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"Man spricht Deutsch": Kettenraucher: Qualm-Orgien unter Öko-Kriegern

Erst wanderte das Wort "Kettenraucher" ins Englische, dann auch noch der "Passivraucher" - in der Lehnübersetzung "secondhand smoking". Daraus leitete sich jüngst der medizinische Begriff "third hand smoke" ab.

Von Sven Siedenberg

"Haste mal Feuer?", fragte mich mein englischer Freund Harry mit schief im Mundwinkel hängender Zigarette.
"Sorry", antwortete ich. "Darf's stattdessen ein Kaugummi sein?"

Der Kettenraucher hält das nervöse Hervornesteln einer Zigarette, das verkrampfte Festhalten zwischen gelben Fingern und das unappetitliche Dauerröcheln ja für sexy. Verbissen kämpft er für sein Gewohnheitsrecht, die Nichtraucher vergiften und als Spaßbremse verunglimpfen zu dürfen. In Deutschland kämpft er besonders verbissen.

Doch auch die selbstverliebten Italiener und die lebenslustigen Franzosen, die mit Serge Gainsbourg einen Kettenraucher zum Nationalheiligen haben, gehen zum Rauchen ohne Murren vor die Tür. Und sogar die Amerikaner, immerhin Bewohner eines Landes, in dem Kettenraucher sich zu Opfern stilisieren und wegen ihrer Sucht die Tabakfirmen verklagen, haben das ehemalige Marlboro-Country in ein Nichtraucherparadies verwandelt.

Jetzt gucken sich die einen wehmütig die alten Qualm-Orgien mit Humphrey Bogart an, die Serie "Mad Men" und die Cartoons mit Dauerpaffer Lucky Luke, der unter dem Druck amerikanischer Trickfilmstudios in den 1980er Jahren von seiner Nikotinsucht zwangskuriert wurde, was die Weltgesundheitsorganisation mit einer Medaille honorierte.

Die anderen wundern sich über Altkanzler Helmut Schmidt, diesen Angestellten des Weltgeistes aus "Good old Germany", der gerne Moralpredigten hält und auch nach mehreren Herzinfarkten und Herzoperationen sein Recht auf Selbstzerstörung störrisch verteidigt.

Begleitet von qualmenden Fabrikschloten und dampfenden Lokomotiven wanderte das deutsche Wort "Kettenraucher", die maximale Steigerung des Gelegenheitsrauchers, in den 1880er Jahren ins Englische, in den Lehnübersetzungen "chain-smoker", "chain-smoking" und "chain-smoke". Jüngst hat sich zum Kettenraucher auch der Passivraucher ("passive smoker") dazugesellt.

Rauchfreie Zone der Öko-Amis

"Ihr seid doch alle Öko-Krieger und Gesundheitsfanatiker", schimpfte Harry und kaute auf seiner staubtrockenen, unangezündeten Zigarette.
"Du spielst darauf an", sagte ich, "dass wir die erste Nation waren, die Katalysatoren in Autos eingebaut und mit der Wiederverwertung des Abfalls begonnen hat. Dann drangen während der 1970er und 1980er die gesundheitlichen Risiken des Passivrauchens auch bei euch ins öffentliche Bewusstsein und schon habt ihr die Vokabel aus dem Deutschen übernommen - als Lehnübersetzung 'passive smoking', neben 'passive smoker' und 'secondhand smoking'."

Und kaum hatten Kalifornien und New York besonders fortschrittliche Gesetze zum Schutz der Nichtraucher erlassen - rauchfreie Restaurants, rauchfreie Parks, rauchfreie Strände -, kursierte bereits ein neues Schlagwort unter Medizinern: Der sogenannte "Third hand smoke" bezeichnet die giftigen Stoffe, die der Tabakrauch in Haaren und Kleidern zurücklässt.

"Haste mal ein Kaugummi?", fragte Harry.

"Kettenraucher" kennt man im Englischen und Italienischen