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Aimé Césaire gestorben: Ein Schwarzer kommt ins Panthéon

Er hat für eine stolze schwarze Identität gekämpft, 2005 den Besuch des damaligen Innenministers Nicolas Sarkozy auf Martinique verhindert und ihn ein Jahr später doch empfangen: Der Dichter und Politiker Aimé Césaire, Leitfigur der afrikanischen Emanzipation, ist gestern 94-jährig gestorben.

Von Astrid Mayer

Er bekommt ein Staatsbegräbnis in Fort-de-France, bei dem die politische Elite Frankreichs und afrikanischer Staaten anwesend sein wird. Etliche Abgeordnete im französischen Parlament haben eine Aufnahme von Aimé Césaire ins Panthéon verlangt, die französische Kulturministerin hat sich hinter diese Forderung gestellt. Als Termin wird der 10. Mai erwogen, Gedenktag für die Abschaffung der Sklaverei.

Aimé Césaire war befreundet mit den Künstlern André Breton und Picasso; mit dem senegalesischen Präsidenten Léopold Senghor verband ihn eine Freundschaft seit Schulzeiten. 48 Jahre lang hat er die Interessen seiner Heimat als Abgeordneter im französischen Parlament vertreten und war 56 Jahre lang der Bürgermeister von Fort-de-France, der Hauptstadt Martiniques. Seine Träume von einer Unabhängigkeit der französischen Karibik hat er nicht verwirklicht, aber sein schwarzer Humanismus, den er der kolonialen Arroganz entgegensetzte, hat viele afrikanische Politiker beeinflusst.

Kampf für eine schwarze Identität

Furore gemacht hat seine Forderung nach einer schwarzen Identität, die er in den 30er und 40er Jahren in diversen, selbst gegründeten Zeitschriften vertrat. Das Konzept der "Négritude", das er mit Léopold Senghor ausarbeitete, lehnt das exotische Klischee des gutmütigen, singenden Schwarzen ebenso ab, wie das Stehenbleiben in einer Opferrolle, die verhindert, Verantwortung für die eigene Zukunft zu übernehmen. Césaire prangerte die Verheerungen durch die Kolonialmächte ebenso an wie den Machtmissbrauch afrikanischer Potentaten.

Aimé Césaire brachte mit Hilfe von Stipendien den klassischen Kursus eines französischen Intellektuellen hinter sich: Elite-Gymnasium und -Universität. "Ich musste lernen", hat er über diese Zeit gesagt. "Die Alternative zum Studieren war Arbeiten in den Zuckerplantagen". Zum ersten politischen Amt kam er, wie er sagte, wie die Jungfrau zum Kind: Die kommunistische Partei bat ihn 1946, auf ihren Listen zu kandidieren und er wurde gewählt, ganz gegen seine Erwartung. Vom Kommunismus hat er sich 1956 nach der Niederschlagung des Aufstandes in Ungarn losgesagt, die Ideologie kritisiert.

Ein wachsamer Kritiker bis zuletzt

Mit Nicolas Sarkozy geriet er 2005 in Konflikt, als er sich aus dem politischen Leben bereits zurückgezogen hatte: Sarkozy hatte ein Gesetz verabschieden lassen, das eine positive Darstellung der Kolonialzeit beispielsweise in Schulbüchern vorschrieb - ein Affront gegen die zahlreichen Einwanderer aus ehemaligen Kolonien in Frankreich. Als Sarkozy kurz darauf einen Besuch in Martinique plante, ließ Césaire ihn wissen, er sei auf der Insel persona non grata. Der populäre Césaire drückte damit die allgemeine Stimmung auf der Insel aus und Sarkozy sah aus Sicherheitsgründen vom Besuch ab.

Das hat den französischen Staatspräsidenten nicht daran gehindert, sich gestern in einer Verlautbarung "sehr traurig" zu zeigen und den politischen Gegner Césaire als "großen Humanisten" zu ehren. Ins Panthéon wird er wohl auch eher wegen seiner literarischen Werke kommen. Seine Gedichte und Essays schrieb er "in den Ruhepausen", wie er sagte: "Meine Dichtung ist aus der Aktion entstanden". Seine "Rede zum Kolonialismus" war 1998 erstmals Abiturthema. Sein Konzept von der "Négritude" hat er mit einer Aussage relativiert, die das Schwarzsein aus dem Zentrum seiner Identität rückt: "Ich gehöre zur Rasse der Unterdrückten".