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Nummer eins im Tennis: Das späte Erwachen der Angelique Kerber

Angelique Kerber galt als zu zaudernd für das ganz große Tennis. Dann gewann sie die Australian Open, und nichts war mehr wie zuvor. Von einer Frau, die sich mit 28 Jahren und im Herbst ihrer Karriere neu erfand.

Von Mathias Schneider

Angelique Kerber

Nummer eins: Angelique Kerber, 28, ist nach Steffi Graf die zweite Deutsche an der Spitze der Tennis-Weltrangliste

Sie sagt, sie beschäftige sich heute nicht mehr damit, was andere über sie dächten. Wahrscheinlich ist das die größte Veränderung im Leben der Angelique Kerber. Größer noch als das Grundrauschen, das sie neuerdings als Nummer eins der Tenniswelt umgibt, wo immer sie auftaucht. Eine schüchterne junge Frau, das war sie noch vor einem Jahr, man muss noch einmal daran erinnern, nun, da aus der zaudernden "Angie" in einer Blitzverwandlung "die Kerber" geworden ist. Meist tat sie, was Trainer, Manager und Sponsoren ihr rieten. Wann trainiert wird und wie lange, wo gegessen wird, welche Sponsorentermine - sie hat solche Fragen gern ihrem Umfeld überlassen. Bloß nicht selbst den Takt vorgeben. Für den Konfrontationssport Tennis mit all seinen Super-Egos war das eher eine schlechte Voraussetzung.

Sie glaubt, dass einige sie für arrogant halten

"Wie andere mich beurteilen, davor hatte ich immer Angst. Ich bin stolz, dass ich es hinbekommen habe, die Angst zu überwinden, von den anderen als arrogant angesehen zu werden", sagt Angelique Kerber, schwarze Hose zum schwarzen Top, mit ruhiger, aber doch fester Stimme. Es wirkt, als wolle sie sich selbst ihre wundersame Wandlung noch einmal bestätigen.
Sie könne das heute: Nein sagen. "Ich fühle mich viel selbstbewusster. Ich weiß jetzt, was ich will und was mir guttut, lange war das ja nicht so." Die ersten Stresstests hat sie bereits bestanden. "Ich habe schon mitbekommen, dass es Leute gibt, die finden, ich sei arrogant geworden." Mancher im erweiterten Umfeld müsse sich eben noch an ihre neue Autonomie gewöhnen. Genauer mag sie nicht werden.


Sie hat am langen Holztisch in einem Loft im Hamburger Grindelviertel Platz genommen, um noch einmal über diese zwölf so wundersamen Monate zu sprechen. Nach zwei Grand-Slam-Titeln, einer olympischen Silbermedaille sowie dem Endspiel bei den WTA Finals steht sie nun im Pantheon des deutschen Sports. Plötzlich gehört sie in die Reihe von Legenden wie Magdalena Neuner, Maria Höfl-Riesch, Katja Seizinger. Lediglich die Große Graf thront auf ewig über allen.

Zwei Wochen auf Bali abgetaucht 

Erholt und doch ein bisschen müde sieht Kerber an diesem Mittag aus, der Rückflug vom Urlaub in Bali mit Schwester und Freundin steckt ihr noch in den Knochen. Auf Bali aber hat sie viel geschlafen, dazu Krimis gelesen und - ganz wichtig - ein paar Tauchgänge absolviert. Sie wollte runterkommen, in jeder Hinsicht. Unter Wasser falle es ihr am leichtesten, wirklich abzuschalten.
Sie hat diese zwei Wochen fern des Trubels auch genutzt, um all die mit ihren Erfolgen verbundenen Gefühle noch einmal bewusst zu verarbeiten: Wie sie etwa im Januar zu Boden sank, voller Unglauben, voller Glück, nachdem sie in ihrem ersten Grand-Slam-Finale die unschlagbar scheinende Serena Williams erst zum Wanken gebracht und schließlich gestürzt hatte. Ein unerhörter Akt der Courage. Sie war einfach nicht gewichen, hatte immer tiefer geschürft - diese Fähigkeiten sollten ihre größten Stärken bleiben in all den Schlachten, die folgten.

