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"Rhett": Das Ende aller Leidenschaft mit Scarlett

Erfolgreiche Mythen werden ja gerne unendlich weitergesponnen. Aktuelles Beispiel: "Vom Winde verweht". Der amerikanische Autor und Schafzüchter Donald McCaig hat die "größte Liebesgeschichte aller Zeiten" von Rhett Butler und Scarlett O'Hara, deren Fortsetzung heute erscheint, in ein laues Gefühlsgedusel verwandelt.

Von Tanja Beuthien

Darauf haben also alle gewartet: Dass er zurückkehrt zu ihr, der große Zyniker Rhett Butler - mit einem spöttischen Lächeln, einer ironische Geste. Dass er Scarlett O'Hara einen vernichtenden ersten Satz entgegenschleudert - bevor er sie in seine männlichen Arme schließt, natürlich. Doch wie im richtigen Leben ist auch im Roman die Erfüllung eines lang gehegten Traums eine Enttäuschung, ist der langersehnten Augenblick so viel banaler, als man ihn sich ausgemalt hat. "Ich dachte, Du könntest vielleicht einen Erlöser gebrauchen", säuselt Rhett, als er auf Seite 600 wieder angeritten kommt, nachdem er sich im Original mit einem so viel griffigeren: "Frankly, my dear, I don't give a damn" von seiner Gattin verabschiedet hat. Da bleiben Donald McCaig in seiner Fortsetzung "Rhett" gerade noch 31 Seiten um die "größte Liebesgeschichte aller Zeiten" zu einem neuen Anfang zu bringen.

Dabei ist hier das Ende bereits vorprogrammiert: Keine hässliche Bemerkung. Kein handfester Streit. Nicht mal eine wilde, hemdzerfetzende Umarmung. Stattdessen wispert die einst schlagfertige Scarlett (wir trauen unseren Ohren kaum): "Bitte verspotte mich nicht mehr". Und Rhett antwortet (sein empörendes Grinsen verschwand): "Nie wieder Schatz, versprochen." Das aber ist nun wirklich der Tod aller Leidenschaften . Donald McCaig mag ein versierter Kenner der amerikanischen Bürgerkriegszeit sein, er mag sechs Jahre lang vor Ort und in den Archiven recherchiert haben über Reisplantagen und Sklavenhaltung, über den Ku-Klux-Klan, über Blockadebrecher und über das Leben in New Orleans. Er hat den Rassismus (kritisch!) in die Handlung integriert, er hat ein politisch korrektes, ein informatives Buch geschrieben. Aber ein ironischer Schlagabtausch unter Liebenden, ein erotisches Feuerwerk der Worte, ist seine Sache nicht.

Mythen sterben nicht, sie werden weitererzählt

Das ist bedauerlich. Denn, Bürgerkrieg hin oder her, es geht doch schlicht nur um das eine: Kriegen sie sich, oder kriegen sie sich nicht? Diese Frage hat sich der amerikanische Verlag St. Martin's Press schließlich einiges kosten lassen: 4,5 Millionen Dollar zahlte er für die Weltrechte an der Fortsetzung von Margaret Mitchells Südstaatenepos "Gone with the Wind". Die Nachlassverwalter Mitchells ließen ausrichten, sie "seien nicht am schnellen Geld, sondern an einem überdauernden literarisch hochwertigen Werk interessiert." Nachdem ein Versuch der englischen Schriftstellerin Emma Tennant als "zu britisch" ausgeschieden war, entschied man sich für Donald McCaig, der zwar "Vom Winde verweht" nie gelesen, dafür aber schon einige Bürgerkriegs-Romane verfasst hatte.

McCaigs Konzept ist charmant und kassenträchtig. Anders als "Scarlett" (1991), die erste, etwas krude aber weltweit sechs Millionen mal verkaufte Fortsetzung der amerikanischen Autorin Alexandra Ripley, führt McCaig die Handlung nicht nur weiter, sondern erfindet ihr auch einen neuen Anfang - aus Sicht seines Titelhelden "Rhett". Man kennt das inzwischen von anderen Mythen, die längst am glücklichen Ende schienen: So von Filmen wie "Star Wars" (Episode I-III ) oder vom jüngsten Bond mit Daniel Craig als jugendlichem James. Sogar Joanne Rowling, die nie eine Fortsetzung schreiben wollte, denkt inzwischen laut über ein Prequel ihrer Harry-Potter Reihe nach. Und natürlich hat auch Rhett Butler eine Vorgeschichte, eine Kindheit auf der Reisplantage, eine Freundschaft zu dem Farbigen Tunis Bonneau, und eine ritterliche Haltung zu der Prostituierten Belle Watling.

Wie schon in Mitchells Originals wird auch bei McCaig reichlich gestorben, betrogen und gelogen. Doch schließlich ist da noch, und vor allem, die legendäre Liebe zur spröden und skrupellosen Scarlett, angefangen bei der ersten Begegnung auf dem Gartenfest von Twelve Oakes, bei der Scarlett im Eifer des Gefechts ihrem Zukünftigen beinahe eine Porzellanschale an den Kopf knallt, bis hin zum tragischen Abschied auf Tara. Millionen Menschen wollen das wieder und wieder lesen, schließlich sind die Szenen im kollektiven Gedächtnis eingebrannt. "Einige sehr berühmte Textstellen müssen wiedererkennbar sein", sagt Günter Berg, Verlagsleiter des deutschen Hoffmann und Campe Verlags deshalb. "Es ist eben ein Mythos. Und Mythen sterben nicht, sie werden weitererzählt."

Allerlei süßliche Phrasen

Nun besteht natürlich der größte Reiz des Originals darin, dass die widerborstigen und garstigen Liebenden eben nicht zueinander finden. Dass Scarlett O`Hara auf ewig allein auf ihrer Treppe sitzen bleibt und ihr trotziges "Schließlich, morgen ist auch ein Tag" eine unendliche Sehnsuchtsschleife auslöst, die Millionen den fast vierstündigen Schmachtfetzen mit Vivian Leigh und Clark Gable immer wieder ansehen lässt. Und sie auch jetzt, zuverlässig und knallhart kalkuliert, weltweit in die Buchhandlungen treibt, zum Segen von St. Martin`s Press, der in Amerika eine Erstauflage von einer Million Exemplaren auf den Markt bringt und zeitgleich den Verkauf von 20 internationalen Ausgaben initiiert. Die Massen fordern ein finales, ein endgültiges Happy End. Doch das bedeutet gleichzeitig auch den Tod des unsterblichen Mythos. Donald McCaig erledigt das mit leichter Hand, in dem er jede Aufwallung einstiger erotischer Anziehungskraft in süßlichen Phrasen und klischeehaften Wendungen erstickt. Doch morgen ist auch noch ein Tag: Auf Fortsetzungssüchtige aller Länder warten im nächsten Jahr eine Bollywood-Verfilmung von "Casablanca" (Setting: Südindien!) und, vierzig Jahre nach dem Tod des Bond-Autors Ian Fleming, ein neuer 007-Roman aus der Feder des britischen Bestsellerautors Sebastian Faulks. Über kurz oder lang dürfen sich Unersättliche sicher auch auf eine Fortsetzung von "Rhett" freuen. Denn die droht McCaig in seinem letzten Satz schon an: "Und das war noch lange nicht das Ende."