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Tod der 23-jährigen Studentin: Was der Hirntod für Tuğçes Angehörige bedeutet

Die Ärzte haben Tuğçes Hirntod bestätigt. Noch atmet die junge Frau, während ihre Familie von ihr Abschied nimmt. Doch heute, an ihrem Geburtstag, soll auch dieses letzte Lebenszeichen erlöschen.

Die Studentin Tuğçe A. erlitt bei einer Prügelattacke schwere Schädel-Hirn-Verletzungen. Am Donnerstag wurde sie von der Klinik schließlich für hirntot erklärt. Heute, an ihrem 23. Geburtstag, wollen ihre Eltern die Beatmungsgeräte abschalten lassen. Bis dahin wird Tuğçes Herz- und Kreislauffunktion durch künstliche Beatmung aufrechterhalten. Noch hebt und senkt sich ihre Brust sichtbar, noch fließt Blut durch ihre Adern, noch schlägt ihr Herz. Ihre Haut fühlt sich warm an und hat einen rosigen Schimmer. Ihre Angehörigen sehen keine Tote. Tuğçe könnte auch einfach nur schlafen.

Der Hirntod ist irreversibel

Doch das ist nicht der Fall. Wird der Hirntod festgestellt, ist ausgeschlossen, dass ein Patient nur im Koma liegt und wieder erwachen könnte. Die Funktionen des Gehirns und alle damit verbundenen Körperfunktionen sind unwiederbringlich erloschen. Und mit ihnen jede Hoffnung, den Patienten nochmal ins Leben zurückzuholen. Für diesen endgültigen Befund müssen zwei Ärzte unabhängig voneinander Untersuchungen vornehmen und zum selben Ergebnis kommen: Alle Lebensfunktionen müssen erloschen sein. Der Patient ist bewusstlos, reagiert nicht mehr auf Schmerzreize, schluckt und atmet nicht mehr von selbst und vom Hirnstamm gehen keine Reflexe mehr aus. Zudem muss ausgeschlossen werden, dass keine andere Ursache einen Hirntod vortäuscht. Sedierende Medikamente etwa könnten auch der Grund dafür sein, dass der Patient nicht mehr auf Reize reagiert. Liegt eine starke Unterkühlung vor, beeinflusst dies ebenfalls die Funktionsfähigkeit der Körper- und Nervenzellen.

Doch ist ein Mensch wirklich tot, wenn sein Herz - zwar nur durch künstliche Beatmung - noch schlagen kann? Eine ethische Frage, die kontrovers diskutiert wird. "Natürlich ist es schwer zu verstehen, dass jemand der äußerlich keinen Eindruck erweckt tot zu sein, der lebendig aussieht und atmet, tot sein soll", sagt Uwe Kehler, Chefarzt der Neurochirurgie in der Asklepios Klinik Hamburg-Altona."Doch der Hirntot ist irreversibel". Funktioniert das Gehirn nicht mehr, so fehlt dem Menschen jede Funktion, die sein biologisches Leben ausmacht und all jene Fähigkeiten, die es zu einem Individuum machen - Wahrnehmung, Sprechen, Denken, Fühlen, zielgerichtetes Handeln. "Das Individuum gibt es bei einem Hirntod nicht mehr. Und das ist für uns Ärzte gleichbedeutend mit dem Tod", sagt Kehler.

Eine schwere Entscheidung

Nach der Feststellung ihres Hirntods blieb Tuğçe weiter am Beatmungsgerät angeschlossen. Ihre Eltern wünschten es so. Sie wollten, dass Tuğçe am Tag ihres Geburtstags stirbt. "Normalerweise wird die Behandlung direkt nach Feststellen des Hirntods eingestellt", so Kehler. Würden die Angehörigen sich noch etwas Zeit erbitten oder sei die Frage nach einer Organtransplantation noch nicht geklärt, würde die Beatmung entsprechend verlängert.

Diese wird automatisch gestellt. Bei jungen Verstorbenen sei dieser Moment besonders schwierig, sagt Kehler. Sie hätten sich im Vorfeld in der Regel keine Gedanken darüber gemacht, was nach ihrem Tod sein wird. Wenn sie dann wie Tuğçe von heute auf morgen aus einem gesunden Leben herausgerissen würden, stünden die Angehörigen vor der schwierigen Frage, was mit den Organen geschehen soll. Es sei für die Angehörigen natürlich extrem belastend in diesem Moment darüber nachdenken zu müssen. "Häufig ist es dann aber so, dass sie einen gewissen Trost daraus ziehen, dass ihr geliebter Angehöriger, der gerade gestorben ist, zumindest noch jemandem anderen helfen konnte."

Ob Tuğçes Eltern diese Frage bereits beantwortet haben, oder ob Tuğçe ihnen diese Entscheidung abgenommen hat, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob ihre Familie dabei sein wird, wenn das Klinikpersonal das Beatmungsgerät abschaltet. Schwierig ist dieser Moment in jedem Fall: Die Stille wahrnehmen zu müssen, wenn die Maschine aufhört, Luft in die Lungen zu pumpen. Mitzubekommen, wie das Herz zunächst unrhythmischer wird und schließlich ganz aufhört zu schlagen. Zu sehen und zu spüren, wie die Farbe aus dem Gesicht und die Wärme aus dem Körper entweicht. Und nicht mehr hoffen zu können, dass der Patient vielleicht doch nur schläft.

mh

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