Angelique Kerber ist die älteste Nummer eins

Sie ist jetzt 28 Jahre alt. Keine im Welttennis hat je so spät die Nummer eins erklommen. Keine hat sich je so spät noch einmal komplett neu erfunden. Auch deshalb ist die Geschichte der Angelique Kerber, aufgewachsen über einer Kieler Tennishalle als Tochter eines Tennislehrers, noch ein bisschen größer als die Summe ihrer Siege. Sie dient jenen zur Inspiration, die nicht aufhören wollen, ihren Träumen nachzujagen, obgleich das Verfallsdatum überschritten scheint.


Kerber zeigt, was auch im Herbst einer Karriere möglich ist. Sie ist die Vertreterin einer schweigenden Masse hinter der über Jahre so dominant auftretenden Serena Williams. Auch deshalb neiden ihr die Kolleginnen den Erfolg ein bisschen weniger. Sie können sich mit ihrem Weg identifizieren. Sie wissen, dass ihn Kerber nicht ohne Schmerzen ging: zwei Schritte vor, einen zurück, das war der Modus.
Über Jahre dümpelte sie um Position 100 in der Weltrangliste. Als es im Jahr 2011 Erstrundenniederlagen hagelte, stand sie kurz davor, ganz hinzuschmeißen. Doch sie entschied, zum ersten Mal kompromisslos hart zu trainieren. Es war der Startschuss zu einer Karriere als Top-Ten-Spielerin.

Erst Barack Obama, dann Bambi

Auf kaum ein Leben passt der Sinnspruch "Der Glaube versetzt Berge, der Zweifel erklimmt sie" besser. Im Spätherbst des Jahres 2016 sieht ihr Leben so aus: Die Mutter hat sie aus Kiel zum Termin mit dem stern gefahren. Mit dem Manager Aljoscha Thron geht es weiter nach Berlin. Kerber gehört zu einer Delegation, die Barack Obama trifft. Am Abend verleiht man ihr einen Bambi. Es folgen in den Wochen darauf: die Spendengala "Ein Herz für Kinder" sowie die Kür zur Sportlerin des Jahres in Baden-Baden.
Sie kann das jetzt genießen: im Mittelpunkt stehen. Man sah diese entspannte Freude schon bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Rio, als sich die Athletinnen und Athleten mit ihren Handykameras um sie drängten. Kerber umarmte damals die späte Anerkennung wie eine langersehnte Freundin, deren Ankunft sie nicht mehr erwartet hatte.

Fühlte sie sich als Eintagsfliege?

Nach ihrem Sieg in Australien im vergangenen Januar hat sie einige Monate gebraucht, um sich dieser Sensation innerlich ebenbürtig zu fühlen. Zunächst war da wieder dieser Druck, allen beweisen zu wollen, dass sie mehr war als eine Eintagsfliege. Das Selbstvertrauen war noch brüchig. Es folgten Erstrundenniederlagen. Beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart saß man einer Frau gegenüber, die eine mächtige Wasserrutsche hinunterzudonnern schien: großer Spaß, großes Kribbeln, aber auch: null Kontrolle und deshalb Unsicherheit. Sie erklärte, man dürfe nicht ein Megadrama daraus machen, wenn mal ein Spiel verloren gehe. Sie sagte: "Man muss eine Mitte finden." Sie klang, als beschwöre sie vor allem - sich selbst. Vier Wochen später scheiterte sie beim Grand Slam von Paris in der ersten Runde an der Niederländerin Kiki Bertens.
Kehrten die zweifelnden Stimmen danach wieder zurück?
Die kamen nicht an mich heran.
Wie ist das gelungen?
Ich habe mir gesagt: Ich mache das alles nur noch für mich.
Und die Schlagzeilen von der Eintagsfliege?
Die habe ich gelesen, aber ich wusste: Selbst wenn ich kein Spiel gewinne, habe ich mein Ziel erreicht, einen Grand Slam zu gewinnen.


Am Ende ist es paradoxerweise eine große Niederlage, die Angelique Kerbers Status unter den ganz Großen zementiert. Sie widerfährt ihr an einem Samstag im Juni im Londoner Stadtteil SW 19. Wimbledon. Finale. Schon am Morgen wirkt sie auf einem der Aufwärmplätze, als könne sie nie mehr etwas aus der Fassung bringen. Ein paar lockere Bälle, der Coach Torben Beltz streut einige Späße ein, business as usual vor dem größten Match im Welttennis.

