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Biontech ging leer aus So urteilt die Presse über den diesjährigen Nobelpreis für Medizin: Vergabe ist "keine Oscar-Verleihung"

Nobelpreis für Medizin
Der Nobelpreis für Medizin ging in diesem Jahr an die US-Forscher David Julius und Ardem Patapoutian
© Mary Altaffer/Pool AP / DPA
Der Medizin-Nobelpreis ging am Montag an die US-Forscher David Julius und Ardem Patapoutian. Für einige war das eine Überraschung, zuvor waren die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci als mögliche Anwärter gehandelt worden. Die Pressestimmen.

Mit dem Nobelpreis für Medizin begann an diesem Montag der Nobelpreis-Reigen. Bereits im Vorfeld war viel über die möglichen Gewinner spekuliert worden. Die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci galten als mögliche Anwärter, hatten sie doch einen wirksamen Impfstoff gegen Covid-19 entwickelt und damit der Menschheit im vergangenen Jahr einen großen Dienst erwiesen.

Letztlich gingen sie aber leer aus, was Beobachter nicht unbedingt überrascht: Der Preis geht zumeist an Forschende in der Grundlagenforschung. Hätte die Jury die mRNA-Technologie für preiswürdig empfunden, wäre die Auszeichnung wohl eher an die Biochemikerin Katalin Karikó und den amerikanischen Immunologen Drew Weissman gegangen. Sowohl Biontech wie auch US-Hersteller Moderna setzten bei der Impfstoffentwicklung auf eine von Karikó und Weissman entwickelte Methode. Sie verhindert, dass die im Impfstoff enthaltene mRNA vom Körper zersetzt wird, bevor sie wirken kann. Gleichwohl leisteten Ugur Sahin und Özlem Türeci weitere wichtige Schritte bei der Entwicklung der mRNA-Impfstoffe.

Karikó war vergangene Woche gemeinsam mit Weissman mit dem Albert-Lasker-Preis für medizinische Grundlagenforschung ausgezeichnet worden. Kurz zuvor war ihr zusammen mit den Biontech-Gründern Özlem Türeci und Ugur Sahin der renommierte Paul-Ehrlich-Preis zuerkannt worden.

Der Medizin-Nobelpreis aber, der ging dieses Jahr an die US-Forscher David Julius und Ardem Patapoutian. Ausgezeichnet wurden sie für ihre Grundlagenforschung zur Hitze- und Druckwahrnehmung im menschlichen Körper, wie die Nobelversammlung am Stockholmer Karolinska-Institut am Montag bekanntgab. Mit ihren "bahnbrechenden Entdeckungen" zu Rezeptoren für Temperatur und Berührung hätten die beiden Wissenschaftler ein "Geheimnis der Natur" entschlüsselt. Das sind die Pressestimmen zu der Entscheidung:

Märkischer Oderzeitung

David Julius und Ardem Patapoutian verdienen den Nobelpreis. Sie entschlüsselten, wie die Menschen Wärme, Kälte und mechanische Kräfte mit ihren Nerven aufnehmen. Doch in diesem Jahr hätte man den Preisverleihern Mut zu einer noch besseren Entscheidung gewünscht. Der Medizin-Nobelpreis hätte an die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci gehen sollen, die binnen weniger Monate einen effektiven und sicheren Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt haben. Nun kann man getrost annehmen, dass Sahin und Türeci die rund 980.000 Euro nicht nötig haben, ihre Erfindung hat sie reich gemacht. Die Auszeichnung verdient hätten sie allemal.

Stuttgarter Nachrichten

Etliche Beobachter hatten erwartet, dass die mRNA-Technik das Rennen machen könnte, die der Menschheit in Rekordzeit hochwirksame Corona-Impfstoffe beschert. Die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci, die maßgeblich an der Entwicklung dieser Technik beteiligt waren, wurden daher als heiße Nobelpreiskandidaten gehandelt. Tatsächlich hat Alfred Nobel in seinem Testament festgelegt, dass die Preise an Personen gehen sollen, "die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben." Das trifft auf das Mainzer Forscherpaar in jedem Fall zu. Doch die Nobel-Stiftung lässt sich seit jeher nicht so sehr von aktuellen Entwicklungen treiben wie etwa Politik oder Medien. Insofern bleiben die Juroren auch in diesem Jahr ihrer Linie treu.

Biontech ging leer aus: So urteilt die Presse über den diesjährigen Nobelpreis für Medizin: Vergabe ist "keine Oscar-Verleihung"

taz

War es nicht so, dass der Preis an jene Wis­sen­schaft­le­r:in­nen gehen soll, die der Menschheit im vergangenen Jahr den größten Nutzen beschert haben? Stockholm schafft es schon lange, dieses Kriterium zu ignorieren, aber dieses Jahr gab es einen nahezu unumgänglichen Kandidaten, der Nobels Vorgabe entsprochen hätte, inhaltlich zumindest: die mRNA-Impfung. (...) Klar, für das Komitee wäre die Suche nach den maximal drei Preisträgern schwierig geworden. Wie immer in der modernen Forschung waren viele Köpfe an dem Erfolg beteiligt, nicht nur mRNA-Forscher übrigens. Aber so mutlos aus der Zeit zu fallen mit dem diesjährigen Preis, zeigt erneut, dass der Nobelpreis ein Relikt der Vergangenheit ist. Schade, denn Aufmerksamkeit erregt er immer noch. Der Impfquote hätte sie vielleicht geholfen.

Wiesbadener Kurier

Die Nobelpreis-Vergabe ist keine Oscar-Verleihung. Sie darf kein MTV-Award für Publikumslieblinge sein und medialen Hypes folgen. Denn oft zeigt sich erst nach vielen Jahren, wie wichtig eine Forschung tatsächlich war. Und wenn die Erkenntnisse von Julius und Patapoutian dazu beitragen, dass den vielen Patienten auf dem Globus, die unter chronischen Schmerzen leiden, geholfen werden kann, dann haben sie der Menschheit in der Tat einen großen Dienst erwiesen.

ikr dpa AFP

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