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Wohlbefinden in Corona-Zeiten "Ich hoffe, dir geht's gut!": Die Floskel vermittelt vielmehr Ignoranz statt Interesse

Frau mit Alltagsmaske steht an einer Straße und schaut auf ihr Handy
"Ich hoffe, dir geht's gut!": Die Floskel setzt voraus, dass es dem Gegenüber gut ginge – was in der Pandemie eher Ausnahme statt Regel ist
© Xsandra / Getty Images
In Mails, Chats und Gesprächen geht uns dieser Satz "Ich hoffe, dir geht's gut!" kinderleicht über die Lippen. Unsere Autorin fragt sich, ob wir ihn wirklich ernst meinen. Denn er setzt voraus, dass es dem Gegenüber gut ginge.
Von Mareike Dudwiesus

Dieser Text erschien zuerst an dieser Stelle bei brigitte.de.

"Hey du, ich hoffe, dir geht's gut!" Na, wie viele E-Mails, Whatsapp-Nachrichten und Telefonate hast du in den letzten Monaten mit dieser Floskel begonnen – oder selbst bekommen? Ich sehr viele, und ich persönlich kann mich davon nicht einmal ausnehmen. Die fünf kleinen Worte scheinen wie der ideale Beginn (oder auch Schluss) einer Konversation zwischen Menschen, die sich kennen, vielleicht auch mögen, aber auf jeden Fall nicht allzu vertraut sind. Letzteres werden sie dadurch definitiv auch nicht werden. Denn eigentlich vermittelt der Satz vielmehr Ignoranz statt Interesse. 

Floskeln statt Fürsorge

Insbesondere in Pandemiezeiten haben wir uns auf die Fahne geschrieben, besser aufeinander Acht zu geben. Nicht nur unsere körperliche, auch unsere mentale Gesundheit wurde im letzten Jahr einer neuen Gefahr ausgesetzt, die nicht nur an jedem Türgriff, sondern auch in jeder Umarmung mit Vertrauten lauerte. Wenn unser aller Wohlbefinden also einer öffentlichen Bedrohung durch ein Virus ausgesetzt ist, wollen wir zeigen, dass wir uns umeinander kümmern. Solidarität war das Stichwort 2020, das sich sprachlich in "bleiben Sie gesund!"-Wünschen bis "ich hoffe, dir geht's gut"-Fragen widerspiegelte. Ich persönlich komme mir dabei langsam etwas heuchlerisch vor.

Tatsächlich impliziert der Satz für mich das Gegenteil von Fürsorge. Er setzt voraus, dass es dem Gegenüber gut ginge – was in der Pandemie eher Ausnahme statt Regel ist. Gleichzeitig nimmt er jeden Raum für Widerspruch. Denn seien wir mal ehrlich: Niemand antwortet auf ein "ich hoffe dir geht's gut" mit einem "nein, leider nicht". Denn eigentlich ist der Satz nichts anderes als das trojanische Pferd für "bitte belaste mich nicht mit deinen Problemen". 

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Die Risse der Alles-ist-gut-Fassade

Gleichzeitig transportiert er diese Botschaft unbewusst auch an unser Gegenüber und sorgt damit für Verunsicherung. So gut wie jeder weiß, wie es sich anfühlt, "danke, alles gut", zu antworten, wenn eigentlich alles gerade "ziemlich bescheiden" ist, es macht Bauchschmerzen. Es vermittelt uns, dass wir zu funktionieren haben – dass etwas mit uns nicht stimme, wenn wir es nicht tun. Und dass für eigene Probleme nun wirklich kein Raum mehr sei.

Ein "Ich hoffe, dir geht's gut" toleriert keine Widerworte. Er ist das Gerüst unseres fragilen, oberflächlichen Gesellschaftskonstrukts der Bloß-keine-Schwäche-zeigen-Mentalität. Ist es nicht Zeit, es zum Wanken zu bringen? 

Wollen wir die Antwort wirklich hören?

Wenn wir das nächste Mal nach dem Wohlbefinden eines Menschen fragen, sollten wir uns also selbst erst einmal fragen, ob es uns wirklich interessiert – und wir die Kapazitäten dafür haben, wenn es nicht dem entspricht, was wir zu hören wünschen. Wenn ja, fein – dann lasst uns das "ich hoffe, dir geht's gut" aber doch bitte in ein "Wie geht es dir?" verwandeln und aufhören, unserem Gegenüber übergriffig die Antwort vorweg zu nehmen. 

Und wer sich traut, schreibt nächstes Mal einfach ein "ehrlich gesagt nicht so gut" zurück. Aktuell stehen die Chancen (leider) nicht schlecht, dass es dem Gegenüber ähnlich geht. Und was dann entsteht, ist die Chance für ein ehrliches Interesse füreinander – und das wäre doch mal eine nette Form der Solidarität.


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