Begriffe und Bedeutungen Kleines Brevier des Buddhismus


Glaube ohne Gott: Der Buddhismus lehrt die Eigenverantwortung des Menschen, die Wiedergeburt der Seelen und die Vergänglichkeit allen Seins. Vor 1200 Jahren wurde er in Tibet zur Staatsreligion.

Der Begriff Buddhismus, abgeleitet vom Sanskrit-Wort Buddha ('der Erleuchtete'), bezeichnet im strengen Sinn keine Religion, sondern eine Geisteswissenschaft. Als sittliche Lehre konzipiert, leugnet sie jeden Schöpfungsgedanken, erklärt die Entwicklung des Kosmos mit dem Urknall und macht - in der Gottlos gedachten Welt - jeden einzelnen Menschen für sein eigenes 'Karma' (Schicksal) verantwortlich.

Der Tod ist nicht das Ende, sondern nur ein Übergang in eine neue Existenz in einer neuen Welt, wobei gute wie schlechte Taten im Vorleben den Rang der neuen Geburt bestimmen. Dieses Kausalitätsgesetz der schier endlosen Reinkarnation - im Westen oft fälschlich als 'Seelenwanderung' beschrieben - gilt, bis die Seele, total geläutert, ins Nirvana eingeht, in das gnadenvolle Nichts, in dem alle Widersprüche dieser dualen Welt ausgelöscht sind.

Begründet wurde die Lehre von

Siddharta Gautama

, der als Fürstensohn 563 v. Chr. in Nordindien geboren wurde. Nach einem Luxusleben im abgeschirmten Palast erkannte der Prinz, so die Legende, erst mit 29 Jahren, daß Menschen hungern, krank und hilflos werden, vergreisen und sterben. Siddharta verfiel in Schwermut. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens verließ er Hof, Frau und Sohn und wanderte - mal bis zum Umfallen fastend, immer meditierend - sieben Jahre als kahlgeschorener Bettelmönch durchs Land. Mara, der Satan, kämpfte mit ihm, versuchte ihn einen ganzen Tag lang. Doch Siddharta widerstand den materiellen Verlockungen. Unter einem Banyan-Baum in Gaya verfiel er in einen tiefen Schlaf, der ihm

'bodhi' (die 'Erleuchtung')

schenkte.

Als erstes, so lehrte Gautama Buddha fortan seine Jünger, müsse man

'Die Vier Edlen Wahrheiten'

erkennen. Die erste lautet, daß das menschliche Leben durch Geburt, Alter, Krankheit und Tod voller Konflikte, Leid und Trauer sei. Die zweite, daß dieses Leiden allein dem selbstsüchtigen Verlangen des Menschen entspringe, seiner Gier nach Glück, Liebe, Reichtum und Ruhm. Die dritte, daß sich der Mensch durch Streben nach Erkenntnis und Selbstüberwindung von Leid und Gier befreien kann. Und die vierte Wahrheit zeigt, daß er sein 'Karma' überwinden könne, wenn er fortan auf dem

'Edlen Achtfachen Pfad der Tugend'

wandle. Die acht Tugenden sind: rechtes Sehen und Denken, rechte Rede und Handlung, rechter Lebenswandel und Eifer, rechtes Bewußtsein und Sichversenken, um dadurch Erkenntnis zu erlangen.

Voraussetzung für eine erfolgreiche Anwendung sei die Überwindung der egozentrischen Vorstellung, daß jeder Mensch seine eigene, unverwechselbare

Individualität

habe. 'Nichts', so lehrte Gautama Buddha, 'existiert durch sich allein. Alles ist voneinander abhängig. Und alles muß einmal zugrunde gehen.' Der Respekt vor dem Leben, gerade dem des anderen, ist oberstes Gebot: 'Tötet nicht und verhindert, daß getötet wird.' Ein wahrer Buddhist wird keiner Fliege etwas zuleide tun. Alle Tiere, auch die kleinsten, gelten als schützenswerte Reinkarnationen.

Gautama Buddha, der das

'Rad der Lehre'

in Gang setzte, starb 483 v. Chr, 80 Jahre alt. Seine Lehre, die das diffamierende Kastensystem anprangerte, gewann nicht nur in Indien schnell Anhänger. In 1000 Jahren eroberte sie, von Persien bis Ceylon, China und Japan, fast ganz Mittel-, Süd- und Ostasien. Heute stellt der Buddhismus mit mehr als 300 Millionen Anhängern - nach Christentum, Islam und Hinduismus - die viertstärkste Glaubensbewegung in der Welt dar.