Auf Augenhöhe mit Serena Williams

Es ist ein großes Finale, das Kerber Serena Williams dann abermals liefert. In gewisser Weise ist es noch größer als der Sensationserfolg in Australien. Denn auf den Überraschungseffekt der Außenseiterin kann Kerber diesmal nicht vertrauen. Sie spielt gegen die größte Athletin, die es je auf diesem so schnellen Belag gegeben hat. Kerber setzt Williams eine bewundernswerte Beharrlichkeit entgegen. Verbissen ringt sie um jeden Punkt. Plötzliche Tempowechsel, intuitives Winkelspiel, perfekte Beinarbeit - ihre gesamte Bandbreite kommt zur Aufführung. Immer wieder windet sie sich aus dem Aufschlagsfeuer der Gegnerin. Es ist ein Match auf Augenhöhe. Den Centre Court erfüllen Wellen aus "Ahhs" und "Ohhhs". Nach der Partie sprechen die Experten vom besten Finale der jüngeren Geschichte, trotz eines auf dem Papier deutlichen 7:5, 6:3 für Serena Williams.

Angelique Kerber spielt Tennis

Tempowechsel, intuitives Winkelspiel, perfekte Beinarbeit: Mit dem Sieg bei den Australien Melbourne begann für Angelique Kerber das bislang beste Jahr ihrer Karriere


Barbara Rittner, Trainerin des deutschen Federations-Cup-Teams, spricht heute von Wimbledon als dem "finalen Knackpunkt" für die zweite Karriere der Angelique Kerber. "Das Selbstverständnis war für sie plötzlich: Ich gehöre dazu. Es geht nur um die Frage: Nummer eins oder Nummer zwei." Sie habe Kerber danach bei den US Open konzentrierter erlebt. Als sei sie auf einer Mission. "Für mich ist jetzt da oben meine Welt", sagt Kerber. Welche Kraft das gekostet hat, wird in ihren folgenden Worten deutlich: "Wenn ich in der Rangliste mal richtig abrutschte, weiß ich nicht, ob ich das noch einmal in Angriff nehmen würde."

Schlägersponsor bereitet ihr den großen Bahnhof

Sie glaube jedoch nicht, dass dies allzu schnell passieren werde. Zu motiviert sei sie, zu viel gelte es zu verteidigen, nicht nur den Titel bei den Australian Open im Januar.
Sie wird auch 2017 manchen Rückschlag erleben, aber, so sagt sie, sie habe das endlich gelernt - richtig verlieren: "Ich weiß heute, dass ich trotzdem stark bin."
Dann verschwindet sie in einen Nebenraum, um sich umzuziehen. Nach wenigen Minuten kehrt sie in blauer Trainingsjacke und schwarzer Trainingshose zurück. Die Zeit drängt. Sie muss jetzt wieder hinaus in ihre neue Kerber-Welt, diesmal zum Hamburger Tennisclub HTHC Harvestehude. Der Schlägersponsor will seiner Nummer eins dort einen großen Bahnhof bereiten. Zwei provisorische Tribünen links und rechts umrahmen den mittleren von drei Tennisplätzen. 500 Menschen warten gespannt, die meisten davon Kinder.

Zu Helene Fischer tänzelt Kerber auf den Platz

Zu den Klängen von Helene Fischer tänzelt Kerber auf den Platz, sie schlägt ein paar Bälle mit einer Juniorin des Klubs. Als zur Autogrammstunde gerufen wird, bricht Chaos aus. Hunderte stürzen auf Kerbers Tisch zu, der eilig auf dem Feld aufgebaut worden ist. Nach einer Stunde bringen sie zwei Bodyguards hinaus. Ein Schwarm aus Kinderhänden folgt ihr.
Als Angelique Kerber schließlich in den Katakomben verschwindet, sieht sie geschafft aus. Als sei sie von ihrer eigenen Popularität überrumpelt worden. Sie hat das nicht erwartet: so viel Zuneigung. Zu schön, um nicht wahr zu sein.

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