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"Lunar Park": "Ich habe Bret Easton Ellis umgebracht"

Sex, Gewalt, Exzesse: Sein umstrittener Roman "American Psycho" hat Bret Easton Ellis zum Star gemacht. Jetzt meldet sich der Erfolgsautor mit einer bizarren, autobiografisch gefärbten Gespenstergeschichte zurück.

Eine bessere Geschichte als die seines eigenen Lebens hätte Bret Easton Ellis gar nicht erfinden können. "Lunar Park", der neue Roman des 1964 geborenen Autors, erzählt von der großen Party, die für Ellis Mitte der Achtziger nach der Veröffentlichung seines Bestsellers "Unter Null" begann. Vom Schaulaufen durch die schicksten Clubs, von reichlich Koks und scharfem Sex.

Ellis geriet zur Yuppie-Ikone der jungen amerikanischen Literatur: "American Psycho", der ultracoole Roman über einen New Yorker Börsenmakler mit nekrophilen Leidenschaften, machte ihn Anfang der Neunziger weltberühmt - und beinahe ebenso berüchtigt wie die Figur des Serienmörders Patrick Bateman, den Ellis jetzt auferstehen lässt.

In "Lunar Park", einem Zombiemärchen allerbester Qualität, wird Bret Easton Ellis von seiner Vergangenheit heimgesucht. Ein harmloses Spielzeug seiner Tochter verwandelt sich in ein heimtückisches Monster, im Idyll der synthetischen Vorstadt, in die sich der Schriftsteller zurückgezogen hat, verschwinden Jungen im Alter von Brets elfjährigem Sohn. Als sich zu Halloween schließlich die Rückkehr seines toten Vaters anzukündigen scheint, der schon zu Lebzeiten eine bedrohliche Macht über Ellis ausgeübt hatte, ist der Horror auch für den Leser so gut wie perfekt.

Mr. Ellis, wie fühlt man sich als Bret Easton Ellis?

Bret Easton Ellis interessiert sich nicht mehr für Bret Easton Ellis. Früher war es mir wichtig, ihn am Leben zu halten, also habe ich meine niedlichen schwarzen Anzüge getragen und meine Krawatten, habe meine hübschen Zigaretten angezündet und über die Partys geredet, auf die ich gegangen bin. Es fühlte sich gut an, diese Rolle zu spielen. Ich dachte, Bret Easton Ellis sei cool.

Und das waren Sie in Wirklichkeit gar nicht?

Dass ich diese Show abzog, hatte auch damit zu tun, dass ich damals zu jung war, um es besser zu wissen. Meine Fans hatten natürlich ebenfalls ihren Spaß an meinem Image als böser Bube der Literatur und sahen in mir jemanden, der sich selbst in den dekadenten Welten bewegte, über die er schrieb. Ich spielte genau die Rolle, die man von mir erwartete, und leistete insofern auch einen eigenen Beitrag zur Schöpfung dieses Monsters namens Bret Easton Ellis. Dieses Bild hat mich verstört und eine Zeit lang in den Wahnsinn getrieben. Aber jetzt: Ich habe Bret Easton Ellis umgebracht, als ich meinen neuen Roman schrieb.

Sie sollten jetzt trotzdem das eine oder andere richtig stellen: Haben Sie zum Beispiel nackt einen Ferrari zu Schrott gefahren, so wie es der Bret Easton Ellis Ihres Romans getan hat?

Ich war nicht nackt. Aber ich habe mal einen Ferrari zu Schrott gefahren, ja.

Und die Examensfeier, die Brets Vater in "Lunar Park" für seinen Sohn ausrichtet? Waren damals wirklich Madonna und Andy Warhol unter Ihren Gästen?

Ursprünglich sollte Madonna gemeinsam mit Warhol kommen, aber schließlich erschien er in Begleitung anderer Leute. Ich war damals mit verschiedenen Schauspielern befreundet, und alle waren eingeladen. Keith Haring war da und Jean-Michel Basquiat. Warhol wollte, dass ich mit ihm und ein paar Freunden abhaue und irgendwo downtown noch eine andere Party besuche. Aber ich konnte mich ja schlecht von meiner eigenen Examensfeier abseilen.

In Ihrem neuen Buch verdunkelt sich Brets Leben zu einem Albtraum, der an die Horrormärchen von Stephen King erinnert. Mögen Sie diesen Vergleich?

Klar. "Lunar Park" erzählt ja vor allem eine ganz simple Gespenstergeschichte.

Für die greifen Sie ordentlich in die Trickkiste - manchmal kann man über Ihren Grusel nur lachen, an anderen Stellen jagt er dem Leser einen echten Schrecken ein. Von einer "simplen Gespenstergeschichte" kann also keine Rede sein.

Was kann ich dafür, ich bin nun mal ein postmoderner Schriftsteller. Ich liebe die alten Klischees und wollte meinen Spaß mit ihnen treiben. Manchmal habe ich sie realistisch verwendet und mir beim Schreiben selbst Angst gemacht, manchmal erschienen sie mir völlig überzogen und lächerlich. Ich wollte sie aber trotzdem ins Buch einbauen. "Lunar Park" ist einerseits vielschichtig und trotzdem das einfachste Buch, das ich seit meinem Debütroman "Unter Null" geschrieben habe. Es ist sehr direkt, die eigentliche Handlung ereignet sich an nur wenigen Tagen, es gibt nur eine Hand voll Figuren.

