğur Şahin und Özlem Türeci ging

Nobelpreis für Medizin Biontech: Uğur Şahin und Özlem Türeci
Uğur Şahin und Özlem Türeci wurden in diesem Jahr bereits mit dem "Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter Preis" geehrt
© Federico Gambarini / DPA
Die US-Forscher David Julius und Ardem Patapoutian bekamen in diesem Jahr den Medizin-Nobelpreis verliehen. Auch die Biontech-Gründer Uğur Şahin und Özlem Türeci waren als mögliche Preisträger gehandelt worden, gingen letztlich aber leer aus. Für Beobachter ist das nicht überraschend.

Warum wurde der Medizin-Nobelpreis 2021 am Montag nicht an Moderna oder Biontech verliehen, an ganz sicher würdige Kandidaten, "die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben"?

Dieses Zitat stammt von Alfred Nobel, dem Stifter des Preisgeldes der renommiertesten Wissenschaftspreise der Welt, die mittlerweile schon seit 120 Jahren verliehen werden. Nähme man Nobel beim Wort, erscheint die Frage berechtigt. Allerdings hat es sich von Anbeginn als praktisch unmöglich erwiesen, festzustellen, was "der größte Nutzen" tatsächlich ist. Noch unwahrscheinlicher ist es, dass eine wissenschaftliche Entdeckung innerhalb eines einzigen Jahres so gewaltige Wirkungen entfaltet, dass klar erkennbar wäre, dass hier etwas Enormes geleistet wurde. Oder ob man das später auch so sieht. Denn obendrein wurden Nobelpreise für DDT, an einen der wesentlichsten Erfinder des Giftgas-Krieges und für die Grundlagen des Atombombenbaus verliehen, sodass die Frage nach dem Nutzen auf lange Sicht wieder relativ wird.

Nobelpreis würdigt jahrzehntelange Grundlagenforschung

Anders als beim Friedensnobelpreis, der eindeutig ein Werkzeug internationaler Symbolpolitik ist (an Barack Obama zum Beispiel wurde er verliehen, bevor dieser überhaupt Gelegenheit hatte, als US-Präsident nennenswerte Leistungen zu erbringen), geht es bei den drei naturwissenschaftlichen und beim Literatur-Nobelpreis fast immer darum, jahrzehntelange harte Arbeit zu würdigen – ganz gleich, ob es sich um das poetische Werk von Bob Dylan oder die Lebensleistung von Physiker:innen handelt.

Die mRNA-Technik hat ohne Zweifel das Potenzial, über die Impfung gegen Corona hinaus noch gewaltigen Nutzen für die Menschheit zu stiften. Die Bekämpfung von Krebs durch individualisierte Impfungen zählt zu den großen Hoffnungen, die das Verfahren verspricht. Aber selbst, wenn der Nobelpreis für Medizin schon in diesem Jahr dafür verliehen worden wäre, wären es gewiss nicht die bekanntesten Gesichter der mRNA-Technik – in Deutschland Uğur Şahin und Özlem Türeci – gewesen, die das Nobelpreiskomitee ausgezeichnet hätte. Die wahrscheinlichsten Kandidaten wären im Falle der mRNA die, die unermüdlich schon über Jahrzehnte ganz grundlegend experimentiert, getüftelt, optimiert und oft vergebens für Aufmerksamkeit für ihre Innovation gekämpft haben.

Geduld als wichtige Forschertugend

Da wäre zum Beispiel Katalin Karikó, die 1985 aus Ungarn in die USA ausgewanderte Grundlagen-Forscherin, heute Vizepräsidentin bei Biontech. Und gewiss Drew Weissman, mit dem Karikó von 1998 an gemeinsam forschte. Beide haben mit dem Lasker-Award bereits gemeinsam einen der wichtigsten Wissenschaftspreise gewonnen. Wichtige Grundlagenforschung leistete auch der in Tübingen tätige Biologe Ingmar Hoerr, Mitbegründer der Firma Curevac.

Biontech-Gründer: Warum der Nobelpreis für Medizin in diesem Jahr nicht an Uğur Şahin und Özlem Türeci ging

Den derzeit wie nie zuvor offensichtlichen Verdiensten der mRNA-Forschergemeinde tut es keinen Abbruch, dass sie nicht in diesem Jahr bereits vom Nobelpreis-Komitee berücksichtigt wurden. Auch bei einer der spektakulärsten medizinisch-biologischen Entdeckungen der jüngsten Zeit, der "Genschere" Crispr-Cas waren die Preisträgerinnen Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna über mehrere Jahre als Top-Kandidaten gehandelt worden. Es ist höchst wahrscheinlich, dass auch die mRNA-Technik noch zu höchsten Ehren aus Stockholm kommen wird: Geduld ist eine der höchsten Forschertugenden.


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