Im Königreich

Tibet

faßte der Buddhismus erst Mitte des 7. Jahrhunderts n. Chr. Fuß, zunächst nur bei Hofe. Erst König Trisongdetsen gelang es 100 Jahre später, die widerspenstigen heidnischen Bön-Priester mit Hilfe des indischen Gelehrten und Magiers

Padmasambhava

auszutricksen. 775 wird in Samye das erste buddhistische Kloster gebaut. 17 Jahre später wird der Buddhismus in Tibet Staatsreligion. Gelehrt wird die großherzige Tradition des

'Mahayana'-Buddhismus, des 'Großen Rades'

. Wo die frühe Variante des

'Hinayana' (Kleines Rad)

, die vor allem Südostasien geprägt hat, Selbstrettung durch Selbsterlösung propagiert, gebietet 'Mahayana' den Suchenden statt Egoismus Altruismus: Nur wer anderen hilft, kann sich selbst helfen. Ein wahrer 'Bodhisattva' etwa, der wie Buddha die Erleuchtung erlangt hat, wird sich nicht selbst ins Nirvana retten, sondern durch Reinkarnation als

'Tulku' ('erhabener Körper')

auf die Erde zurückkehren, um mit seinem höheren Wissen anderen leidenden Lebewesen zu helfen. Der erhabenste 'Tulku' der buddhistischen Welt ist der jeweilige

Dalai Lama

. Er gilt als die Reinkarnation des 'Bodhisattva Avalokiteshvara', der Mitleid und Gnade verkörpert.

Dargestellt wird er meist mit 1000 Augen und 1000 Armen - weil er alles versteht, alles sieht, alles hört und überall helfend eingreift. Dalai Lama' ist ein mongolischer Ehrentitel und bedeutet soviel wie

'Der Lama, dessen Wissen so tief ist wie der Ozean'

. Die Mongolen, 1247 zum Buddhismus bekehrt, hatten sich unter die geistliche Obhut der tibetischen 'Gottkönige' gestellt und betrachteten sich als deren politische Schutzpatrone. Großlama

Sonam Gyatso

, 1578 vom Mongolen-Herrscher Altan Khan zum ersten Dalai Lama ernannt, gilt heute als der dritte Dalai Lama, da er seine beiden Vorgänger posthum zu Dalai Lamas befördert hat - eine typisch asiatische Geste, um die traditionell hochrespektierten Lehrer zu ehren.

Historisch am bedeutendsten war wohl der fünfte Dalai Lama, Losang Gyatso (1617 bis 1682), der die Reformationsbewegung Tsongkapas (1357-1419), des tibetischen 'Luthers', machtvoll vorantrieb. Unter seiner Herrschaft wurde der

Potala

, der Winterpalast der Dalai Lamas in Lhasa, ausgebaut, der als achtes Weltwunder gilt. Der 13. Dalai Lama (1876 bis 1933) erklärte 1913 nach dem Sturz der MandschuKaiser in Peking die völlige

Unabhängigkeit Tibets

und begann, den theokratisch erstarrten Staat zu reformieren.

Tenzin Gyatso, am 6. Juli 1935 als Sohn einer Bauernfamilie geboren und als Reinkarnation des 13. Dalai Lama bestätigt, wurde mit 15 Jahren der 14. Dalai Lama. Er floh 1959 vor den chinesischen Besatzungstruppen, die Tibet zerstörten, ins Exil nach Indien. Er hat mehrfach verkündet, notfalls der 'letzte Dalai Lama' zu sein. Dieser Notfall scheint ihm gegeben, wenn die Tibeter weiterhin alle politische Verantwortung auf ihn abwälzen, statt die parlamentarische Demokratie, die der Dalai Lama im indischen Exil initiierte, tatkräftig auszubauen.

Der 14. Dalai Lama lehnt es ab, den traditionellen 'Gottkönig' zu spielen: 'Am liebsten wäre ich ein einfacher Mönch, der in Ruhe in seiner Zelle meditieren darf.

Peter Hannes Lehmann print

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