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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: "Aerosole mio" – so retten Sie Ihren Sommerurlaub!

Delphine in Venedig, aber ohne Kreuzfahrten. Selbst Sylt sperrt Besserverdiener aus. Es sieht schlecht aus für unseren Jahresurlaub – dafür ist es Zuhause genauso so schlimm wie woanders.

Venedig ohne Crocträger - das ist die Saison 2020.

Venedig ohne Crocträger - das ist die Saison 2020.

DPA

Wenn der Mittwoch wie ein Sonntag aussieht, ist das schon schlimm genug. Nun aber droht der Juli dem April zu gleichen, und das ist für den Deutschen ein herber Schlag.

Ausgerechnet der reisefreudige Deutsche, der sich in ¾-Hosen und einer Handvoll Frikadellen in der Cargoweste aufmacht, um auf den Spuren Alexander von Humboldts die laminierten Speisekarten der Welt zu entdecken muss: Zuhause bleiben.

Das ist bitter. Klar, nicht für alle.

Venedig mit Delphinen – aber ohne uns 

Die Delphine schwimmen schon seit Wochen im klaren Wasser der Grachten Venedigs, um die vom Tourismus traumatisierten Venezianer zu therapieren. Klar, dass Inge und Heinz vom Zentralrat der Crocträger lieber heute als Morgen die AIDA in die engen Kanäle der Stadt rammen würden, um DAS mitansehen zu dürfen. Doch, ach: Das wird nix.

Glaubt man größeren Boulevardzeitungen, müsste man annehmen, Angela Merkel und ein Gürteltier mit Chlamydien hätten sich zusammengetan, um uns Deutschen die Ferien zu versauen. Bei RTL-Urlaubsretter Ralk Benkö bebt das karierte Kurzarmhemd vor Zorn.

Wer jetzt noch ohne schlechtes Gewissen reisen will, der muss schon als Rumäne mit einem Regierungsflieger nahe einem deutschen Spargelfeld landen. Während Heiko Maas die Rückholflieger mit Leuten vollquetscht, damit Sie daheim brav das Social Distancing praktizieren.

Es sieht schlecht aus für unseren Jahresurlaub im Ausland.

Reiche Hamburger verkleiden sich schon als Handwerker, um unerkannt auf Sylt einreisen zu können

In Münchner Innenhöfen hörte man immer häufiger von entnervten Ehemännern den Satz "ich fahr auf keinen Fall an die bekackte Ostsee", bevor die Kanzlerin ihnen die Entscheidung abnahm. Ja, nicht einmal das deutsche Ausland ist drin, weil der Schutzmann einen am Ortseingangsschild abfängt und zurück in die geklinkerten Slums eskortiert.

In ihrer Verzweiflung verkleiden sich reiche Hamburger schon als Handwerker, um unerkannt auf Sylt einreisen zu können. Menschen, die nicht einmal unfallfrei den Sansibar-Aufkleber auf den BMW Z4 bekommen, glauben ernsthaft, sich für zwei Wochen als Klempner mit Shrimps und Kult-Currywurst in der Holstertasche tarnen zu können. Mittlerweile habe ich schon Panik, mit meinem Hamburger Kennzeichen nach Castrop-Rauxel zu fahren, die Polizei könnte annehmen, ich käme, um dort Urlaub zu machen.

Der Sommerhit 2020:  Aerosole mio.

Um den Weltphantomschmerz zu überstehen, hilft es schon mal, sich bewusst zu machen, dass es woanders auch Scheiße ist, die meisten Länder sind heillos überschätzt: Viele der Kellner, die uns in Bardolino oder Palermo die Calzone serviert haben, sind nicht einmal echte Albaner. Österreich steht im Unbedenklichkeitsranking gefühlt knapp unter den-Handlauf-der-Rolltreppe-ablecken.

Und wer sich einmal von einem übellaunigen Franzosen einen Unterteller voll frisch geschlachteter Schnecken grußlos auf den Tisch hat knallen lassen, um das auch noch freudig mit 120 Euro zu goutieren, der ist nicht weit davon entfernt, sich bei der nächsten Gelegenheit in seinen Entführer zu verlieben.

Wer sich in der Schweiz in einem Anfall von Übermut eine Tafel Schokolade gekauft hatte, musste sich dabei zusehen, wie er die folgenden zwei Wochen in seinem Hotel am Zürichsee die Familie mit Dosenravioli und einer Tube Bratensauce durchbringen musste.

Da half dann auch der putzige Akzent des Rezeptionisten nicht mehr weiter, der auch die übelsten Antigermanismen noch mit Zuckerguss servieren konnte.

