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"Nemesis": Philip Roth über eine verheerende Seuche

In "Nemesis" kehrt Philip Roth an den Ort seiner Kindheit zurück. Eine Polio-Epidemie rafft Kinder dahin und zerstört das Leben von Erwachsenen. Roths 31. Werk geht unter die Haut, überrascht aber auch mit seiner Wärme.

Nemesis", auf Deutsch Untergang, nennt Philip Roth seinen jüngsten Roman. In ihm kehrt der gefeierte US-Literat in seine alte Heimat zurück, das jüdische Viertel der Industriestadt Newark bei New York. Es ist das Jahr 1944, also acht Jahre vor der Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Kinderlähmung. Da schleicht sich die verheerende Seuche in die ärmliche Nachbarschaft seiner Kindheit ein und wütet mitten in der brütenden Hitze des Sommers unter der Jugend.

Roth bedient sich der Polio-Epidemie, um die Reaktion seiner Helden auf eine unsichtbare und dadurch besonders unheimliche Bedrohung zu untersuchen. Es heißt, die Lektüre von Albert Camus' Roman "Die Pest" (1946) habe ihn dazu bewegt. Vor Camus war es der Brite Daniel Defoe, der 1722 die Ängste und Agressionen von Londons Bevölkerung auf einen Ausbruch der Pest in seinem "Journal of the Plague Year" schilderte.

Sport als Ablenkung

Bei Roth dreht sich die Geschichte um Bucky Cantor, einen jungen Sportlehrer, der die Kinder seiner Schule während der Ferien mit Baseballspielen beschäftigt. Ihm selbst hatte der Sport über eine schwere Jugend geholfen. Buckys Mutter starb im Kindbett, der Vater wanderte wegen Diebstahls ins Gefängnis. Bucky wird von den Großeltern aufgezogen und lernt, hohe Anforderungen an sich als Mann und als Jude zu stellen.

Als die ersten Poliofälle bekanntwerden, setzt Bucky alles dran, seine Schützlinge durch intensiven Sport von ihrer Angst vor einer Infektion abzulenken. Zweifel kommen erst, als zwei seiner Jungen an dem tückischen Erreger sterben und andere gelähmt im Krankenhaus liegen. Allmählich befällt auch ihn die Angst. Zu seinem eigenen Entsetzen knickt er ein, als seine Verlobte Marcia ihn drängt, Newark zu verlassen und zu ihr in die poliofreien Pocono-Berge zu kommen.

Schicksal und göttliche Gerechtigkeit

Philip Roth hält noch viele Überraschungen für den Leser bereit, darunter die Identität des Erzählers, die erst zum Schluss enthüllt wird. "Nemesis" liest sich wie ein Thriller, ist voller Spannung, ohne auf herrliche Schilderungen vom Alltag in der kleinen jüdischen Enklave, von den Herausforderungen eines subtropischen Sommers ohne die heute üblichen Klimaanlagen und von der zarten Romanze zwischen Bucky und seiner Marcia zu verzichten.

Wie in seinen letzten drei Büchern, "Jedermann", "Empörung" und "Die Demütigung", stellt Roth gehäuft die Frage nach Schicksal und göttlicher Gerechtigkeit. Er fasst das Romanquartett unter dem Übertitel "Nemeses" (Untergänge) zusammen. Leser, die schon oft zu Roth gegriffen haben, erwartet in "Nemesis" ein für ihn neues Maß an menschlicher Wärme und Heiterkeit.

Roth, der jedes Jahr wieder für den Literatur-Nobelpreis gehandelt wird, hat mit seinen 77 Jahren 31 Bücher veröffentlicht, viele von ihnen Meisterwerke. Zu den bekanntesten gehören "Portnoys Beschwerden", "Amerikanisches Idyll" und "Der menschliche Makel". Roth wurde 1960 und 1995 mit dem National Book Award der USA geehrt, ist Gewinner des Pulitzerpreises von 1998 und des Welt-Literaturpreises 2009.

Gisela Ostwald/DPA / DPA