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"Feuchtgebiete"-Regisseurin Christina Friedrich: "Die Aufmerksamkeit grenzt an Hysterie"

An diesem Samstag wird in Halle die Bühnenversion von Charlotte Roches Bestseller "Feuchtgebiete" uraufgeführt. Im stern.de-Interview spricht Regisseurin Christina Friedrich darüber, wie sie das Erlebnis von Schmerz und Onanie vermitteln will - und wie sie eine Intimrasur inszeniert.

Regisseurin Christina Friedrich vor dem Neuen Theater in Halle

Regisseurin Christina Friedrich vor dem Neuen Theater in Halle

Mit ihrem Roman "Feuchtgebiete" landete die frühere Viva-Moderatorin Charlotte Roche den literarischen Überraschungscoup der Saison. Seit Monaten belegt dieses Buch den ersten Platz der Bestsellerliste, bislang sind mehr als eine Million Exemplare verkauft worden. Darin erkundet die 18-jährige Helen Memel ihre Körperöffnungen und -flüssigkeiten. An diesem Samstag feiert die Bühnenfassung am Neuen Theater in Halle Premiere. Schon im Vorfeld ist die Inszenierung auf großes Interesse gestoßen. Alle zehn Aufführungen des Stücks sind seit langem ausverkauft. Ein Gespräch mit der Regisseurin Christina Friedrich.

Frau Friedrich, Sie bringen Charlotte Roches Bestseller "Feuchtgebiete auf die Bühne. Wie stellt man die explizit sexuellen Szenen oder eine Intimrasur dar?

Das musste ich gar nicht tun. Ich hatte keinen Auftrag, das Werk zu illustrieren. Ich kann mit dem Stoff so umgehen, dass ich in die Kanäle reingehe, die in unserem Interesse liegen. Die Intimrasur findet nicht statt.

In dem Buch wird eine individuelle Körpererfahrung geschildert. Lässt sich so etwas überhaupt verallgemeinert auf der Bühne darstellen?

Diese individuelle Erfahrung wird zu einer universellen Körpererfahrung. Es ist die Selbstberührung eines Mädchens, das sich in einer Isolation im Krankenzimmer befindet. Da liegt dieser Körper mit einer Wunde. Das Mädchen reißt die Wunde auf und dringt wie Alice im Wundenland darin ein. Der Zuschauer kann damit korrespondieren oder mitfantasieren und Dinge erleben, die er sonst nicht erlebt. Das sind Körperfantasien, die auch die eigene Fantasie inspiriert, anregt oder aufwühlt.

Viele Leser fühlen sich von den expliziten Schilderungen abgestoßen. Muss man wirklich den literarischen Skandal der Saison für die Bühne aufbereiten?

Das muss man nicht. Aber es ist ein rasend kluger Stoff zu einem gesellschaftlichen Diskurs über die Abwesenheit oder die ziemlich totale Anwesenheit des Körpers. Es ist eine rasante Körperfibel geworden, nahezu ein Volkskundebuch - eine Million Mal gelesen. Den Stoff und die Motive, die darin verhandelt werden, finde ich wesentlich und schön genug, um sie auf der Bühne zu erzählen und erkunden.

Welchen Erkenntnisgewinn bringt denn Ihre Bühnenversion, die das Buch nicht liefern kann?

Ich will keine Erkenntnis produzieren, ich kann nur Erlebnisse herstellen. Ich kann im besten Fall dafür sorgen, dass die Körperreise von Helen Memel erlebbar wird. Es geht darum, zu organisieren, dass man das Erlebnis von Schmerz, von Berührung, von Onanie teilbar macht. Nicht indem man darüber monologisiert, sondern indem man sie erlebt. Das ist ein Raum, der entstehen kann, wo man sagt: Vielleicht können wir einander das Fühlen lehren.

Haben Sie Angst, die Aufführung könnte dadurch gestört werden, dass Teenager kichern, um ihre Scham zu kompensieren?

