HOME

"Mädelsache!": Reportagen über Neonazi-Frauen

Sie sind Schöffin am Gericht, Erzieherin im Kindergarten oder backen den Kuchen fürs Straßenfest: Weibliche Neonazis sind auf den ersten Blick oft nicht zu erkennen. Zwei Experten erklären in einem Buch, welche Strategie sie damit verfolgen.

Skinhead, Bomberjacke und Springerstiefel: Wer an Neonazis denkt, hat in der Regel ein ganz bestimmtes Bild im Kopf. Eine junge Frau mit langen Zöpfen oder einer Tasche des Kultlabels "Emily the Strange" fällt dabei wohl niemandem ein. Und doch: In der Neonazi-Szene werden nicht nur zunehmend Frauen aktiv, sie verwenden auch ungewöhnliche Erkennungszeichen.

In ihrem Buch "Mädelsache! Frauen in der Neonazi-Szene" beschreiben Andrea Röpke und Andreas Speit einflussreiche weibliche Neonazis - von ihrer Rolle innerhalb einer Kameradschaft bis hin zu ihrem Aussehen. Schnell wird klar: Diese Frauen sind längst mehr als nur die Freundin eines Rechtsextremen.

Kenner der Szene

Die Autoren, zwei Journalisten, erweisen sich dabei als Kenner der Szene. Sie beschreiben rechtsextreme Gruppierungen, sprechen mit Aussteigern, interviewen Experten und werten Medienberichte aus. Anhand von Fotos zeigen sie zudem, dass Frauen aus dem rechtsextremen Milieu für Außenstehende oft nur schwer zu erkennen sind. - Eine besondere Gefahr, wie aus den Recherchen der Autoren hervorgeht. Demnach werden weibliche Neonazis zunehmend in der Familienpolitik, am Gericht oder als Erzieherinnen in Kindergärten aktiv, um ihre Ziele zu verfolgen.

"Frauen und Neonazis - unbewusst wird diese Verbindung in den Medien und in der Politik kaum gesehen", schreiben Röpke und Speit. Oft würden sie sich in der Öffentlichkeit eher als treusorgende Mütter präsentieren und ihre politischen Verbindungen nicht erwähnen. Dabei sei allein in der Berliner NPD jedes fünfte Mitglied weiblich. Rechtsextreme Frauen würden sich nach außen hin als besonders selbstbewusst und intelligent präsentieren.

Was motiviert all diese Frauen?

Die Neonazi-Frauengruppe "Tor Berlin" schmückte sich demnach bis zu ihrem Verbot mit der Comic-Figur "Emily the Strange" - einem rebellischen Mädchen mit Zwille. Das Label könnte ebenso von jungen Frauen aus der linken Szene getragen werden. In anderen Gruppierungen finden die Autoren junge Mütter mit langen Zöpfen und weißen Kleidern, die dem Naturtrend folgen. Wieder andere haben ähnlich wie Skinheads einen glatt rasierten Hinterkopf, allerdings umrahmt von dünnen Haarsträhnen.

Die Autoren beschreiben in ihrem Buch ebenso fanatische Alt-Nazistinnen, die den Holocaust leugnen, als auch junge Frauen, die sich auf Youtube mit Molotow-Cocktails präsentieren oder ihren Kindern T-Shirts mit rechtsextremen Aufdrucken anziehen. Eine Frage können Röpke und Speit trotz weitreichender Recherchen jedoch nicht beantworten: Was motiviert all diese Frauen? Was treibt sie an? Eine Aussteigerin spricht vom Reiz des Rebellischen und von Abenteuerlust.

Doch reicht das wirklich, um Gewalt und Fremdenhass von jungen Mädchen und Müttern zu erklären? An einer Stelle wird dazu eine Expertin befragt, die die Lebensgeschichte rechtsextremer Frauen untersucht hat. Doch auch dies trägt zur Klärung nur wenig bei. Sie glaubt: Einen Ansatzpunkt, warum Frauen in die Szene einsteigen, gibt es nicht.

Antonia Lange/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel