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"Das Schloss": Kafka auf Speed

Was für ein Theater! Der Regisseur Viktor Bodo präsentiert Franz Kafkas Romanfragment "Das Schloss" in Hamburg als temporeiche Reise in die Absurdität.

Das Schloss

Szene aus "Das Schloss" nach Frank Kafka im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg

Der Vorhang hebt sich. Nebel lichtet sich. Ein gewaltiges, verwinkeltes Gerüst. Gewaltiger Lärm. Ein Hämmern und Krachen. Menschen wuseln herum. Das Maschinenzeitalter. Der Einzelne ist nur noch ein anonymer Akteur in einem fremdbestimmten Spiel. Dann plötzlich Stille. Alle starren einen Mann an. Er stört.

So lässt der Regisseur Viktor Bodo seine Inszenierung von Frank Kafkas "Das Schloss" beginnen. Es ist der Auftakt zu einem grandiosen Theaterabend.

Die Hauptfigur K. (Carlo Ljubek) ist Landvermesser. Er steht da und will ins Schloss. Das muss irgendwo hinter diesem Gerüst im Nebel verborgen liegen. Dorthin ist er bestellt worden. Dort soll er arbeiten. Doch man lässt ihn nicht. Groteske Gestalten tauchen auf, Bürokraten und Bedienstete. Man weist K. ab. Man verhört ihn. Man zweifelt an, bis K. selber an sich zweifelt. Wortreich wird ihm erklärt, dass erst sein Aufenthalt genehmigt und sein Status geklärt werden müsse.

K. scheitert an der absurden Bürokratie

Fortan versucht K. verzweifelt, sich zu legitimieren. Er will gehört, integriert und akzeptiert werden. Und scheitert doch immer wieder an der absurden Bürokratie des Schlosses und seinen gefühlskalten Bewohnern. Er muss handeln und ist doch zum Warten verdammt, denn jede Aktivität seinerseits macht die Situation noch verworrener. Geborgenheit und Liebe findet er vorübergehend nur bei dem Schankmädchen Frieda (Gala Othero Winter), aber auch sie wird ihn verlassen und sich im Irrsinn der alles beherrschenden Un-Ordnung verlieren.

Beinahe quälend hat Kafka das Fremdsein, das Suchen und die Ungewissheit des Einzelnen in einer anonymen, abweisenden Welt beschrieben. Der Regisseur Viktor Bodo zeigt diese Entwurzelung in eindrücklichen Szenen. Diese Inszenierung hätte also eine präzise, aber auch niederdrückende Dokumentation einer depressiven Weltsicht werden können, in der die Bürokratie als Moloch das Individuum verschluckt.

Kafka betonte immer auch das Absurde

So sah Kafka die Welt. Aber er betonte immer auch das Absurde, empfand die Bürokratie als gebändigten, in Ordnung gezwängten Wahnsinn. Und diesen Wahnsinn zeigt Viktor Bodo auf großartige Weise. Seine Schauspieler leisten körperliche Schwerarbeit und liefern Akrobatik, Slapstick, Tanz, Schlägereien und Actionfilm-Zitate. Während K. verzweifelt seinen Platz in der Welt sucht, wird diese Welt um ihn herum immer verrückter.

Das ist furios gespielt und hervorragend inszeniert. Das Bühnenbild beeindruckt, und einmal verwandelt sich die Bühne sogar in eine überdimensionale Filmleinwand und zitiert Stummfilm-Klassiker der 20er Jahre.

Ja, hier darf man bei Kafka auch staunen und lachen. Unbedingt ansehen!