Auffällig ist das Gefühl von Verlust und Trauer, das sich durch den Roman zieht. Sind das Ihre eigenen Gefühle?

Ja. Die Bindungslosigkeit, die problematische Beziehung zwischen Vater und Sohn, das ist echt. Alles, was ich bisher geschrieben habe, war echt.

Sie erwähnen Ihren 1992 gestorbenen Vater, der schon als Vorbild für die Figur des Serienmörders Patrick Bateman herhalten musste. Wir dachten, mit "American Psycho" hätten Sie sich vom destruktiven Einfluss Ihres paranoiden Vaters befreit.

Das stimmt, mit "American Psycho" habe ich meinen Vater verabschiedet. Aber in meinem nächsten Roman nahm er dann Rache an mir: Im Mittelpunkt der Verschwörung, um die es in dem Nachfolgeroman "Glamorama" geht, steht ja ein Vater, der seinen Sohn gegen einen anderen austauscht. Ich nehme an, dass ich in "Lunar Park" nun gewissermaßen zurückgekehrt bin und das letzte Wort in dieser Angelegenheit hatte: "Verpiss dich, du Arsch, ich mach dich kalt."

Im Gegensatz zu Ihnen hat der Bret Easton Ellis des Romans Kinder. Hat Ihnen diese Konstruktion geholfen, sich in Ihren Vater einzufühlen?

Ich war voller Zorn, als ich mit dem Schreiben von "Lunar Park" anfing, und entwickelte dann mehr und mehr Verständnis für ihn. Ich musste mich an seine Stelle versetzen und stellvertretend fragen, was damals passiert war: "Weshalb hast du geheiratet? Warum hast du überhaupt eine Familie gegründet? Welche Dämonen hast du mitgebracht, damit sie unser Zuhause heimsuchen?" So habe ich auch die Vergangenheit meines Vaters erforscht und die Wut, die ihn umtrieb, seine Frustrationen. Ich habe beim Schreiben viel über ihn erfahren und konnte schließlich sagen: "Schade, dass du unser aller Leben ruiniert hast. Was für ein Pech, aber ich schätze, dass ich dir dennoch vergeben muss, um weiterleben zu können."

Erzählen Sie von Michael Wade Kaplan, dem Sie "Lunar Park" - neben Ihrem Vater - gewidmet haben.

Michael Wade Kaplan war mein vermutlich bester Freund zu der Zeit, als ich an "Lunar Park" schrieb. Er starb im Januar 2004.

Im Alter von 30 Jahren. Es war zu lesen, er sei sechs Jahre lang Ihr Freund und Liebhaber gewesen.

Sechs Jahre, das stimmt. Ich kannte ihn insgesamt acht Jahre, sechs Jahre lang hatten wir eine Beziehung. Er starb ganz plötzlich.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen seinem Tod und der besonderen emotionalen Note, die "Lunar Park" auszeichnet?

Ich war mit der ersten Fassung des Romans bereits fertig, als er starb. Zwei oder drei Wochen nach Mikes Tod konnte ich gar nichts machen, aber dann habe ich mich getreten und dem Roman den letzten Schliff gegeben. Die Idee für das Buch hatte ich aber schon, bevor ich Mike kennen lernte; der Roman war zu der Zeit bereits fest verankert, unsere Beziehung hatte keinen Einfluss darauf. Aber als ich "Lunar Park" überarbeitete, war ich wegen seines Todes ziemlich am Boden - vielleicht hat das eine weitere Schicht von Traurigkeit über den Roman gelegt.

Ist es Ihnen schwer gefallen, das Leben eines heterosexuellen Familienvaters für sich zu erfinden?

Es handelt sich um Fiktion, aber natürlich ist mir diese Art Leben nicht fremd. Es ist das Leben, das die meisten meiner Freunde führen, und selbstredend bin ich selbst in einer Familie aufgewachsen. Es war nicht besonders schwer, diese Erfahrung zu kanalisieren. Ein Teil von mir sehnt sich sogar nach der relativen Stabilität eines solchen Lebens. Als Romanschriftsteller hoffe ich aber, ohnehin in jede Situation hineinspringen zu können und die Fähigkeit zu besitzen, über so gut wie alles aus jeder nur denkbaren Perspektive schreiben zu können.

Erscheint Ihnen der große Erfolg, den Sie bereits Anfang zwanzig mit "Unter Null" hatten, im Rückblick als gut oder schlecht?

Das war schon okay. Der Erfolg meines ersten Romans ersparte mir die Quälereien, die viele meiner Freunde in ihren Zwanzigern auf sich nehmen mussten. Jobs, die sie nicht wirklich wollten und so. In gewisser Weise machte es mir das Leben einfacher, aber es hemmte auch meine Entwicklung. Der frühe Erfolg ließ mich sehr, sehr lange 21 sein und machte mich zu einem "bad boy", bis ich 38 oder 39 Jahre alt war. Es ist mir erst vor kurzer Zeit gelungen, die Schale zu durchbrechen und ein "verantwortungsbewusster Erwachsener" zu werden. Die meisten meiner Freunde waren das bereits mit Ende zwanzig. Vielleicht war also der frühe Ruhm in dieser Hinsicht nicht ganz so gut.

Weil er Sie dazu verdammte, immer eine prima erfundene Kunstfigur zu sein?

Nein, jetzt nicht mehr. Jetzt nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei.

Interview: Thomas David / print
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