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Bestseller in Frankreich: Die Leiden einer Kassiererin

Jahrelang musste Anna Sam als Kassiererin in einem Supermarkt die täglichen Demütigungen der Kunden ertragen. Bis sie anfing, über ihre Erfahrungen zu schreiben. In Frankreich verkaufte sich ihr Buch 100.000 Mal. Nun sind "Die Leiden einer jungen Kassiererin" auch in Deutschland erschienen.

Von Astrid Mayer, Paris

Eine Kassiererin sagt pro Tag etwa 250 Mal "guten Tag", 500 Mal "danke" und 200 Mal "Haben Sie eine Kundenkarte", hat Anna Sam ausgerechnet. Sie scannt alle drei Sekunden einen Artikel ein. Und dabei sollte sie möglichst lächeln. Auch das ist Teil der "Leiden einer jungen Kassiererin". So ist ihr Buch betitelt, das sie über ihre Erfahrungen geschrieben hat. Mehr als 100.000 Franzosen wollten den schonungslosen Bericht einer Supermarktangestellten lesen. Jetzt ist das Buch auch in Deutschland erschienen. In dem satirischen Bestseller probt Anna Sam den Aufstand der Roboter, der gesichtslosen Wurmfortsätze der Kasse, als die sie und ihre Kolleginnen meist wahrgenommen werden. Und zeigt, dass auch sie Gefühle haben.

Es ist an der Kasse ein bisschen wie im Straßenverkehr: Die Kunden kennen keinen Respekt, fahren die Ellenbogen aus und lassen gerne mal die Sau raus. Denn sie haben ja nur Kassiererinnen vor sich. "Wenn du in der Schule nicht gut bist, wirst du enden wie diese Frau", war einer der schlimmeren Sprüche, die Anna Sam zu hören bekam. Aber auch die unglaublichsten Ausreden, um sich vordrängeln zu können oder trotz geschlossener Kasse noch abgefertigt zu werden. So nach dem Motto: Wer einen solchen Job macht, muss so blöd sein, dass er alles schluckt.

Es begann mit einem Blog

"Ich habe zu schreiben begonnen, als ich meine Arbeit nicht mehr ertrug", erzählt Anna Sam. Zu dem Zeitpunkt jobbte sei bereits sieben Jahre als Kassiererin, nebenbei studierte sie. Zunächst erzählte sie die Geschichten aus ihrem Alltag im Internet. Auf "caissierenofuture.over-blog" schlug die Kassiererin zurück, indem sie den Kunden den Spiegel vorhielt. Schnell verbreitete sich der Blog - bald schon tauschten sich Kolleginnen, aber auch Kunden dort aus. Anna Sam wurde bekannt und erhielt Einladungen in Fernsehsendungen.

Das Schlimmste am Job, sagt Anna Sam, sind nicht die Arbeitsbedingungen oder die Chefs - obwohl das schon schlimm genug ist. Es sind die Kunden. Die Leute, die mayonnaisetriefende Sandwiches und offene Chip-Tüten aufs Förderband legen oder sie als "Beamtin" beschimpfen, weil sie ihre Kasse pünktlich schließt. Die sich sofort an ihre Fersen heften, bereit, sich auf die offene Kasse zu stürzen, wenn sie zurückkommt aus der Pause. Wenn man Anna Sams Buch liest, bekommt man den Eindruck, dass die Zivilisation am Supermarkt-Eingang haltmacht.

Anfragen von Verlagen

Anna Sam ist ein zu höflicher und wohl auch ein zu sensibler Mensch, um das einfach als gegeben hinzunehmen. Die ewige Frage, ob sie offen sei, hat sie jedes Mal genervt, aber nie hat sie einfach mit "biep" geantwortet, obwohl sie das passend gefunden hätte. Auf die Idee, ein Buch zu schreiben, wäre sie aber nicht gekommen. Es waren die Verlage, die bei ihr anfragten. Sie hatte die Qual der Wahl und hat sich den Verlag ausgesucht, der sie machen ließ, wozu sie Lust hatte: ein witziges Buch, in dem eine aufrechte Kassiererin gegen Windmühlen ankämpft, Überlebenstipps für Kolleginnen gibt und dabei die schönsten Stilblüten zum Besten gibt, die die Kunden ihr in all den Jahren geliefert haben.

Anna Sam ist von Gewerkschaften zur Mitarbeit eingeladen worden, die Sozialistin Ségolène Royal hat sich im Fernsehen mit ihr unterhalten: "Politik machen will ich aber nicht", sagt sie. Lieber gibt sie Seminare bei einem großen Einzelhandelskonzern, der die Ausbildung der Kassiererinnen verbessern möchte. Sie hilft, die Frauen an der Kasse besser vorzubereiten auf die täglichen Angriffe aufs Selbstwertgefühl durch dreiste Kunden.

Das, hofft sie, wird auch dazu führen, den Beruf bei den Arbeitgebern aufzuwerten. Die soziale Seite besser zu integrieren und die Supermärkte zu etwas angenehmeren Orten zu machen. "Die Leute sind ja völlig baff, wenn man ihnen am Eingang 'guten Tag' sagt", erzählt Anna Sam. Das zu ändern, brächte ein bisschen mehr Lebensqualität für jeden, findet sie. Ihr Buch hat sie all jenen gewidmet, "die sich eines Tages hinter einer Kasse wiederfinden".

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