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Ungewöhnlichste Operation der Welt: Wie der Russe Leonid Rogosow sich in der Antarktis selbst den Blinddarm entfernte

Leonid Rogosow kam in die Antarktis, um anderen zu helfen. Er war der Stationsarzt. Doch dann entzündete sich sein Blinddarm, Rogosow musste ihn selbst entfernen.

Trotz der angespannten Lage dokumentierten seine Kameraden die Operation.

Trotz der angespannten Lage dokumentierten seine Kameraden die Operation.

Leonid Rogosow hatte Medizin studiert, aber noch nie lange praktiziert, als er seine Doktorarbeit und Facharztausbildung 1960 für eine einmalige Chance unterbrach. Der junge Mann konnte als Arzt an der 6. Sowjetischen Antarktisexpedition teilnehmen. Mit zwölf weiteren Expeditionsteilnehmern errichtete er die sowjetische Nowolasarewskaja-Antarktisstation. Damals ahnte Rogosow nicht, dass diese Expedition ihn, den 27-jährigen Arzt, weltberühmt machen sollte. Und dass nicht einer seiner Kameraden, sondern er selbst sein berühmtester Patient werden sollte.

Nachdem die Station errichtet war, stellte sich das Team auf einen langen und harten Winter ein. Doch kaum eingezogen, bemerkte Rogosow im Februar 1961, dass er eine Blinddarmentzündung hatte. "Ich schweige darüber", schrieb er in sein Tagebuch. "Warum sollte ich meinen Freunden Angst machen? Wer könnte mir schon helfen?"

Nach 45 Minuten wurde Rogosow  schwächer und musste Pausen einlegen.

Nach 45 Minuten wurde Rogosow  schwächer und musste Pausen einlegen.


Doch bald bemerkte er, dass Abwarten keine Option war und er nur die Wahl zwischen Tod oder einer Selbst-Operation hatte. "Das ist kaum möglich. Aber ich kann nicht einfach meine Hände falten und jetzt aufgeben."

Am 30. April war es soweit. Rogosow konnte nicht länger warten, nur mit Wickeln und Antibiotika war der Entzündung nicht beizukommen. Seine Freunde räumten sein Zimmer leer und desinfizierten Bettwäsche und Instrumente. Der Mechaniker Zinovy Teplinsky hielt einen Spiegel. Der Meteorologe Alexandr Artemev sollte die Instrumente reichen. Der Stationsleiter Vladislav Gerbovich diente als Verstärkung, falls jemand in Ohnmacht fallen sollte. Falls er selbst das Bewusstsein verlieren würde, hatte Rogosow Aufputsch-Spritzen vorbereitet, die ihn wieder aufwecken sollten.

Dann war es so weit. Halb im Sitzen machte Rogosow einen 10-12 cm langen Schnitt in sein Fleisch und begann, den Blinddarm zu entfernen. Er trug keine Handschuhe, denn das Licht war so schlecht, dass er nach Gefühl arbeiten musste. "Mein Herz hat sich verkrampft und spürbar verlangsamt, meine Hände fühlten sich an wie Gummi."

Ein Kollege schrieb später in sein Tagebuch: "Rogosow hatte den Schnitt gemacht und arbeitet an seinen eigenen Innereien. Als er den Blinddarm entfernte, machte sein Darm gurgelnde Geräusche, was für uns sehr unangenehm war, das Geräusch war schrecklich, man wollte sich abwenden. Wir wollten fliehen, nicht mehr hinschauen - aber ich blieb ruhig. Auch Artemev und Teplinsky hielten ihre Positionen, obwohl beiden ziemlich mulmig geworden war und sie kurz vor der Ohnmacht standen. Rogosow selbst war ruhig und konzentrierte sich auf seine Arbeit, aber der Schweiß lief ihm über das Gesicht und er bat Teplinsky häufig, ihm die Stirn abzuwischen".

Nachdem der Blinddarm draußen war, vernähte Rogosow die Wunde, dann nahm er Schlaftabletten ein. Die Operation dauerte insgesamt etwa zwei Stunden. Rogosow arbeitet danach als Arzt. Er starb im Jahr 2000 – die Antarktis besuchte er niemals wieder.

Kra
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Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?