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Alexander von Humboldt: Die Welt in einem Buch

Mitte des 19. Jahrhunderts unternahm Alexander von Humboldt den für die damalige Zeit ungeheuerlichen Versuch, die ganze Welt und das All in einem einzigen Buch dazustellen. Jetzt wird sein "Kosmos" neu aufgelegt.

Lange Zeit zählte der Naturforscher Alexander von Humboldt (1769-1859) zu den historischen Geistesgrößen, die mehr bewundert als gelesen wurden. Himmelskörper und Meeresströmungen, Flüsse und Orte, Stiftungen und Universitäten wurden nach dem preußischen Baron benannt, doch seine Werke waren einem breiten Publikum wenig geläufig. Zum 200. Jahrestag der Rückkehr von seiner Amerikareise hat Hans Magnus Enzensberger in der "Anderen Bibliothek" des Eichborn-Verlages jetzt Humboldts "Kosmos" neu herausgegeben.

Das in der Neuauflage fast 1000 Seiten dicke und mehrere Kilogramm schwere Werk macht Humboldts Ruf als Universalgelehrter Ehre. In dem "Entwurf einer physischen Weltbeschreibung", so der Untertitel, geht es um das Sonnensystem und seine Planeten, um die Erde und ihre Atmosphäre, um Länder und Meere, um Erdbeben und Vulkanismus, Gebirgsarten und Mineralien, aber auch um die Geschichte der Wissenschaften, um Flora und um Fauna und natürlich um die Menschheit. Die kostbare Edition wird von dem "Physikalischen Atlas" des Kartographen Heinrich Berghaus begleitet.

Abhandlung mit Vollständigkeitsanspruch

"Von den fernsten Nebelflecken und von kreisenden Doppelsternen sind wir zu den kleinsten Organismen der thierischen Schöpfung in Meer und Land und zu den zarten Pflanzenkeimen herabgestiegen, welche die nackte Felsklippe am Abhang eisiger Bergipfel bekleiden", umreißt Humboldt den Vollständigkeitsanspruch seiner Abhandlung, die ursprünglich zwischen 1845 und 1862 in fünf Bänden erschienen war.

Erstmals werden jetzt "Kosmos" und Atlas gemeinsam publiziert, was seinerzeit an einem Zerwürfnis zwischen Berghaus und Humboldts Verleger Cotta scheiterte.

Kaum veraltete Betrachtungen

Seit den Zeiten Humboldts haben sich die Naturwissenschaften zwar mit Riesenschritten fortentwickelt. Doch enthält der "Kosmos" viel Basiswissen, das durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse keineswegs widerlegt ist. Ebenso wenig veraltet sind Humboldts Betrachtungen darüber, wie die Naturbeobachtung seit den Zeiten der Antike Dichter und Maler inspiriert hat. Für die damalige Zeit noch nicht selbstverständlich war Humboldts entschiedene Verurteilung der Sklaverei. "Indem wir die Einheit des Menschengeschlechtes behaupten, widerstreben wir auch jeder unerfreulichen Annahme von höheren und niederen Menschenracen", schreibt Humboldt.

Am Anfang des "Kosmos" steht eine 24-seitige "Inhalts-Übersicht". Diese erleichtert dem Leser die Entscheidung, an welchen Stellen er in den "Kosmos" einsteigen möchte. Der 175 Seiten starke Berghaus-Atlas führt zu jeder seiner wunderschönen alten Landkarten Seitenhinweise auf den "Kosmos" an.

Ungeheurer Enthusiasmus

"Deutschland ist auf Alexander von Humboldt angewiesen, wenn es die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bestehen will", scheibt Herausgeber Enzensberger in einem Begleitwort. Humboldt könne gerade auf junge Forscher ansteckend wirken durch seinen Enthusiasmus, mit dem er seine riesigen Unternehmungen realisierte. "Mit der lahmen und lähmenden Stimmung, die derzeit in Deutschland zu herrschen scheint, hatte er nichts im Sinn. Nur wer, wie Humboldt, seine Projekte 'con amore' angeht, wird in Zukunft eine Chance haben", findet Enzensberger.

Alexander von Humboldt: Kosmos - Entwurf einer physischen Weltbeschreibung
Die Andere Bibliothek, Eichborn Verlag
943 Seiten, 99 Euro

Klaus Blume, DPA / DPA