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"In Zeiten des abnehmenden Lichts": Deutschlandroman voller Mitgefühl

Bereits für das Manuskript zum Roman über mehrere Generationen einer deutschen Familie erhielt Eugen Ruge den Alfred-Döblin-Preis. Nun ist "In Zeiten des abnehmenden Lichts" als Buch erschienen. Ein eindrucksvolles Werk, das beste Aussichten auf den Deutschen Buchpreis hat.

Hoffnungen, Träume und Niederlagen der jüngeren Vergangenheit gespiegelt als "Deutschlandroman" in der Geschichte einer Familie über mehrere Generationen. Das ist kein geringer literarischer Anspruch. Eugen Ruge hat ihn mit seinem Debütroman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" in eindrucksvoller Weise eingelöst. Für das damals noch unvollendete Manuskript war Ruge 2009 bereits mit dem von Günter Grass gestifteten Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet worden. Der 1954 im russischen Ural geborene Autor ging 1988 aus der DDR in den Westen und hat sich bisher vor allem als Theater- und Hörfunkautor einen Namen gemacht.

Die zum leeren Ritual gewordene Geburtstagsfeier des Großvaters, eines kommunistischen Veterans, bildet den Rahmen für diese deutsche Familiensaga des 20. Jahrhunderts. Sie spielt zwischen Berlin, der Sowjetunion und Mexiko. Erzählt wird aus der Perspektive des an Krebs erkrankten Enkels "Sascha" Alexander, der die DDR kurz vor ihrem Ende verlässt. Großvater Wilhelm erhält indessen zu seinem 90. Geburtstag am 1. Oktober 1989 in der DDR noch den nächsten Orden. Bis zu seiner Demenzerkrankung liest er jeden Artikel im SED-Zentralorgan "Neues Deutschland".

Große Kämpfe um ein bisschen Glück

Ruge erzählt vor allem von den menschlichen Schicksalen und Schwächen der weitverzweigten Familie mit ihren unterschiedlichen Lebensläufen, Hoffnungen und Illusionen. Er beschreibt ihre Kämpfe um ein bisschen Glück und schildert familiäre Zwistigkeiten vor dem Hintergrund der wechselvollen politischen Ereignisse von 1952 bis 2001.

Es geht auch um Richtungskämpfe und, wie es im Kapitel "1961" heißt, "um Reform oder Stillstand, Demokratisierung oder Rückkehr zum Stillstand". Der kommunistische Großvater hat da seine eigene Meinung angesichts der anhaltenden Flüchtlingswelle: "Dann muss man die Sektorengrenzen eben abriegeln!" 1961 wurde die Berliner Mauer gebaut. Auch die enttäuschten politischen Illusionen sind ein roter Faden im Leben der Menschen in diesem Roman. Der allerjüngste Spross, der 14-jährige Markus, will von Politik nichts mehr wissen.

Der Autor, Sohn des DDR-Historikers Wolfgang Ruge, entwirft dieses Familien- und Geschichtspanorama tagebuchartig mit oft sarkastischen Untertönen und lakonischen Randbemerkungen. Er erzählt mal nüchtern und dann wieder fast liebevoll, ohne seine Figuren bloßzustellen. Sein meist lockerer Tonfall macht das 425 Seiten dicke Werk leicht lesbar.

Spannend erzählt, ohne späte Besserwisserei

Es ist offensichtlich, dass Ruge wohl auch viel Selbsterlebtes mitverarbeitet hat, auch aus seiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter in DDR-Instituten. Über ein neues Buch von Christa Wolf wird diskutiert und die Frage gestellt: "Worunter litt sie, wo sie doch alles hatte?" Da ist von Thüringer Klößen, Grünkohl, russischen Gerichten, der obligaten deutschen Weihnachtsgans und immer wieder Alkohol die Rede. Da entbrennt an einem Weihnachtsabend unversehens ein Grundsatzstreit über Sozialismus und Kapitalismus.

Vor allem aber geht es um die unterschiedlichen Wege der Familienmitglieder mit ihren so konträren Wesenszügen und Charakteren. Ruge erzählt spannend und ohne späte Besserwisserei. Ruges Debüt ist kein neuer Wende-Roman, kein "neuer Tellkamp", sondern ein bewegender Deutschlandroman voller Menschlichkeit.

Wilfried Mommert, DPA / DPA