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Álvaro Mutis ist tot: Waghalsiger Abenteurer auf dem Papier

Einen Schulabschluss hatte er nie und gehörte doch zu den wichtigsten Erzählern Lateinamerikas: Am Sonntag ist der kolumbianische Schriftsteller Álvaro Mutis gestorben.

Alvaro Mutis ist tot. Der kolumbianische Schriftsteller erlag am Sonntag im Alter von 90 Jahren einem Herzleiden, teilte seine Ehefrau Carmen Miracle mit. Miracle sagte der mexikanischen Zeitung "La Jornada", ihr Mann sei bereits am Sonntag vergangener Woche wegen einer "schweren Krankheit" ins Krankenhaus gebracht worden.

"Millionen Freunde und Bewunderer Álvaro Mutis bedauern seinen Tod", schrieb der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos beim Kurznachrichtendienst Twitter. "Ganz Kolumbien erweist ihm die Ehre." Der Leiter der mexikanischen Kulturbehörde Conaculta, Rafael Tovar y de Teresa, twitterte Beileidsbekundungen an Mutis' Witwe und seine Kinder. "Und an Gabriel García Márquez, der einen lieben Freund verloren hat", schrieb Tovar y de Teresa.

Mutis galt als einer der wichtigsten Vertreter der lateinamerikanischen Literatur. Bekannt ist er einem breiteren Publikum vor allem dafür, den Charakter des Maqroll el Gaviero erschaffen zu haben , einen philosophischen Abenteurer und belesenen Seefahrer. "Der Ärmste nimmt alles auf sich, was ich gern gewesen wäre, was ich hätte sein müssen und wozu ich nicht fähig war", sagte Mutis einmal über sein Alter Ego Maqroll. "Gaviero" bezeichnet in der Seefahrt eine Person, die im Ausguck eines Schiffes Ausschau hält.

Chronist des verlorenen Paradieses

Mutis wurde 1923 in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er zwischen Brüssel, wo sein Vater als Diplomat tätig war, und der Finca der Familie im Department Tolima. Diese beiden Orte prägten seine Weltsicht, in seinen Werken spiegelten sich die Unterschiede zwischen diesen Kulturen. "Alles, was ich geschrieben habe, ist dazu bestimmt, diesen Flecken heißer Erde zu feiern, aus dem all meine Träume, meine Wünsche, meine Ängste und mein Glück stammen", sagte Mutis einst über seine Wurzeln in Kolumbien. Jede Zeile weise darauf hin.

Obwohl Mutis nie die Schule abschloss, konnte der Autodidakt als Journalist und Dichter Erfolge feiern. Er arbeitete außerdem in den PR-Abteilungen etwa der Ölkonzerne Esso und Standard Oil sowie des Filmkonzerns Columbia Pictures. Wegen angeblicher finanzieller Unregelmäßigkeiten während seiner Tätigkeit als PR-Chef bei Esso musste Mutis allerdings 1956 Kolumbien verlassen. Mutis ließ in Mexiko nieder und schloss sich dort der Autoren-Gruppe um seine Landsleute Gabriel García Márquez und Fernando Vallejo an. Drei Jahre später sollte ihn der Arm des Gesetzes dort allerdings einholen. 1959 wurde er wegen der Geschehnisse bei Esso festgenommen und musste für 15 Monate ins berüchtigte Lecumberri-Gefängnis. Diese Erfahrung prägte sein Verständnis von menschlichem Leid. Nach diesem Tiefschlag startete Mutis neu durch, und es folgte mehr als ein halbes Jahrhundert literarischen Schaffens, zusätzlich arbeitete er in Werbeagenturen und als Synchronsprecher. 2001 wurde Mutis mit dem Cervantes-Preis ausgezeichnet, der wichtigsten Literaturausszeichnung in der Spanisch sprechenden Welt. In Deutschland erschienen bei Suhrkamp die "Die letzte Fahrt des Tramp Steamer", "Das Gold von Amirbar" und die Maqroll-Trilogie.

"Er beschreibt eine verlorene Welt. Das alte Kolumbien der Großgrundbesitzer, wie der Familie Mutis", würdigte der Schriftsteller Hugo Gutiérrez Vega das Werk seines Kollegen. Außerdem sei Mutis in der Lage gewesen, emblematische Figuren wie die des Maqroll el Gaviero zu schaffen. "Álvaro Mutis’ gesamtes Werk ist das eines Hellsehers, der genau weiß, dass wir das verlorene Paradies nicht wieder finden werden", sagte García Márquez laut Michaela Schmitz in der Berliner Literaturkritik einmal über die Romane seines Freundes. "Maqroll - das sind wir alle, und deshalb kann er nicht sterben."

jwi/DPA/AFP / DPA