Ich freue mich, wenn gelacht wird. Dass Scham Lachen freisetzt, ist völlig in Ordnung. Es gibt keinen Verhaltenskodex. Morgen kommt meine 19-jährige Tochter mit ihren zehn Freundinnen zur Generalprobe. Darauf freuen wir uns alle sehr. Alle Reaktionen sind erwünscht. Außer Furcht. Man kann sich nicht fürchten. Von diesem Mädchen geht eine Radikalität und Anarchie aus, der man nur genauso furchtlos hinterhergehen kann.

Warum ist das Buch auf so ein breites Interesse gestoßen?

Ich habe einen ganz schlimmen Verdacht. Auf der einen Seite wird der Körper permanent transportiert, wir sehen ihn täglich makellos schön und glänzend. Aber es gibt auch den anderen Körper, den ich küsse, anfasse, mit dem ich Sex habe. Den man berührt, der Schmerzen empfindet, der ergriffen ist. Dieser Körper ist uns abhanden gekommen. Es scheint eine Sehnsucht zu geben, ihn wieder zu erkunden. Eine ganze Nation reist durch die Fantasiewelt einer 18-Jährigen, die ihren Körper erforscht, erschmeckt, und ertastet. Es ist nicht der Ekel. "Feuchtgebiete" ist kein Porno-Buch.

Sie haben einmal gesagt, Sie hätten "sehr gelacht", als sie das Buch gelesen haben. Was ist daran so komisch?

Die Fantasie von Helen ist so schön entgrenzt und hat eine originäre Naivität. Die Sprache und Fantasie von ihr, die Art und Weise, wie sie sich einen extrem eigenen Kosmos baut, mit Avocado-Kernen kommuniziert statt mit Menschen, bizarre Dinge tut, Landschaften entwirft.

Propagiert das Buch einen neuen Feminismus?

Ich kann das nicht hören. Das geht mir furchtbar auf die Nerven. Ich finde, das ist auch ein ganz tolles Männerbuch.

Männer können doch auch feministische Bücher lesen.

Es ist ein Buch für jeden Körper. Das kann jeder lesen. Man braucht keine feministische Vorbildung. Man muss nicht einmal eine Frau sein.

Wer ist auf die Idee gekommen, dieses Buch auf die Bühne zu bringen?

Ich habe 2007 in Halle eine Adaption von "Fightclub" inszeniert. Da ging es um die zentrale Frage: Wie verliere ich meinen Kopf, indem ich mir Schmerzen zufüge. Eine ganze Szene, die sich die Nasenbeine einschlägt und blutige Erfahrungen macht, damit das Gehirn verschwindet. Da kam Helen Memel als die jüngere Schwester von Tyler Durden (die Hauptfigur von "Fightclub", Anmerkung d. Red.) ganz gelegen. Ich hatte Lust, dieses Kind zu ergründen.

War Charlotte Roche in die Ausarbeitung der Bühnenfassung involviert?

Nein. Ich habe ihr Vertrauen, sie hat mein Vertrauen. Es ist eine Zone absoluter Freiheit.

Kannten Sie sich schon vorher?

Ja. Charlotte Roche kennt auch meine Arbeit. Das hat dazu geführt, dass ich die deutschsprachige Uraufführung inszeniere.

Immer häufiger werden Romane oder Filme auf die Bühne gebracht. Gibt es keine aufführenswerten zeitgenössischen Dramatiker mehr?

Es gibt eine gewisse Erschöpfung der dramatischen Vorlagen. Eine Sehnsucht, sich an Adaptionen oder Stoffe zu wagen, die noch unbekannt sind und neue Territorien erschließen.

Gibt es keinen anderen Weg, junge Leute, ins Theater zu bekommen, als bewährte Vorlagen zu inszenieren?

Das glaube ich nicht. Es ist eher die Sehnsucht, fremdzugehen, von der Dramatik zur Literatur zu gehen.

Wie sind die Reaktionen ausgefallen, als bekannt wurde, dass Sie die "Feuchtgebiete" auf die Bühne bringen?

Ich bin nicht persönlich angegriffen worden. Aber es gibt eine an Hysterie grenzende Aufmerksamkeit. Die Medien - Presse, Fernsehen und Radio - stürzen sich auf diesen Stoff.

Was erwarten Sie, wie das Publikum Ihre Inszenierung aufnimmt?

Da lasse ich mich überraschen.

Interview: Carsten Heidböhmer