Wer sich von Kulturoptimisten aus der Bundesliga hat anstecken lassen, ist zuletzt gern nach Dubai geflogen - nichts, was die Sonnenbank im Keller, der viel zu trockene April und der denkbar dümmste Instagram-Filter nicht irgendwie werden ausgleichen können.

Apropos "anstecken":  Der Trip nach Schweden mag gestorben sein, in NRW kann man dafür sehr bald prima mit anderen an der Hot Dog-Tanke in den Röstzwiebeln wühlen und sich im Presspahn-Bullerbü einen veritablen Virus einfangen.

Fahren Sie mit dem Hollandrad durch den Drive in bei Burger King! Der Biss in den Whopper kommt fast so gut wie ein paniertes Pangolin vom Wildtiermarkt in Wuhan.

Wobei es so verwegen gar nicht sein muss: Urlaub in Gardenistan oder -hihihi- Balkonien?

Schön, aber einfallslos!

NRW ist auch ganz schön elendig

Seien Sie kreativ!

Sie haben sich die letzten Wochen den Partner schön gelogen- da wird der eigene Wohnort als Traumreiseziel doch wohl auch noch drin sein!

Kommen Sie,  eine Fahrt mit dem Regional-Express durch NRW, das unterscheidet sich doch nur marginal von dem Shuttlebus, der einen durch halb Ägypten zum Hotel fährt- und sich an einem maroden Gebäude rauswerfen lassen, das sollte auch in NRW problemlos möglich sein.

Wenn Sie mit toten Augen über die Brache blicken und da hinten in der Ferne ein Windrad Adebar Storch die Knie kaputt haut - könnten das mit ein wenig Phantasie nicht auch die Windmühlen vor Amsterdam sein?

Wer muss schon mit der Hand durch die Lavendelfelder in der Provence streichen, wenn der verwilderte Grünstreifen in der Mitte der unbefahrenen A1 lockt.

Schlagen Sie ihr Wurfzelt doch mal im Steinvorgarten des Nachbarn auf. Diese nutzlose Geröllhalde wird ihnen vorkommen wie das Basislager des Mount Everest.

Nur ohne das Gedränge.

Sparen Sie sich das Jochen Schweizer-Paket für Adrenalinschübe.

Warum sich aufwändig mit einem Gummiseil an den Klöten von einer Brücke im Tschad schubsen lassen- versuchen Sie, bei einem Spaziergang am Rhein-Herne-Kanal hustenden Altherrengruppen weiträumig auszuweichen und schauen, was das mit ihrem Blutdruck macht. Bonne Chance.

Sich mit der REWE-Kassieren durch die Plexiglasscheibe und zwei Mundschutze unterhalten. Hat man da nicht das befriedigende Gefühl, schon ein wenig Portugiesisch gelernt zu haben?

Und da wegen H&M, Adidas oder Starbucks sowieso alle Metropolen gleich aussehen, spielt es keine Rolle, ob Sie gerade in Paris sind oder Gütersloh.

Erinnern Sie sich noch an dieses Siesta-Feeling, wenn Sie im Frühjahr bei 23 Grad durch Palma gestreift sind und nachmittags die Läden dicht waren? There you have it!

Auf Mallorca war es auch schlimm

Himmel, wenn die Hafermilcheuphoriker aus der Nachbarschaft wieder den Müllmännern Standing Ovations geben, schließen Sie die Augen und stellen sich vor, das Klatschen käme von der begeisterten Touristenschar nach der Landung auf Mallorca.

Wer heute vom DHL-Boten ein Päckchen für die Nachbarn entgegen nimmt, kann vielleicht morgen schon eine dieser unangenehm erzwungenen Konversationen führen, die man sonst nur mit anderen deutschen Gästen am Hotelbüffet hat.

Diese ausgewaschenen Figuren mit verfilzten Zottelhaaren in der abgefurzten Jogginghose in der Schlange vor der kleinen Konditorei - könnten die nicht genau so in der Khao San Road in Bangkok stehen?

Mit ein wenig Imaginationsgabe kommt man überall hin, das werden Sie sehen und so womöglich den schönsten Sommer ihres Lebens haben.

So, und ich werde mich jetzt betrinken und mich spätestens ab 22 Uhr betrunken in so ziemlich jedem Vorgarten und hinter jedem Schuppen erleichtern.

Wenn das Oktoberfest sowieso schon ausfällt, dann kann ich es auch gleich vorziehen.

Prost.

Micky Beisenherz freut sich auf Sie: Was bewegt Sie? Tauschen Sie sich mit unserem Kolumnisten aus: www.facebook.com/micky.beisenherz